Leben 07.03.2018

Männerzonen: Wo Frauen noch nicht dabei sind

Männer-Reservat: Syrischer Frisörsalon in Floridsdorf © Bild: KURIER/Jeff Mangione

Es gibt sie noch, die Hochburgen für das vormals starke Geschlecht. Ein Streifzug durch letzte Reservate

Die Welt ist in Bewegung, erklärt der Sozialwissenschafter und Geschlechterforscher Paul Scheibelhofer. Jahrhundertealte, von Männern dominierte Strukturen brechen auf, zumindest in den aufgeklärten westlichen Wohlstandsgesellschaften. Zwar verdienen Männer weiterhin mehr als Frauen. Auch sind Vorstandsetagen, Parlamente, Direktionen der Wissenschaft und des Kunstbetriebs trotz Quotenregelungen immer noch weit von 50 : 50 entfernt. Dennoch brechen die traditionellen Domänen der Männer laut Scheibelhofer an vielen Stellen auf.

Die Zeit des schnellen Wandels begann in den 1970er-Jahren, datiert der Wiener Sozialforscher, der für die Universität in Innsbruck arbeitet. Dieser Wandel hat auch Auswirkungen auf das Privatleben. Die klassische Männerrunde, in der die Jungspunde der Babyboomer-Generation sozialisiert wurden, ist heute ein Auslaufmodell. Vorbei sind die Zeiten, als beim Aufguss der Wiener Pratersauna 18 von 20 Schwitzenden ein Goldketterl trugen und das Gros auf den Namen "Koarl" hörte.

Die legendäre Pratersauna hat für immer zugesperrt. Das kann man nun bedauern – oder auch gut heißen. In jedem Fall sind abseits von den zuletzt viel zitierten Burschenschaftern Gruppierungen mit dem Merkmal "Men only" selten geworden. Und es fällt auf, dass ihre Gründungsdaten schon etwas länger zurückliegen.

Paul Scheibelhofer beobachtet bei jungen Männern neue bzw. anders gelagerte Ambitionen: Nach dem Vorbild der Mütterrunden treffen sich vermehrt auch Väter, um sich gegenseitig auszutauschen. Dabei stünden Fragen des täglichen Lebens mit den Kindern und der Familie im Vordergrund (siehe Seite 8). Erst in zweiter Linie ginge es darum, miteinander Spaß zu haben.

Wenig Erfahrung hat der junge Geschlechterforscher hingegen mit schon länger bestehenden Männerrunden. Deshalb stellt er die für ihn spannende Frage: "Ist das ein Ort, an dem man den Machtverlust zu kompensieren versucht oder wird hier eine intime Atmosphäre geschaffen, um sich gemeinsam über Themen auszutauschen, die für einen persönlich oder auch gesellschaftlich relevant sind?"

Keine leichte Frage. Nach dem Besuch von vier klassischen Männerzonen lässt sich immerhin festhalten, was öfter im Leben gilt: Die Welt ist nicht schwarz und sie ist nicht weiß. Die Antwort liegt wohl auch hier irgendwo dazwischen.

Beim Fußball: Wo sich Gymnasialdirektoren „gurkerln“

Männer-Reservate, Direktoren spielen Fussball…
Männer-Reservate, Direktoren spielen Fussball © Bild: KURIER/Gerhard Deutsch

Ein Mal im Monat trifft sich eine Handvoll Direktoren und Mitarbeiter des Wiener Stadtschulrats zu einem Gipfeltreffen der etwas anderen Art. Abseits von pädagogischen Fragen, PISA-Tests und politischen Couleurs gilt es in einem Turnsaal am Stadtrand und dann auch nach ihren Leibesübungen eine Frage der Ehre zu klären:

Austria oder Rapid? „Fußball ohne Foul, das betreiben wir bereits seit dem Jahr 1995“, erinnert sich Hans Jelenko, inzwischen Gymnasialdirektor im Ruhestand. Die Idee war damals, dass sich die Kollegen außerhalb des Schulbetriebs in ungezwungener Atmosphäre austauschen können.

