Leben
23.08.2017

"Lagom": Das richtige Maß an Zufriedenheit

Wie schaut ein gutes Leben aus? Die Schweden nennen das Streben nach Glück "Lagom" – maßvoll, aber nicht mittelmäßig leben. Gepaart mit sozialem Bewusstsein und Verantwortung für die Ressourcen.

Das richtige Maß ist am besten.

Schwedisches Sprichwort

Sich Zeit nehmen für einen Kaffee und dabei das Vogelgezwitscher und den blauen Himmel genießen, anstatt ihn im Stehen hinunterzustürzen. – Den grantigen Nachbarn in der U-Bahn anlächeln, statt sich von seinem Ärger mitreißen zu lassen. – Bei der Einrichtung auf natürliche Materialien achten, die gleichzeitig Umwelt schonen. – Dem Impuls nach einem spontanen Frustkauf nicht nachgeben, weil im Kleiderschrank ohnehin nichts mehr Platz hat.

Das machen Sie schon alles? Glückwunsch, dann sind Sie bereits Lagom – und liegen voll im Trend damit. Das schwedische Wort (sprich: "Lahgomm") bedeutet übersetzt in etwa "genau die richtige Menge". Nicht zu viel, nicht zu wenig von allem. Und es beschreibt damit sehr anschaulich die Lebenseinstellung der Schweden.

Ausgewogen

Es ist wohl kein Zufall, dass dieses Konzept von Ausgewogenheit gerade jetzt zu uns herüberschwappt. In einer Zeit von Überfluss und Stress suchen immer mehr nach Ausgeglichenheit – in der Ernährung, im Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit oder eben beim Konsumieren.

Das Lebensgefühl der Skandinavier fasziniert nicht erst jetzt. "Es scheint, dass irgendwo zwischen Ikea und den populären Skandinavien-Krimis realisiert wird, dass Schweden ein interessanter Platz ist", sagt Steffi Knowles-Dellner. Die gebürtige Schwedin lebt jetzt in Großbritannien. Erst dort wurde ihr bewusst, wie die Lebensart ihrer Heimat die Menschen begeistert. Vor allem Schweden werde als jenes Land gelobt, in dem alle gerne leben möchten. Das liegt zum Teil an den hohen Lebensstandards: "In anderen Ländern sind die Menschen neugierig, wie man dies erreichen kann und schauen nach Skandinavien, um Antworten zu finden."

Zuletzt fokussierte sich der Blick auf Dänemark. Von dort kommt Hygge, das viel mit Gemütlichkeit und Zufriedenheit zu tun hat. Als eine Art Gegentrend zum Optimierungswahn der vergangenen Jahre steht Entspannung mit vertrauten Menschen im Vordergrund. Doch Lagom ist für Lola A. Åkerström mehr. "Hygge ist ein Augenblick, Lagom eine Lebenseinstellung." Die gebürtige Nigerianerin hat Lagom durch ihren schwedischen Mann kennengelernt. Heute lebt die preisgekrönte Fotografin und Autorin in Stockholm. Sie findet, dass die Mischung aus Geben und Nehmen dieses spezielle Lebensgefühl ausmacht. "Sie halten sich aber die Waage, ohne die Balance zwischen Individualität und Gruppendynamik zu stören." Mit Durchschnitt im negativen Sinn habe das aber nichts zu tun. "Ein kulturelles Missverständnis liegt darin, Lagom mit unattraktiven Begriffen wie Langeweile, Trägheit und Mittelmaß zu assoziieren."

Lagom ist mehr als eine maßvolle Lebensführung – es wirkt auch nach innen und unterstützt dabei, Harmonie und inneres Gleichgewicht zu finden. "Das bedeutet, im Einklang mit dem eigenen Körper sein, Bedürfnisse beachten und Wohlbefinden anstreben." Im Alltag kann das etwa durch regelmäßige Pausen umgesetzt werden. "Lagom erinnert uns daran, immer wieder innezuhalten und uns zu fragen, wie wohl wir uns wirklich fühlen", sagt Åkerström.

Innen und außen

Zur inneren Ausgeglichenheit gehört für die Schweden auch die Einbeziehung der Natur: Jeder soll Zugang zu denselben Ressourcen haben – das sensibilisiert wiederum für einen bewussten, nachhaltigen Umgang damit. Der Kreis schließt sich im eigenen Wohnraum. Skandinavisches Design ist schon lange aufgrund seiner schlichten Eleganz, in der alles auf das Wesentliche reduziert ist, beliebt. Für Lebendigkeit sorgen bunte Farben, Muster und vor allem Licht. Das Ziel: "Ein harmonisches Umfeld, in dem sich praktische und emotionale Elemente die Waage halten."

Eines kann Lagom allerdings nicht: Ein Allheilmittel für alle Sorgen sein. Gar nicht schlimm, den jeder kann versuchen, Elemente in seinen Alltag zu integrieren. "Dadurch lassen sich Neugier und Bewusstsein schärfen sowie Stress und gleichzeitig übermäßiger Konsum reduzieren", ist Lola A. Åkerström überzeugt.