Leben
21.06.2018

Leben mit Alzheimer: Papa im Arm

Von der Wende am Ende: Joachim Schaffer-Suchomel erzählt, wie er seinen demenzkranken Vater zu lieben begann.

Und dann musste er seinen eigenen Vater zum ersten Mal im Badezimmer nackt ausziehen, um ihn zu waschen. Er kann sich noch genau erinnern: Voller Scham trat er einem Mann entgegen, der ihn vor der fatalen Erkrankung seines Gehirns oft in den Schatten stellte, nun aber absolut hilflos war.

„Das war neun Monate vor seinem Tod“, erzählt Joachim Schaffer-Suchomel im Gespräch mit dem KURIER. Der deutsche Diplom-Pädagoge hat über den letzten Abschnitt im Leben seines demenzkranken Vaters ein Buch geschrieben. Der Buchtitel ist klug gewählt: „Nie waren wir uns so nah.“

Den eigenen Vater waschen – vom Hals abwärts: „Das bedeutet, dass man einem Menschen, dem man nahe steht, in der Tat sehr nahe kommt“, sagt Schaffer-Suchomel. „Mich hat das am Anfang unglaublich viel Überwindung gekostet. Das war auch für meinen Vater nicht einfach.“

„Dass er mir sein Vertrauen schenkte“

So schwierig der Sprung über den eigenen Schatten war, so sehr dürfte er sich gelohnt haben, für beide. Denn es passierte etwas Wunderbares: Der Vater, der dem eigenen Sohn bis zu diesem Moment nur wenig Wertschätzung zeigen konnte, ließ es ohne Widerstand geschehen. Und der Sohn konnte sich darüber freuen: „Es war für mich das erste Mal in meinem Leben, dass er mir sein Vertrauen schenkte.“ Der Rest ist eine gemeinsame neun Monate andauernde Reise bis zu einem nicht freiwillig gewählten Ziel.

Diese Reise hatte schon neun Monate zuvor begonnen: Als der Schulamtsdirektor im Ruhestand seiner Familie eröffnete, dass er an Alzheimer erkrankt ist. Unheilbar und unaufhaltsam.

Auch an diesen Tag erinnert sich Joachim Schaffer-Suchomel sehr genau: „Da habe ich meinen Vater zum ersten Mal im Leben weinen gesehen. Ich sehe ihn noch an seinem Küchentisch sitzen und lange und bitterlich heulen.“ Ein schrecklicher Anblick, denn Franz Schaffer hat einen Weltkrieg überlebt und gehörte jener Generation an, die in einem Mann einen Indianer sah, der alles, aber nur keinen Schmerz kennt.

Gut nachvollziehbar beschreibt der Autor im Buch auch zahlreiche wenig sentimentale Erfahrungen, etwa den Verkauf von Vaters sehr verehrtem Wagen. Der war akut notwendig geworden, weil der Demenzkranke aufgrund der fortschreitenden Zerstörung der Gehirnzellen eine Gefahr für sich selbst und andere Verkehrsteilnehmer geworden war: „Er ignorierte Ampeln und Stoppschilder, und sah sich dennoch im Recht.“ Doch wie bringt man so einen Vater dazu, sich nicht mehr hinter das Lenkrad zu setzen? Die Behörden erwiesen sich für den Angehörigen nicht als Helfer: „Trotz Gefahr in Verzug, haben sie ihm seinen Führerschein nicht entzogen.“

„Um ihn vor sich selbst zu schützen“

Somit blieb dem Sohn nur mehr die Notlüge: Er lockerte die Zündkerzen des Wagens in der Garage. Und verständigte danach die Kfz-Werkstatt. Mit der Bitte, den eigenen Vater möglichst lange zu vertrösten. „Ich habe mich damals richtig schlecht gefühlt, so, als würde ich den eigenen Vater hintergehen. Aber das war für mich die einzige Möglichkeit, um ihn vor sich selbst zu schützen.“ Tagelang bombardierte sein erzürnter Vater dann den Meister in der Werkstatt, um am Ende sein altes Fahrrad aus der Garage zu holen. Oh, Mann! Doch zum Glück schob er es zum Supermarkt.

Joachim Schaffer-Suchomel hat 13 Jahre lang gewartet, bis er seine Tagebuch-Notizen zu einem Buch verarbeitet hat. Die zeitliche Distanz hat ihm geholfen, seine Erfahrungen genau auf den Punkt zu bringen. So betont er auch, dass er in jener Zeit die volle Rückendeckung seiner Frau und seiner drei Kinder hatte: „Ich musste meine beruflichen Aktivitäten auf Null zurückfahren und war für meine eigene Familie nur sehr eingeschränkt präsent. Finanziell war das ein Fiasko, emotional eine Riesenbelastung.“ Damals entstandene Verbindlichkeiten zahlt er heute noch zurück. Dass Menschen in solchen Situationen in ein Burn-out schlittern, wer kann das besser verstehen als Joachim Schaffer-Suchomel. Andererseits möchte er keinen Tag mit seinem Vater im Arm missen: „Dass ich ihn gepflegt habe, dass er sich sicher und geborgen fühlen konnte, war sehr heilend für ihn.“ Plötzlich sind dem kranken Mann wieder die Haare gewachsen. „Nur das Reden war am Ende leider nicht mehr möglich.“

Noch etwas ist dem gelernten Pädagogen wichtig: „Ich will aus meinen Erfahrungen kein Postulat machen. Für mich war es ein Glück, dass ich meinen Vater bis zu seinem Tod begleiten konnte. Es gibt aber auch Konstellationen, wo das nicht möglich ist. Deshalb muss niemand ein schlechtes Gewissen haben. Denn das hilft auch niemandem. Es gibt nur keine Entschuldigung, die vor einer wertschätzenden Haltung entbindet.“

Das Buch

Derzeit leben in Österreich gut 130.000 Demenzkranke. Diese Zahl wird sich bis 2050  nahezu verdreifachen. Das Buch eines Betroffenen ist bei mgv erschienen und kostet 9,99 Euro.

Der Autor

Joachim Schaffer-Suchomel, Jahrgang 1951, ist Diplom-Pädagoge, Sprachexperte, Coach und Autor. Und inzwischen auch ein Experte für den persönlichen Umgang mit dementen Eltern.