Immer mehr Männer haben Spaß am Stricken.

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Leben
10/07/2019

Neue, alte Masche: Männer stricken mit

Handarbeit ist hip wie nie. "Strickfluencer" erobern das Web, auch Männer packen an.

von Marlene Patsalidis

Behutsam formt Davina Choy aus cremeweißem Strickgarn eine kleine Schlaufe. Das lose Ende zieht sie von hinten hindurch. Die so geknotete Schlinge fädelt Choy auf eine dicke Nadel aus Holz. Dann wickelt sie das am Knäuel hängende Garn um ihren Finger, fährt mit der Nadel unter den Wollstrang, hebt diesen an, lässt ihn auf die Nadel gleiten und zieht ihn dort fest. "Und das ist meine erste Masche", sagt sie.

Maschenphänomen

Davina Choy ist "Strickfluencerin" – sie bloggt im Internet übers Stricken. Allein auf YouTube, wo sie regelmäßig Video-Tutorials für Anfänger und Fortgeschrittene hochlädt, folgen der US-Amerikanerin über 125.000 Menschen. Mit ihrer Leidenschaft, und dem Geschäftsmodell, das sie darauf aufgebaut hat, ist Choy nicht allein. Sucht man auf YouTube, Facebook oder Instagram nach dem Begriff "Stricken", werden Tausende Profile ausgespuckt, unter ihnen finden sich neuerdings immer mehr Männer. Extravagant präsentiert sich die Strick-Szene auf dem Fotoblog Instagram. Dort mutiert das Handwerk zum Hingucker: Verschieden farbige, flauschige Wollknäuel werden ästhetisch gestapelt, die dazugehörigen Stricknadeln fein säuberlich drapiert.

Das alles zeigt: Stricken ist in. Der Boom der Nadelarbeit macht sich auch im Fachhandel bemerkbar. Herrschte bis vor ein paar Jahren noch gähnende Leere in Wollgeschäften, hat sich rund um die Strickarbeit ein Milliardenmarkt entwickelt. Vom Trend weiß auch Gertrud Issakides, Inhaberin des Geschäfts WolleWien, zu berichten: "Der Hype, der vor rund vier oder fünf Jahren begonnen hat, hält nach wie vor an." Wer denkt, dass das Revival nur von der Generation Großmutter getragen wird, irrt. "Ich weiß aus meinem eigenen Geschäft und von Mitbewerbern, dass sich vor allem viele junge Menschen fürs Stricken interessieren", schildert die Fachfrau.

Fakt ist: Wer Schals, Socken oder Pullover selbst strickt, steigt nicht billiger aus. Darum geht es auch gar nicht. "Hauptgrund für den Griff zur Stricknadel ist der Spaß am Selbermachen. Wer schon einmal ein fertiges Strickwerk in Händen gehalten hat, weiß, wie viel Stolz man dabei verspürt."

Anti-Stress-Stricken

Selbermacher profitieren eben anderweitig – und zwar messbar. Die Wissenschaft hat sich in den vergangenen Jahren auffallend intensiv mit Stricken beschäftigt. Psychologen, Hirnforscher und Mediziner interessieren sich gleichermaßen für die förderlichen Effekte des Handarbeitens im Allgemeinen – und des Strickens im Speziellen. Erhebungen der Harvard University zeigen, dass sich 73 Prozent der Menschen, die mindestens dreimal pro Woche stricken, deutlich weniger gestresst fühlen. Die Gleichförmigkeit der Bewegung versetzt den Körper in einen Entspannungszustand – Stichwort Entschleunigung. Das senkt den Puls um bis zu elf Schläge pro Minute und somit auch den Blutdruck. Das ausgeschüttete Serotonin lindert Schlaflosigkeit und chronische Schmerzen.

Auch für das Hirn ist das Hobby bereichernd: Eine Studie der US-amerikanischen Mayo Clinic kam zum Ergebnis, dass regelmäßiges Stricken und Häkeln das Risiko für pathologische Gedächtnisverluste, eine Vorstufe der Alzheimerdemenz, um vierzig Prozent mindern kann.

Nicht zuletzt ist Stricken auch ein hervorragendes Training für Finger, Hände und Unterarme. Die Gelenke bleiben durch die ständige Bewegung geschmeidig, das hemmt dem Knorpelabbau und beugt Arthrose vor.

Im Zentrum für Psychotherapie und Psychosomatik am Wiener Otto-Wagner-Spital ist Stricken Teil des therapeutischen Angebots für Patienten. "Es werden unterschiedliche Techniken angewendet, die Menschen ermöglichen sollen, wieder ins Tun zu kommen, ihre Handlungsfähigkeit und Selbständigkeit wiederzuerlangen und wieder in ein selbstbestimmtes Leben zu finden", sagt Angelika Rießland-Seifert, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin und ärztliche Leiterin des Zentrums. Darunter einfache Tätigkeiten wie Buchbinden, Arbeiten mit Ton, Häkeln, Nähen oder eben Stricken. "Jede Tätigkeit kann strukturgebend sein oder zur Reflexion des eigenen Handelns sowie der eigenen Fähigkeiten und Defizite anregen", sagt Rießland-Seifert.