Tatsächlich spielt es hier in einem Gymnasium der Donaustadt keine übergeordnete Rolle, ob einer den Ball nur mit dem Spitz oder auch mit dem Rist trifft. So viel ehrliche Leidenschaft gibt es bei den von den Pädagogen verehrten Fußballprofis selten. Hier darf auch ein Landesschulinspektor praktisch mit all seinen Sportutensilien beweisen, dass sein Herz für die Grün-Weißen schlägt.

Auf die Frage, warum keine Frauen mitspielen, antwortet Gründungsmitglied Hans Jelenko so: „Als wir begonnen haben, war Frauenfußball in Österreich noch kein wirkliches Thema.“ Es gab damals auch noch deutlich weniger Direktorinnen in den Wiener Gymnasien als heute.

Mancher Teilnehmer der außerschulischen Veranstaltung findet es gar nicht so übel, dass die Männer hier unter sich sind. Nach dem Kicken sitzt Mann bei Schnitzel, Schweinsbraten oder Fleischlaberln (mehr Optionen braucht es seit Jahren nicht) sowie „Flüssigkeitssubstitution“ in der Schulkantine zusammen. Und noch nie musste über die Option „vegetarisch“ basisdemokratisch diskutiert werden.

Auch würden sich Männer, wenn sie unter sich sind, über andere Themen unterhalten, meint Robert Baldauf, Direktor eines Gymnasiums im dritten Bezirk. Und sein Administrator Peter Eichberger fügt hinzu: „Würden wir uns, was wir nicht tun, einen ganzen Abend nur über Austria und Rapid unterhalten, es würde ganz sicher keinen Ordnungsruf geben.“

Wichtig sei auch „der Häckel“, wie man das nicht ganz ernst gemeinte Aufziehen der jeweils anderen Mannschaft in unseren Breitengraden nennt. Für Frauen unter Umständen auch nicht ganz nachvollziehbar, können sich die Austrianer und Rapidler unter den Schulmeistern mit beinahe kindlicher Freude über ein „Gurkerl“ (Ball durch die Beine des Gegenspielers) erfreuen.

Zum Saisonfinale im Juli inklusive Grillage sind übrigens auch die Kolleginnen und Frauen der Direktoren herzlich eingeladen. „Und man merkt“, plaudert Erwin Greiner, ein weiterer Initiator von „Fußball ohne Foul“, aus der Schule, „dass wir dann etwas anders miteinander reden als sonst“.

Beim Schach: Wo die Damen nur auf den Brettern regieren

Männer unter sich, Schachspieler, Fussballer beim …
Männer unter sich, Schachspieler, Fussballer beim Heurigen © Bild: KURIER/Gerhard Deutsch

Ein Mal pro Woche treffen sie sich im Wirtshaus „Neuland“ in der Cobenzlgasse in Wien-Döbling, um sich gemeinsam am Schachspiel zu erfreuen. Auf die Frage, was denn das Schöne an seinem geliebten Schach sei, erläutert der pensionierte Bankangestellte Günter Waldhauser an diesem Mittwochabend: „Dass das Glück auf dem Brett keine Rolle spielt. Wenn man verliert, war man schwächer, und wenn man gewinnt, dann freut man sich.“

Seit fünf Jahren folgt Waldhauser regelmäßig dem Ruf des Schachtreffs „SK Cobenzl“. Er mag die Menschen, die einander hier matt setzen und nebenbei auch gerne einmal lachen und ein Bier oder einen Kaffee trinken. Das Einzige, was dem leidenschaftlichen Amateurspieler fehlt, sind die Frauen, die hier immer herzlich willkommen sind – die dieser Einladung jedoch nur selten folgen.

