Ein Königreich für technische Lösungen: Dieses Sitzrad hat der Londoner Crispin Sinclair entwickelt

© Crispin Sinclair

Trendsetter
06/10/2015

Warum das Fahrrad neu erfunden wird

Eine sanfte Bewegung ist nicht mehr zu stoppen. Ihre fahrbaren Untersätze werden immer ausgeklügelter, modischer, bequemer.

von Uwe Mauch

Siebzehn, gezählte 17 Radfahrer warten bei der Urania in Wien auf grünes Licht. Noch tun die Wiener Ampeln so, als würden sich in dieser Stadt ausschließlich Autofahrer fortbewegen. Noch kommt es in einigen Wiener Bezirken zu Tumulten, wenn ein paar Parkplätze oder gar eine Fahrbahn einer mehrspurigen Straße für Radfahrer geopfert werden soll.

Wer über die Zukunft des Fahrrads etwas erfahren möchte, ist also gut beraten, einen Blick über die Stadtgrenzen der alten Umweltmusterstadt hinaus zu werfen.

Günstig, grün, gesund

"Auch in Wien wird schon bald jeder Fünfte regelmäßig mit dem Rad fahren", erklärt der Trendforscher Christian Rauch. Und erntet dafür ungläubige Blicke. Doch der Mitarbeiter des FrankfurterZukunftsinstitutslegt noch einen Zahn zu: "Das Fahrrad erhält jetzt die emotionale Bedeutung, die man einst den Autos entgegen brachte. Es erfüllt die modernen drei Gs: günstig, grün, gesund."

Tatsächlich jubelt der Fahrradhandel seit Jahren über steigende Umsatzzahlen, weltweit. Pro Jahr werden alleine in Österreich knapp 400.000 neue Fahrräder verkauft. Der Boom hält nicht zuletzt deshalb an, weil die Fahrradindustrie inzwischen mitbekommen hat, dass keine Arme-Leute-Fahrzeuge mehr gefragt sind, sondern technisch raffinierte, leicht zu bedienende und qualitativ hochwertige Lifestyle-Fahrzeuge.

Christian Gratzer vom Verkehrsclub Österreich sieht in näherer Zukunft vor allem drei Segmente, die weiter boomen werden und in denen auch mit neuen technischen Weiterentwicklungen zu rechnen ist:

Zuletzt wurden im Land der Berge mit seinen unzähligen Straßen, die bergauf, bergab führen, 200.000 Räder mit Elektromotor verkauft, und es scheint noch kein Ende dieser rasanten Entwicklung in Sicht. Die Menschen werden laut Statistik Austria nicht jünger. Zudem werden die Akkus derE-Bikesnoch leistungsstärker, noch schneller aufladbar. Und sie sollten auch nicht mehr ganz so schwer wiegen wie die heutigen Modelle.

Auf kürzeren Strecken und in der Kombination mit Zug und Auto werden zunehmend mehr Falträder den urbanen Raum und das Land erobern. Vorne weg radeln erneut die Chef-Entwickler der Londoner Kultmarke Brompton: In London und anderen großen englischen Städten sorgen ihre solarbetriebenen Brompton Docks für Aufsehen und Anerkennung. Knapp vierzig Docks wurden rund um Bahnhöfe und U-Bahn-Stationen bereits installiert. Kunden können in den versperrbaren Boxen, die wenig öffentlichen Raum einnehmen und viel Parkplatz bieten, ein Brompton jederzeit ausleihen.

Für gewerbliche ebenso wie für private Kleintransporte werden Lastenräder an Bedeutung gewinnen: Sie sind in der Anschaffung und im Betrieb deutlich günstiger als Klein-Lkws, verursachen weder Parkprobleme noch -kosten und können erstaunlich viel Ladegut auf kürzeren Strecken transportieren. Zukunftsweisend ist der robuste dreirädrige, motorunterstützte Lastenrad-Anhänger Carla Cargo, der vom gleichnamigen süddeutschen Start-up-Betrieb derzeit in Richtung Serienreife gebracht wird. Mit einem Carla Cargo können Lasten bis zu 250 Kilogramm transportiert werden.

