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Österreichern fehlt das Sprach-Bewusstsein
Die Wiener Germanistin Christiane M. Pabst wünscht sich anlässlich des Nationalfeiertags von ihren Landsleuten mehr Sprach-Selbstbewusstsein.
"Leider haben wir zu Ihrer Suche nach zizerlweise keine Treffer gefunden." Heißt es auf dem Online-Portal vom Duden, in dem viele Österreicher nachschlagen, als vermeintlich oberste Rechtschreibinstanz in ihrem Land.
Christiane M. Pabst lächelt triumphierend. Dann schlägt sie die Seite 850 im Österreichischen Wörterbuch auf. Dort kann man bei zizerlweise nachlesen: Kleinweise, nach und nach – zum Beispiel mit der Wahrheit rausrücken.

Dass für viele österreichische Institutionen der in Mannheim hergestellte Duden das Maß aller Dinge ist, tut ihr weh. Pabst ortet einen österreichischen Minderwertigkeitskomplex, zu wenig Sprachsensibilität: "Anders als den Schweizern fehlt uns das Bewusstsein, dass die österreichische Variante ebenso richtig ist wie die bundesdeutsche."
Immerhin konnten hiesige Germanisten 2003 in einem hitzig geführten Streit mit der EU, der als "Marmeladekrieg" in die Literatur eingegangen ist, das Wort Marmelade verteidigen und das Konfitüre-Diktat abwenden.
Ins Wehklagen vom Aussterben der österreichischen Idiome möchte die Chefredakteurin aber nicht einstimmen. Kulturpessimisten und Verklärern der Vergangenheit hält sie leidenschaftlich entgegen: "Unsere Sprache wird ständig angereichert. Wir haben daher das Problem, dass unser Wörterbuch immer dicker wird."
A wie Ampelpärchen

Wenig Freude hat Christiane M. Pabst auch mit jenen, die vor zu viel Anglizismen warnen, die gerne von der guten alten Zeit schwärmen und dabei übersehen, dass die Sprache immer schon Veränderungen ausgesetzt war: "Ihr vertrauter Zucker kommt ursprünglich aus dem Arabischen und die Palatschinke aus dem Slawischen." Diese Beispiele zeigen auch, wie Migrationsbewegungen durch den Magen gehen und zeitverzögert in der Sprache ankommen.
Jene, die ernsthaft die Sprache reinigen möchten, erinnern sie an das Scheitern der Fruchtbringenden Gesellschaft im 17. Jahrhundert. Der Zusammenschluss von Adeligen und Autoren wollte fremde Einflüsse vom Deutschen fernhalten. Immerhin verdanken wir ihnen die Anschrift als eingedeutschte Alternative zur Adresse und den Gesichtserker anstelle der Nase. "Das war schon damals anmaßend und eine Vergewaltigung einer lebenden Sprache. Doch eine Sprache spiegelt nun mal wieder, was in einem bestimmten Raum zu einer bestimmten Zeit gelebt, angeboten und zusammengetragen wird."
Auch der gute alte Dialekt stirbt nicht aus, macht Christiane M. Pabst deutlich. Eine Analyse der Liedtexte österreichischer Bands zeige eindeutig, "dass die Dialekte weiterhin unglaublich populär sind. Das Einzige, das wegfällt, sind Begriffe für Dinge, die heute nicht mehr verwendet werden. Und selbst diese Wörter findet man noch im Wörterbuch."
Z wie Zeltstadt

Und am Ende noch eine öffentliche Liebeserklärung der Germanistin: "Das österreichische Deutsch ist sprachlich gesehen ein unheimlich bunter, schillernder, durch seine Geschichte und durch die Gegenwart schön geschliffener Diamant."
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