Leben
15.04.2013

Jungbrunnen Klettern

Es ist gesund, fördert das Wohlbefinden und die Charakterbildung. Wer allerdings übertreibt, riskiert Schäden.

Klettern boomt. Die Popularität des Sports dürfte dabei nicht nur der Tatsache geschuldet sein, dass er in der Halle einfach und sicher praktiziert werden kann – ohne die Auseinandersetzung mit dem Wetter, der Beschaffenheit des Fels, Steinschlag oder aufwendigen Sicherungstechniken. Klettern ist auch ziemlich gesund. Beim Alpinkongress IMS im Südtiroler Brixen war dem Thema darum ein eigener Schwerpunkt gewidmet.

„Klettern ist die Fortführung des kindlichen Krabbelns in der Vertikalen: eine natürliche Bewegungsform mit vielen Vorteilen für den Körper“, betont Gertraud Gisser, Primarärztin für Physische Rehabilitation am Krankenhaus Brixen. „Es fördert die Ausdauer und stärkt das Herz-Kreislauf-System. Vor allem profitiert der gesamte Bewegungsapparat mit Muskeln, Sehnen, Bändern, Knochen und Knorpel.“

Ein stabiler Rumpf mit robustem Rückgrat sei eine zentrale Voraussetzung für Sport, Arbeit und Alltag: „Wir sitzen ohnehin viel zu viel. Ein durchtrainierter, ausgewogener Muskelapparat kann hier negative Folgen kompensieren.“

Griff um Griff

Klettern fördert zudem die Entwicklung der motorischen Fähigkeiten, den Gleichgewichtssinn, die Reaktions- und Konzentrationsfähigkeit. „Man lernt, sich wieder auf eine einzelne Sache zu konzentrieren“, betont Gisser. „Ich muss mich Griff um Griff, Tritt um Tritt ganz auf die Begebenheiten konzentrieren und alle anderen Dinge ausschalten. Das hilft, im Alltag wieder in unsere Spur zu finden.“

Dazu stoßen emotionale Effekte, im Freien mehr noch als in der Halle: „Wir schütten Glückshormone wie Endorphin, Dopamin und Serotonin aus. Das ist wesentlich für unser Belohnungssystem und schwemmt Stresshormone aus dem Körper.“

Überdies fördert Klettern gesellschaftlich relevante Schlüsselfunktionen wie Anstrengungsbereitschaft, Beharrlichkeit, Teamfähigkeit, Durchsetzungsvermögen und soziale Kompetenz. „Durch die Verbundenheit über das Kletterseil, dem Sich-sichern-Lassen oder jemanden zu sichern, ist es unabdingbar, sich mit anderen auseinanderzusetzen.“

Mit Bedacht

Doch allen Vorteilen zum Trotz: Wer mit dem Klettern übertreibt, setzt sich auch Risiken aus. „Extremes Klettern führt zu Schäden am Bewegungsapparat, denen man entsprechend begegnen muss“, warnt Thomas Hochholzer, Facharzt für Orthopädie und Sportmedizin in Innsbruck.

„Das Problem ist, dass sich die Leistung beim Klettern schnell steigern lässt. Die kleinen Muskeln in den Händen werden sehr schnell stärker. Die Anpassung der Gelenke, Bänder und Sehnen braucht aber Wochen bis Monate.“

In kaum einer anderen Sportart werden Finger und Hände dermaßen stark belastet, wie beim Klettern. Die Folgen von zu frühem, falschem oder übermäßigem Training sind typische Verletzungen wie der Riss der Ringbänder am Finger oder Belastungsbeschwerden wie Sehnenscheidenentzündungen oder Schwellungen der Fingergelenke. „Diese Beschwerden heilen aber bei entsprechender Therapie und Einhaltung von Ruhephasen wieder ab“, betont Hochholzer.

Während schwere Gelenksarthrosen bei bedachtem Klettern auch nach jahrzehntelanger Ausübung die Ausnahme bleiben, sieht der Sportmediziner besonders leistungsbereite junge Kletterer gefährdet. „Buben zwischen 14 bis 16 Jahren legen stark an Gewicht zu. Der Kraft-Last-Faktor verändert sich. In dieser Zeit verschließen sich jedoch die Wachstumsfugen in den Fingergelenken, die dann anfällig für Überlastungsverletzungen sind.“ Hochholzer empfiehlt spezielle Griffe für Kinder und Jugendliche: „Besser ein Überhang mit großen Griffen, als eine geneigte Wand mit kleinen Leisten.“

Sportklettern: Auf dem Weg zum Breitensport

Der Weg als Ziel Beim Sportklettern stehen weniger alpinistische denn sportliche Motive im Vordergrund. Nicht der Gipfel ist das Ziel, sondern das Durchsteigen einer Route, die wenige Meter bis viele Seillängen lang sein kann. Sportklettern ist für jede Altersgruppe geeignet.

Garten & Halle Sportklettern findet sowohl auf natürlichem Fels – oft in Klettergärten – als auch auf künstlichen Wänden und Griffen in der Kletterhalle statt. Meist wird in Zweierseilschaften geklettert: Eine Person kraxelt, die andere sichert. Sportklettern ist auch Wettkampfsport.

Bouldern heißt Klettern in Absprunghöhe ohne Klettergurt und Sicherungsseil, oft an einem einzelnen Felsblock (englisch: Boulder). Um Stürze abzufangen, wird meist eine Bouldermatte untergelegt. Die Routen sind meist sehr kurz, technisch mitunter allerdings sehr schwierig.