Leben
23.12.2017

Glücksrezept aus dem Norden

Die glücklichsten Menschen der Welt leben in Dänemark, das zeigen Umfragen jedes Jahr aufs Neue. Kein Wunder, dass andere Nationen versuchen, daran teilzuhaben. Und die Erfolgsformel des Wohlbefindens aus dem Norden hat auch einen Namen: Hygge!

Endlich Weihnachten. Zeit um sich zurückzuziehen, ein paar Kerzen anzuzünden, sich in die Wolldecke einzukuscheln und einfach nichts zu tun. Der eisige Wind, Stress, trübe Gedanken, Regen, Schnee und Kälte müssen draußen bleiben. Willkommen sind nur Freunde, Familie, Hund und Katze. Ohne blindes Vertrauen kann man nicht loslassen.

Wir machen es uns hyggelig wie die Dänen oder koselig wie die Norweger und üben uns vielleicht auch bald in Lagom wie die Schweden (siehe Seite 38). Aber bitte kein Stress, die österreichische Gemütlichkeit tut es natürlich auch, ebenso die buddhistische Gelassenheit oder die yogische Achtsamkeit. Das Wohlfühl-Buffet ist reichhaltig und bietet für jeden etwas.

Dennoch lohnt sich der Blick nach Norden. Immerhin sind die Dänen seit Jahren Top beim Ranking des World Happiness Reports der Vereinten Nationen. Schon erstaunlich, in Dänemark regnet es immerhin 179 Tage im Jahr und von Oktober bis März überwiegt die Dunkelheit. In Norwegen, Schweden, Island und Finnland ist es bestimmt nicht viel heller, und trotzdem sind alle diese Nationen regelmäßig unter den Top 10 des Glücksberichts.

Kleine Begriffskunde in Sachen skandinavischer Zufriedenheit: Was HYGGE (sprich hügge) für die Dänen, ist KOS (sprich kus) für die Norweger. Koselig (kusele) sagt man in Norwegen, wenn etwas gemütlich ist. Die Schweden haben für ihr Glück LAGOM (sprich lahgom), dabei geht es darum, das genau richtige Maß zu finden, Extreme zu vermeiden. Also entspannt essen, wohnen, das Dasein genießen. Eine Lebenseinstellung, die zu Skandinavien gehört, wie Knäckebrot und Köttbullar.

Einfach alles will hyggelig sein

Doch bleiben wir zunächst im kleinen Königreich Dänemark, dem Land von Lego, Kommissarin Lund, der Prinzessin auf der Erbse, Zimtschnecken und Smørrebrød. Denn es existiert derzeit große Nachfrage nach dem Glücksrezept der Dänen. Was können die Menschen in Kopenhagen, Aarhus und Bornholm also besser als alle anderen? Sie haben Hygge (sprich hügge). Klingt zwar wie ein neues Sofa aus Schwedens berühmtestem Möbelhaus, ist und bleibt aber dänisch und beschreibt ein Lebensgefühl, das übrigens seit diesem Sommer im Duden steht und dort so erklärt wird: „Gemütlichkeit, Heimeligkeit als Lebensprinzip (in Dänemark)“. Ein Lebensprinzip, das bereits vor drei Jahren flügge wurde. Das international hoch angesehene Magazin „The New Yorker“ machte 2016 zum „Year of Hygge“. Aber angestoßen wurde der Trend schon 2014 in England, um dann auch Amerika, Kanada, Deutschland und Österreich zu erreichen.