E-Vienne…

E-Vienne Studie…

Neue Räder…

Neue Räder…

Crispin Sinclair…

Brompton Dock UK…

Csepelbike…

BikeCityGuide App…

Busch + Müller, Lumotec IQ2 Luxos U…

Radanhänger für Schwertransport…

Im Königreich der Konstrukteure

"In Zukunft wird die Mobilitätsvielfalt weiter steigen", zitiert Gratzer aus Studien. Zur Arbeit mit der U-Bahn, zum Einkaufen mit dem Rad und zu Freunden im Waldviertel (in Ermangelung zeitgemäßer Zugverbindungen) mit dem eigenen oder geliehenen Wagen: Das ist heute längst Realität. Um den Fahrrad-Anteil von zwanzig Prozent zu erreichen, die der Trendforscher Rauch vorhersieht, muss jedoch auch die Fahrradinfrastruktur verbessert werden, so der VCÖ-Mann. "In den Städten muss es mehr diebstahlsichere Abstellplätze geben. Und aufgrund der weit vorangeschrittenen Zersiedelung am Land mehr gesicherte Radwege neben den Landstraßen."

Weit entfernt von österreichischer Verkehrspolitik, im Königreich der Konstrukteure, in Großbritannien, hat der Londoner Crispin Sinclair das Sitzfahrrad neu erfunden. "Es ist das sicherste Fahrrad der Welt", tönt Sinclair. Zum Beweis zeigt er die Animation vom Zusammenprall seines Babel Bikes mit einem Lkw, bei dem der Rad-Dummy weitgehend unversehrt bleibt.

In eine andere Richtung zielt das Angebot des Wiener Händlers Tamás Sziromi-Nagy, der das BudapesterCsepelbikenach Österreich importiert. Er bietet seine Modell besonders preisgünstig an, wodurch seine durchaus formschönen Räder auch für jene leistbar werden, die sich sonst keine Hipster-Bikes leisten könnten.

Auch die hellen Köpfe des Wiener Büros Spirit Design haben das Rad auf ihrem Radar. Bisher machten sie mehr mit der Gestaltung von Eisenbahnen von sich reden (sowohl das Aussehen des ÖBB-Railjets als auch der Reisezüge der Westbahn GmbH geht auf ihre Kappe). Mit der Studie des eVienne, von dem derzeit ein Prototyp gebaut wird, nähern sie sich dem Fahrrad von einer anderen Seite. Die Ausgangsfrage lautete: Wie könnte ein Fahrzeug aussehen, das die Vorteile eines Fahrrads und die Errungenschaften der Automobilindustrie vereint?

Muskelkraft speist Radler-Navi

Auch im Bereich der Komponenten tut sich im Moment viel: Spannend sind zum Beispiel dieLoopwheelsdes Briten Sam Pearce. Pearce hat die Fahrradfederung aus Karbon in das Laufrad integriert – zwischen Nabe und Felge. Die ersten Tester jubeln nicht über eine fertige Lösung, würdigen aber "eine Idee mit Potenzial".

Ein Stück weiter sind radaffine Software-Entwickler aus Graz. Sie haben eine spezielle App für urbane Radfahrer entwickelt. Via Mobiltelefon, das auf dem Lenker befestigt wird, zeigt ihr Radler-Navi die Radroute an und ist dabei handlicher als jeder Stadtplan. Nach den österreichischen werden derzeit die deutschen Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern digital erschlossen. Die jungen Bike Citizens beschäftigen bereits zwanzig Menschen in Graz, und drei in Berlin. Zu ihren Städte-Apps geht es hier.

Damit das Handy am Lenker in Betrieb bleibt, gibt es nun spezielle Lichtanlagen, die den Akku aufladen. Zu empfehlen ist das Set der Firma Busch + Müller, die im Ruhrgebiet zu Hause ist. Der Hersteller gibt ehrlich zu, dass das Gerät seinen Preis hat (179 Euro) und das Aufladen im Moment nur bei flotten Radlern gelingt. Jene 17, die bei der Urania weiterhin auf ein Grün ihrer Ampel warten, werden damit (derzeit noch) keine Freude haben.

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