Wissen und Gesundheit
25.11.2016

Mit Nichtstun und "Hygge" raus dem Stress-Alltag

Experten mahnen in Zeiten des Leistungsdrucks zu mehr Gelassenheit.

Probier’s mal mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit jagst du den Alltag und die Sorgen weg. Sherman Bros, Dschungelbuch

Wer rastet, der rostet – früher galt Nichtstun als Laster, heute mahnen Experten dazu, öfter faul zu sein. Psychiater warnen vor diesem Leben, das kaum noch Pausen kennt: Ein Termin jagt den anderen, zwischendurch läutet das Handy, eMails werden zu jeder Tages- und Nachtzeit beantwortet, und in den sozialen Medien will man auf dem neuesten Stand bleiben. Nebenbei sollte es auch noch ein Privatleben geben. Das kann nicht lange gut gehen.

"Alle sind leistungsfähig, schön, jung und möchten das möglichst lange bleiben. Das hat Folgen", sagte Iris Hauth, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde am Rande des Jahreskongresses der Fachgesellschaft. "Ich würde nicht sagen, Lifestyle macht Erkrankungen. Aber Lifestyle bewirkt Veränderungen, die Risikofaktoren für eine Erkrankung werden können."

Zwar hätten psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen in den vergangenen 15 Jahren nicht zugenommen, "was zunimmt, sind die Befindlichkeitsstörungen unter der Schwelle einer echten psychiatrischen Diagnose".

Leistungsmarathon

Von klein auf gebe es immer mehr Druck, ins Bild zu passen. Hauth zählt auf: von zappeligen Kindern, die mit Tabletten die Schulzeit bestehen sollen, über den Diäten- und Schönheitswahn und daraus folgende Körperbildstörungen bis hin zu Hirndoping mit Medikamenten, um Studium und Job zu bewältigen. Im Leistungsmarathon will jeder bestehen – auch auf Kosten der körperlichen oder seelischen Gesundheit.

Besonders Menschen, denen es an Selbstwertgefühl mangelt, seien dem Druck der Selbstoptimierung ausgesetzt, erklärt Hauth. "Wenn ich dagegen genügend Selbstwertgefühl habe – was mit der eigenen Persönlichkeit, Vererbtem, aber auch Erfahrungen der ersten 15 bis 20 Lebensjahre zu tun hat –, dann ist das ein wesentlicher Resilienzfaktor." Resilienz gilt als Fähigkeit, mit Krisensituationen und Rückschlägen umzugehen. Das Stehaufmännchen-Prinzip kann man auch trainieren. Übungen dafür wurden etwa im Rahmen einer EU-weiten Initiative auf der Webseite www.resilience-project.eu zusammengetragen.

Beim Fachkongress ruft Hauth zu mehr Muße auf: "Auch einmal nichts zu tun, ist für die Gesundheit des Gehirns sehr hilfreich." Sie rät ihren Patienten etwa, sich die gelungenen Dinge des Tages vor Augen zu führen statt die Defizite. Wichtig seien auch soziale Kontakte – Einzelgänger haben ein höheres Risiko für psychische Erkrankungen. Nicht zuletzt braucht es nach dänischem Vorbild wieder mehr "Hygge" im Leben.

Dänemark zählt seit Jahren zu den glücklichsten Ländern der Welt. Ihr Geheimnis wird gerne mit „Hygge“ erklärt, was so viel bedeutet wie „gemütlich“ – allerdings greift es viel weiter, als vor dem Kamin ein Buch zu lesen und Kakao zu trinken. „Hygge ist Zeit für uns, nicht Zeit für mich“, erklärt Jessica Alexander in ihrem Bestseller „The Danish Way of Parenting: What the Happiest People in the World Know About Raising Confident, Capable Kids“ (bisher nur auf Englisch beim Verlag TarcherPerigee), den sie mit dem dänischen Psychotherapeuten Iben Sandahl geschrieben hat.

Zum einen geht es darum, stressfrei Zeit mit seinen Liebsten zu verbringen – zum anderen stärkt der hohe Grad an Gleichheit in der dänischen Gesellschaft ihr Glücksgefühl. Daher definiert Alexander in der Huffington Post fünf Regeln für Hygge – und ein glückliches Zusammensein:

Dazu gehört, sich nicht zu verstellen – wer nicht versucht, anderen etwas zu beweisen, kann seinen Mitmenschen wahrhaftiger begegnen. Zweitens gilt es, Diskussionen zu hyggeln – also sie leichtherzig zu nehmen, statt hineinzusteigern. Dazu braucht es (drittens) ein Team: Wenn jeder ungefragt seinen Teil beiträgt, kann sich das Hygge gut entfalten. Viertens ist Hygge ein geschützter Ort, an dem man sich entspannen kann – und damit ist es auch zeitlich begrenzt (fünftens). Wer sich dessen bewusst ist, kann seine Hyggezeit auch wirklich genießen.