Die Hygge-Zutaten Von Hygge-Ratgebern über hyggelige Möbel, Geschäfte, Cafés, Mode, Rezepten, Basteltipps und Frisuren gibt es mittlerweile nichts, was nicht hyggelig sein kann. Alle wollen am Wohlfühlkuchen mitnaschen. Es war übrigens der Glücksforscher Mike Wiking, Leiter des dänischen „Happiness Research Institute“, der den Bestseller zum Thema geschrieben hat („Hygge – ein Lebensgefühl, das glücklich macht“, Bastei Lübbe, 20 Euro). Darin enthalten ist die genaue Aufschlüsselung der dänischen Art herrlich zufrieden zu leben. Folgende Zutaten gehören demnach zum Glücksrezept: – sich durch gedimmtes Licht oder Kerzen eine schöne Atmosphäre zu schaffen, Handy, Computer und Fernsehen dabei auszuschalten; – Kekse, Kaffee und Kuchen zu genießen; – In (kleiner) gemütlicher Runde zusammenzusitzen, wo keiner dem anderen etwas beweisen muss, jeder zu Wort kommt, sich keiner in den Vordergrund drängt, man sich geschätzt und geborgen fühlt.

Volksopern-Star Morten Frank Larsen über Hygge:

Volksopern-Star Morten Frank Larsen über Hygge

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Der Begriff "hyggelig" hat auf Dänisch eine enge Beziehung zu "omhyggelig" und das bedeutet sorgfältig. Mit Sorgfalt sollte man ja auch eine Freundschaft pflegen - vielleicht sagt das etwas über den hohen Stellenwert von "hygge" in Dänemark aus. „Hygge“ oder „hyggelig“ ist für mich eine ungezwungene, einfache Auszeit mit Menschen, die mir nahe stehen. Aber auch das Alleinsein ...

... im Ohrensessel (Foto: Marie Frank Larsen) im Musikzimmer in der Gentzgasse (Vgl. "Holzfällen" von Thomas Bernhard, den man wohl sonst nicht  unbedingt mit  "hygge" verbindet) mit einem  Buch und einer guten Schallplatte auf dem Grammophon ist für mich „hygge“. So wie Zeit mit meiner Familie. Vor allem, wenn wir im Sommer nach Kandestederne in Dänemark zurückpilgern ...

... Dort gibt es keine Stadt, kein WLAN, nur ein paar kleine Sommerhäuser, die Dünen und die Nordsee. Dort ist „hygge“ einerseits mit Familie und alten Freunden zusammenzusein, die wir  nicht oft sehen (Foto: R. Bünker). Andererseits ist „hygge“ dort das einfache, friedliche und unkomplizierte Leben. Mit Glücksmomenten –  etwa früh am Morgen auf dem...

... einsamen Sandstrand mit meiner Frau und meinem Hund Saxo ein erfrischendes Bad in der Nordsee zu genießen. Überall in Dänemark hört man: „Ah, das wäre sehr ,hyggeligt’, wenn wir das oder jenes gemeinsam unternehmen könnten“ ...

... Das hat mit der dänischen Seele, der Erziehung und der Gesellschaft zu tun – dem Gefühl von Gleichheit und Vertrauen, und dass das Leben aus mehr als Geld und Karriere besteht. „Hygge“ ist für Dänen eine wertvolle Zeit mit Freunden oder Verwandten. So etwas habe ich aber auch in Österreich erlebt - vielleicht sind wir einander doch ähnlicher, als wir glauben ;-)