Sein Schachfreund, der aus Hamburg stammende Unternehmensberater Jürgen Peter, hat eine These, warum die Schachspieler hier unter sich bleiben müssen: „Für jene Frauen, die gut spielen, sind wir zu schwach. Andere spielen lieber zu Hause, mit Freundinnen oder im Frauen-Schachclub.“

Gerne erzählt Jürgen Peter von einer Wienerin, die eine Zeitlang aus vorwiegend pädagogischen Gründen den Treff beehrte: „Ihre Söhne haben auch Schach gespielt, und sie wollte bei uns lernen. Als sie dann besser war als die Söhne, kam sie nicht mehr zu uns.“

Der Mann tröstet sich damit, dass die Damen immerhin auf den Schachbrettern eine Hauptrolle spielen: „Denn sie sind die stärksten Figuren im Spiel.“

Sein Gegenspieler, der Lehrer Lubomir Dragnev, erinnert sich auch noch an andere Mitspielerinnen. Ihre Präsenz habe nebenbei auch das Sozialverhalten einiger Männer verändert: Während die einen plötzlich den väterlichen Erklärer in sich entdeckten, war bei anderen zartes Balzverhalten zu beobachten.

Einig sind sich alle im Wirtshaus „Neuland“, dass ihrer kleinen privaten Vereinigung eine Verjüngung gut tun würde. Kein Einzelbefund: Abseits der gut organisierten Schulschach-Aktivitäten droht eine alte Wiener Kaffeehaustradition langsam in Vergessenheit zu geraten. Dabei wird bei Schachmeisterschaften kein Unterschied gemacht: Ge- mischte Teams sind keine Errungenschaft der Gegenwart, sondern seit Jahren integraler Bestandteil des Schachsports.

Wie schön ein Spiel von Männern und Frauen sein kann, beschreibt Günter Waldhauser: „Ich habe meine Tochter das Spielen gelehrt, heute ist sie erwachsen. Und wenn sie wieder einmal gegen Männer gewinnt, erzählt sie mir das mit Freude.“

Den Döblinger Schachspielern ist es ernst: Frauen, Jugendliche, auch Männer – wer Lust hat, möge am heutigen Mittwoch ab 17 Uhr in die Cobenzlgasse kommen und mitspielen.

Beim Heurigen: Wo die „Spatzenelf“ in die Jahre kommt

Männer unter sich, Schachspieler, Fussballer beim …
Männer unter sich, Schachspieler, Fussballer beim Heurigen © Bild: KURIER/Gerhard Deutsch

Zwei Mal pro Monat treffen sie einander beim Heurigen in Großjedlersdorf, um eine moderne und vor allem eine reale Version des bekannten Kinderromans „Die Spatzenelf“ weiter am Leben zu halten. Unter ihnen kein Vickerl, kein Willi und kein Stöpserl aus Karl Bruckners Erfolgsgeschichte über Vorstadtbuben, die einen Fußballverein gründen. Rund um den Heurigentisch sitzen erfolgreiche Akademiker, Lehrer, ein Heurigenwirt, Croupiers und ein Trafikant im Ruhestand.

Die Geschichte, die sie auftischen können, geizt nicht mit Sentimentalität: In ihrer Gymnasialzeit in den 1970er-Jahren haben sie sich mit der Gründung des Floridsdorfer Amateur-Fußballvereins UFK Schwemm tatsächlich ein Denkmal gesetzt. Als einziger Klub im Wiener Fußball-Unterhaus besitzen die „Altspatzen“ ein eigenes Denkmal (direkt an einem Altarm der Donau, den man in Floridsdorf „die Schwemm“ nennt) – und dazu auch einen Kulturpfad durch den alten Heurigenort.

Einige am Tisch kennen einander beinahe ihr ganzes Leben: die einen vom Ministrieren, andere aus der Schule. Dass sie ein klassischer Männerverein sind, kann man ihnen nur schwer zum Vorwurf machen. „Wir gingen gemeinsam in ein reines Bubengymnasium“, erklärt Rudolf Ott, eine wesentliche Kraft bei der Gründung des Vereins.

Und doch spielen die Frauen der Fußballer im Vereinsleben eine wichtige Rolle: bei allen Spielen, Ausflügen, Festen und vor allem bei mehr als hundert selbst organisierten Kulturveranstaltungen sind sie niemals schmückendes Beiwerk, sondern immer treibende Kräfte.