Männer ans Garn

Ein Ende des Booms ist nicht in Sicht. Und auch Männer lassen immer öfter die Nadeln klappern. "Ich habe männliche Kunden, die für ihre ganze Familie stricken", bestätigt Woll-Expertin Issakides. Eine zentrale Figur der männlichen Do-it-yourself-Welle ist Louis Boria, besser bekannt als Brooklyn Boy Knits, aus New York. Der Designer avancierte vor zwei Jahren zum Star der Strick-Szene. Damals machten Fotos, die ihn beim Stricken in der U-Bahn zeigen, auf Social Media die Runde.

Heute nutzt Boria, der im Rahmen des Charity-Events Vienna City Knits 2019 am 12. Oktober nach Wien kommt, seine Reichweite dazu, Tabus rund um Geschlechternormen zu brechen. Und er setzt sich künstlerisch für Integration und Toleranz ein – mit Anti-Mobbing-Kampagnen oder Strick-Workshops für schwule Männer.

Zurück zu den Klassikern

Nicht nur Stricken, auch Sticken, Häkeln, Nähen, Malen und Töpfern – allesamt klassische Handarbeiten – sind wieder en vogue. In Wien verzeichnet etwa das Keramikstudio Rami eine beträchtliche Nachfrage nach Töpferkursen. Sogenannte Artnights sind in urbanen Regionen zu Trendevents mutiert: Dabei pinselt man zusammen mit Freunden in geselliger Atmosphäre berühmte Kunstklassiker nach. Sticken nimmt derweil progressive Formen an: Beim kanadischen Start-up "Femmebroidery" finden Sprüche wie "Ich bin genug" oder "Frauenpower" auf gespannten Stoffkreisen Platz.

"Handarbeit und Selbermachen generell ist eine Antwort auf die immer komplexer werdende globalisierte Wirklichkeit, die auch in zunehmendem Maße digitalisiert ist", erklärt die deutsche Soziologin Christa Müller. Dabei gehe es primär darum, "die Hände ins Spiel zu bringen und einen Produktionsprozess von Anfang bis Ende zu begleiten".

Gut Ding braucht Weile

Anfängern rät Issakides mit einfachen Mustern und kleinen Projekten zu beginnen, "sonst kann es passieren, dass man schnell enttäuscht ist und die Nadeln beiseitelegt". Eine vergleichsweise einfache Fingerübung sei ein Schal, "da geht es gerade dahin und man hat ziemlich sicher ein Erfolgserlebnis". Auch gestrickte Spültücher und aktuell angesagte Einkaufsnetze gehen leicht von der Hand.

Knapp eine halbe Stunde lang können Interessierte Davina Choy dabei beobachten, wie sie Masche um Masche auf ihren Stricknadeln ablegt. Am Ende versiegelt sie das fertige Wollwerk: "Jetzt können wir unseren selbst gestrickten Schal der Welt zeigen – genießt es."

Völlig losgelöst: In Finnland wurde der meditativen Technik ordentlich Leben eingehaucht.

Stricken und ziemlich harte Musik: Das stand vor wenigen Monaten bei der ersten Weltmeisterschaft im Heavy Metal-Stricken in der finnischen Stadt Joensuu auf dem Programm. Insgesamt neun Länder nahmen an dem Event teil. Darunter die USA, Russland, Schweden, Dänemark und Gastgeberland Finnland.

Zu lauten Heavy-Metal-Klängen übten sich die Teilnehmer darin, möglichst passend zur Musik Maschen zu formen. Der Kreativität waren keine Grenzen gesetzt. Und so wurden nicht nur neue Strickteile geschaffen, sondern manche auch dramatisch vor Publikum zerstört. Headbangend, versteht sich. "Begonnen hat alles mit dem ungewöhnlichen Gedanken, ob Strickende ähnlich beeindruckende Bewegungen wie Gitarristen ausführen können, also Maschen hinter dem Rücken formen und dabei eine derartige Geschwindigkeit und Virtuosität ausdrücken, wie beispielsweise der legendäre Yngwie Malmsteen (bekannter schwedischer Heavy-Metal-Gitarrist). Die Idee war verrückt genug, um die Leute zu begeistern", erinnert sich Lina Ihanamäki, Organisatorin der Weltmeisterschaft, gegenüber dem KURIER.

Die neue Disziplin vereint die beiden großen Leidenschaften der Finnen – auf einigermaßen bizarre Art und Weise. "Finnland ist das Land des Heavy Metal. 50 Bands kommen hier auf 100.000 Einwohner", sagt Ihanamäki. Die Gemeinde der Strick-Fans sei mindestens ebenso groß. Eine Besucherin bringt es in einem vor Ort aufgenommenen Video auf den Punkt: „Es ist lächerlich, aber es macht trotzdem Spaß.“

Den Sieg beim Wettbewerb konnte übrigens Japan einfahren: Manabu Kaneko – er trat im Kimono und flankiert von zwei Sumoringern auf – strickte am besten. Fortsetzung folgt: im kommenden Jahr.