Hipp, hipper, Hygge Das ist längst nicht alles, sagt der Psychologe Stefan Höfer: „Natürlich spielt auch eine Rolle, dass die sozialen Rahmenbedingungen in Dänemark wie auch in Norwegen oder Schweden sehr gut sind. Geringe Arbeitslosigkeit, hohe Löhne, ein funktionierendes Gesundheitssystem. Im Wohlfahrtsstaat zu leben, sorgt für Wohlgefühl. Denn es beeinflusst, wie hoch die gefühlte Sicherheit ist – und das ist ein wichtiger Parameter für die Fähigkeit, Glück zu empfinden.“ Hipp, hipper, Hygge – dennoch stellt sich die Frage, ob hier einfach nur ein Lifestyle als Trend verkauft wird, der den Dänen selbst vielleicht gar nicht so viel bedeutet. Wer weiß. In TV-Kommissarin Lunds düsterer Welt jedenfalls ist nichts Heimeliges zu finden. Außer ihr Schlabber-Pullover vielleicht, ein gestricktes Stück Geborgenheit. Die freizeit hakte nach und fragte Dänen, die in Wien leben und arbeiten, ob Hygge in Dänemark wirklich so eine große Rolle im Alltag spielt. Ein klares Ja von Liselotte Plesner, der dänischen Botschafterin in Wien (siehe unten): „Ich würde sagen, dass Hygge unsere Wahrnehmung und unsere Art und Weise beisammen zu sein sehr stark prägt. Wir Dänen bringen Hygge mit Dingen wie Geborgenheit, Wohlempfinden, Gemütlichkeit, Gemeinschaft und Freude in Verbindung.“ Auch Bariton Morten Frank Larsen (siehe oben), seit mehr als 17 Jahren festes Ensemblemitglied an der Volksoper Wien, bestätigt: „Hygge ist in Dänemark ein gesellschaftlicher Grundwert und hat im Alltag der ganzen Bevölkerung Priorität, alle betrachten es als wertvoll und wichtig.“

Die dänische Botschafterin in Österreich über Hygge

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Lisotte Plesners persönliches Hygge (Foto von Cercle Diplomatique): "An einem Samstagvormittag über den Kutschkermarkt zu bummeln, im Türkenschanzpark zu spazieren oder jetzt zur Weihnachtszeit einen Glühwein am Weihnachtsmarkt zu genießen" ...

So lebt Liselotte Plesner Hygge (Foto privat): "Dort wo ich am meisten Zeit verbringe, in der Botschaft und zuhause, ist die Einrichtung sehr dänisch gehalten. Mit schönen dänischen Möbeln und einer angenehmen Beleuchtung, die guttut und gleichzeitig so energiesparend wie möglich ist. Die dänische Idee von "hygge" hat sehr viel mit der richtigen Beleuchtung zu tun ... 

Wir Dänen bringen "hygge" meistens mit Dingen wie Geborgenheit, Wohlempfinden, Gemütlichkeit, Beisammensein und Freude in Verbindung. Die meisten würden "hygge" als etwas beschreiben, das man in Gesellschaft von Freunden und Familie erlebt. Aber "hygge" ist genauso etwas, das man alleine erleben kann, wenn man einen schönen Moment genießt ...  

Vor einem Treffen sagt man in Dänemark oft: „Jetzt machen wir es uns gemütlich.“ Hinterher bedankt man sich für das schöne Beisammensein und sagt: „Es war sehr hyggelig.“ Diese Positivität spiegelt auch die optimistische Lebenseinstellung der Dänen wider. „Hygge“ und das Glücklichsein, auf Dänisch „lykke“, gehören meiner Meinung nach eng zusammen ...

Grundsätzlich finde ich, dass man in der richtigen Umgebung überall gleich gut „hyggen“ kann. Ich finde auch, dass die Österreicher, besonders in den Bergen, gut darin sind, eine warme Atmosphäre zu schaffen. Für mich ist Österreich schon immer einer der „hyggeligsten“ Orte für Skiferien gewesen."

Ein Mal Wollsocken, bitte Super, denkt da der gelernte Österreicher, Däne muss man also sein, um glücklich zu sein. Oder ist das gelungene Lebenskonzept eines Landes auch für Menschen in anderen Ländern anwendbar? Nicht unbedingt, sagt Psychologe Höfer. Denn gelebte Kultur erfährt der Mensch von Kindesbeinen an und wird ganz selbstverständlich ins Erwachsenenalter mitgenommen. „Hygge wie ein Däne zu leben, geht nur, indem man seinen Lifestyle ändert.“ Sich Wollsocken anzuziehen, dänische Rezepte nachzukochen oder die Wohnung mit dänischem Design auszustatten kann Spaß machen, ist aber kein Hygge. So wie eine Yogamatte und Om-Gesänge auf CD zu besitzen noch nichts mit Yoga zu tun hat.

