KURIER: Irene, Ihre Figur im Film, wird von ihrem Mann krankenhausreif geschlagen, dennoch kommt sie nicht los von ihm. Können Sie dieses Verhalten nachvollziehen?
Franziska Weisz: Sie befindet sich in einer totalen emotionalen Abhängigkeit. Die Beziehung begann ja nicht mit Gewalt. Als sie ihn kennenlernt, ist sie an einem Tiefpunkt. Dann kommt dieser Mann, erfolgreich, gut aussehend, eloquent. Er macht ihr Komplimente, stellt sie auf ein Podest. Das ist das Problem, wenn der eigene Selbstwert nicht von innen kommt. Irgendwann bleiben die Komplimente aus, es gibt Sticheleien, Erniedrigungen. Der Mensch, der einem das Selbstbewusstsein gegeben hat, entzieht es einem plötzlich wieder. Irene will zurück in die schöne Beziehung und beginnt, es ihm recht zu machen. Doch je mehr sie sich anpasst, desto weniger respektiert er sie. So beginnt eine Spirale, aus der sie alleine nicht mehr aussteigen kann.
Gibt es einen Grund, dass der Film auf Ibiza spielt?
Die Insel hat eine metaphorische Bedeutung und drückt aus, dass die Wienerin dort nicht verwurzelt ist, sondern losgelöst und alleine mit der Situation. Zudem hat
Spanien strengere Gesetze, was Gewalt gegen Frauen betrifft. Wenn eine Frau, die verprügelt wurde, ihren Mann anzeigt und die Aussage später zurückzieht, wird sie vom Staat wegen Falschaussage angezeigt. Das ist die heikle Phase, in der sich Frauen oft doch noch vom Mann überzeugen lassen, die Anzeige zurückzunehmen. Das Gesetz soll ihnen den Rücken stärken und auch vor falschen Anschuldigungen schützen. Häusliche Gewalt war in Spanien ein so großes Problem wie in Österreich – jetzt gibt es dort nur noch ein Fünftel der Frauenmorde, die es in Österreich gibt.
Missbrauch beginnt meist im Kleinen. Kennen Sie solche Situationen auch privat?
Was ich aus meinem Umfeld nicht kenne, sind körperliche Gewaltbeziehungen. Psychische Gewalt hingegen, dass man merkt, Männer machen Frauen runter, habe ich schon mitbekommen. Da fragt man sich, das gibt es ja nicht, die Frau ist so klug, und dann lässt sie sich so behandeln. Ich denke, die Gesellschaft sollte da genauer hinschauen, auf Frauen, Freundinnen, Nachbarinnen zugehen und sich einmischen. Wir mischen uns ja auch sonst überall ein und haben zu allem eine Meinung. Vielleicht hilft es, wenn man der Frau sagt, du bist nicht die Einzige, die so was mitmacht. Es ist wichtig, schon die frühen Anzeichen ernst zu nehmen.
Was müsste sich auf gesellschaftlicher Ebene ändern?
Die Art und Weise, wie über Gewalt an Frauen be- und gerichtet wird. Das Grundproblem ist, dass wir immer noch eine patriarchale Struktur haben. Es ist unfassbar, dass sich eine Zeitung traut, das Zitat eines Mannes abzudrucken: „Hätte sie mich die Kinder sehen lassen, hätte ich sie auch nicht umgebracht.“ Es rechtfertigt doch sonst nichts einen Mord, und so etwas schon? Häusliche Gewalt als Kavaliersdelikt darzustellen, das ist das Problem. Die Bereitschaft, sich nicht mit dem Opfer zu solidarisieren, sondern mit dem Täter. Wenn in den Medien von einem „Eifersuchtsdrama“ oder einer „Familientragödie“ die Rede ist, wird damit der Frau mindestens die Mitschuld zugeschrieben. Meistens wird Gewalt an Frauen totgeschwiegen, das halte ich für ein Riesenproblem.
Der Gewalttäter im Film ist Österreicher, ein angesehener Komponist. Ein bewusster Bruch mit dem Klischee?
Ja. Wir müssen mit dem Vorurteil Schluss machen, dass nur Ausländer und sozial Benachteiligte ihre Frauen schlagen. Es ist eine österreichische Spezialität, „das Böse“ den Randgruppen zuzuschieben. Ein Täter aus der Mitte der Gesellschaft passt nicht in das Bild, das von Politik und Medien gezeichnet wird. Häusliche Gewalt findet in der Mitte der Gesellschaft statt und kann jeden treffen. Je höher der soziale Status, desto besser wird verschwiegen.
Hat das Thema für Sie auch eine politische Dimension?
Auf jeden Fall, das muss auf gesetzlicher Ebene geregelt werden. In Spanien etwa kommt der Mann 24 Stunden in Untersuchungshaft, wenn die Frau sagt, er hat sie geschlagen. Dann hat sie erstmal Zeit, sich Hilfe zu holen, zu planen, wie es jetzt weitergeht. In
Österreich wird man nach Hause geschickt, weil ja „nichts Ernstes passiert ist“. Wohin nach Hause? Zu dem Mann, den sie gerade angezeigt hat? Wenn eine Frau davon ausgehen muss, dass ohnehin nichts unternommen wird, sich ihre Lage eventuell sogar verschlechtert, wenn sie zur Polizei geht, wird sie weiter schweigen. Es handelt sich um Gewaltverbrechen, die als solche geahndet werden müssen.
Kommentare