Herrlich sind die Erzählungen des Vereinskassiers Herbert Schranz, den die anderen mit Respekt „Knox“ nennen. So hat der kleine Fußballverein den ersten Triathlon auf der Wiener Donauinsel organisiert. Und als man für den Jedlersdorfer Musikanten Andy Borg mit großem finanziellem Risiko einen Playback-Auftritt im Haus der Begegnung organisierte, kam er mit dem Geldzählen kaum nach. Die regelmäßigen Treffen beim Heurigen dienen heute dazu, alte Freundschaften aufrechtzuhalten. Und sich an einen facettenreichen gemeinsamen Lebensweg zu erinnern. Dass dabei gute Weine verkostet werden, wird als Gebot der Höflichkeit interpretiert. Gegenüber dem ehemaligen Mitspieler. Dem Heurigenwirt.

Beim Frisör: Wo sich der VHS-Chef genüsslich vergisst

Friseur Arean
© Bild: KURIER/Jeff Mangione

Ein Mal im Monat gönnt sich der Geschäftsführer der Wiener Volkshochschulen einen kurzen Solo-Trip zu seinem Herrenfrisör ums Eck. Der Maschinenschnitt, die Bartrasur, die haartechnische Behandlung der Augenbrauen, Ohren und Nase und die abschließende Kopfmassage – der „Arean“ auf der Brünner Straße 130 bietet ihm dieses kosmetische Gesamtpaket für 18 Euro geradeaus.

Meistens ist es Samstag, knapp nach 9 Uhr, wenn Herbert Schweiger beschwingten Schrittes diese nur Männern vorbehaltene Ruhezone an einer der meist befahrenen Straßen in Wien betritt, um sich dort gemütlich in einen der drei schwarzen Stühle vor dem Spiegel nieder zu lassen. Genüsslich kommentiert er dabei sein Tun: „Ich setze mich hin und kann mich komplett vergessen.“ Was folgt: eine halbe Stunde Wellness pur.

Stört den Besucher die Absenz der Frauen an diesem intimen Ort? Er weicht dieser Frage diplomatisch aus: „Was mir sehr taugt: Hier werde ich ohne viel Gschisti-Gschasti einfach nur wie ein Mann behandelt.“

Drei Haare am Kopf oder doch noch eine Mähne, Hipster oder Vorstadtcowboy, Maschine oder Schere – für die syrischen Mitarbeiter von „Arean“ ist das nicht von Bedeutung. Vor ihrem Spiegel und ihrem Auge sind scheinbar alle gleich. Schweiger schwärmt: „Jeder wird hier akzeptiert wie er ist. Mir taugt diese tolerante Art. Außerdem ist dieser Frisör auch ein Vermittler zwischen den unterschiedlichen Kulturkreisen.“ Eine nicht unwesentliche Leistung in einem Wahlsprengel, der als der dunkelblauste von Wien gilt.

Herrenwitze sind beim orientalischen Frisör in Floridsdorf ebenso wenig Thema wie Frauenzeitschriften. Die Atmosphäre wirkt ruhig und relaxed. „Im Normalfall wird hier nicht so viel geredet“, weiß der Stammkunde. Was ihn nicht weiter stört, hat er doch in seinem Beruf mehr als genügend Ansprache. Für diffizilere Themen ist die Sprachbarriere wohl auch zu groß, wiewohl der Volksbildner mit Wohlwollen die sprachlichen Fortschritte eines kurdischen Mitarbeiters registriert.

Nach der halben Stunde Aus-Zeit kehrt Herbert Schweiger ohne viel Aufregung wieder in sein bürgerliches Leben zurück. Es ist ein Leben, in dem er Männer und Frauen als absolut gleichberechtigt ansieht. Seine Frau ist übrigens mit seinem Haarschnitt sehr einverstanden. Was die Sache nicht unnötig haarig macht.

( kurier.at ) Erstellt am 07.03.2018