Natürlich könne man sich bei anderen ein Beispiel nehmen. Geht es doch für die innere Zufriedenheit sehr darum, im Alltag immer wieder auch Distanz zwischen sich und seine Probleme zu bringen. Dabei kann Hygge durchaus die richtigen Zutaten liefern. Bloß kein Stress und sich mit einfachen Mitteln ein Stück Geborgenheit zaubern. Die Welt bleibt draußen, zuhause im Kreise von Menschen, denen wir vertrauen können, kann man leichter locker lassen, also loslassen. „Das ist eigentlich das Wichtigste, die Fähigkeit sich zu entspannen“, sagt Höfer. Und zwar ohne Fernsehen, Computer, und sogar ohne zu lesen. Denn es gelte die Aktivität der Nervenzellen im Gehirn runterzufahren, „was am besten mit Meditieren, Fantasiereisen oder Spazieren in der Natur geht“, so der Psychologe. Bleibt die Frage: Wie glücklich kann ein Mensch eigentlich werden? Wann geht es einem gut? Wann nicht gut genug?

Glück kann man nicht endlos steigern „Um zur persönlichen Zufriedenheit zu gelangen, gibt es viele Wege, und jeder muss selbst schauen, was für ihn passt. Was auf jeden Fall unmöglich ist, ist das Glücklichsein ins Endlose zu steigern. Glück ist kein Bruttosozialprodukt“, sagt Psychologe Höfer. Und ist Unzufriedenheit nur schlecht für den Menschen? Nein, natürlich nicht. Schließlich möchte sich der Mensch weiterentwickeln. Und erst die Unzufriedenheit führt oft dazu, dass wir entscheidende Schritte unternehmen, damit es uns besser geht. Entscheidend ist: „Unsere Konstante ist die Veränderung“, sagt Höfer, „und kein Leben kann immer nur zur persönlichen Zufriedenheit laufen.“ Dazu passt auch, dass es selbst im Hyggeland Schattenseiten gibt. Glücksforscher Mike Wiking bestätigt: Für Zugezogene in Dänemark ist es gar nicht so leicht, Anschluss zu finden. Wie denn auch, wenn es für 60 Prozent der Dänen am hyggeligsten mit drei bis vier Personen ist – und das am liebsten in den eigenen vier Wänden. Dazu kommt, dass einen das Glück der anderen auch unerträglich scheinen kann, wenn man selbst im Dunkeln tappt. Glück und Unglück liegen ja oft sehr nah beinander.

Und in Österreich? Ja, und wie fühlen sich die Österreicherinnen und Österreicher in Sachen Zufriedenheit? Immerhin gehören wir ja laut World Happiness Report ebenfalls stets zu den Top 15 der glücklichsten Nationen – das ist zwar hinter den Skandinaviern, aber dennoch kein Grund zu jammern, findet auch Psychologe Höfer: „Der Report zeigt, die Menschen in Österreich sind zufrieden.“ Die Top-15-Platzierungen seien sogar sensationell gut. „Kein Wunder, wir haben ja auch sehr hohen sozialen Zusammenhalt, ein sehr gutes soziales Gefüge, eine hohe Lebenserwartung, genug Ressourcen und können in unserem Leben sehr viele Entscheidungen selbst treffen. Alles Zutaten für das Wohlbefinden einer Gesellschaft. Wer sich gerade jetzt zu Weihnachten dennoch nicht sicher ist, ob er sich ein bisschen Hygge oder eine andere Art von Wärme über die Feiertage zaubern kann, dem rät der Psychologe: „Innehalten, wahrnehmen, was alles da ist, was man hat, auch wenn es einem subjektiv schlecht geht.“ Vielleicht kommt man drauf, dass das Leben hyggeliger ist, als man glaubt – das wäre dann schon der erste Schritt zum Glück. In Dänemark ist übrigens zu Weihnachten Hygge-Hochsaison. Gemütliches Fest!