KURIER-Bildungsbeirat

© Kurier/Franz Gruber

Leben
02/13/2019

„Ein einziger Lehrer kann das Leben eines Kindes verändern“

Neue KURIER-Initiative: Zwölf Experten aus der Praxis benennen die wirklichen Probleme in den Klassenzimmern. Und zeigen Lösungen auf.

Die Schule von Rainer Graf ist eine Leuchtturm-Schule: „Wir sind seit Jahren ein Schulversuch und haben alles auf den Kopf gestellt. Kurz: Unsere Stunden dauern 40 Minuten, an drei Tagen haben die Schüler Zeit, in der dritten und vierten Stunde selbstständig zu lernen.“

So gut kann Schule funktionieren, wenn sich engagierte Pädagogen kreativ gegen die Behäbigkeit im System wehren. Was machen sie anders? Sie stellen das Kind in den Mittelpunkt.

 

 

Mit 12 von ihnen hat der KURIER einen Bildungsbeirat auf die Beine gestellt. Profis aus der Praxis, die wissen, wo die Probleme liegen, die sie benennen und aufzeigen, was möglich ist. „Seit 30 Jahren werden in Österreich dieselben Probleme im Bildungsbereich beklagt. Wir wollen mit unserem Bildungsbeirat klare Ansagen machen“, erklärt KURIER-Chefredakteurin Martina Salomon. Die Überlegungen der Pädagogen abseits von Parteipolitik und den Gräben zwischen Schultypen wird der KURIER regelmäßig veröffentlichen. Die Experten sind Inputgeber und Gastkommentatoren.

Das sind die Mitglieder

Heidi Schrodt

Die Ex-Direktorin der AHS Rahlgasse besucht Schulen in der ganzen Welt – auch um zu sehen, was andere besser machen. Ein Thema, das ihr am Herzen liegt, ist die Frage, wie die Schule auf die Migration reagieren soll. Ihre Forderung:  „Wir müssen die Schulen mit besonderen Herausforderungen besser ausstatten.“

Sonja Schärf-Stangl

Der Leiterin der Volksschule  St. Christiana in  Frohsdorf, NÖ,  ist eine gute Zusammenarbeit mit den Eltern wichtig: „Es braucht ihr Vertrauen, dass es der Lehrer gut mit  dem Kind meint.  Wenn dieses Zusammenspiel   funktioniert und jeder sich darum bemüht, das Beste für das Kind zu erreichen, profitiert der Schüler am meisten.“

Erwin Greiner

Die Pädagogik ist seine Leidenschaft:  Jetzt ist er in  Pension und noch für die Schule aktiv. Er  begleitet bei  „Teach for Austria“ Uni-Absolventen, die zwei Jahre als  Quereinsteiger in Brennpunktschulen unterrichten. Der ehemalige Basketballer sagt: „Ein einziger Lehrer, der sich einsetzt, kann das Leben eines Kindes verändern.“

Rainer Graf

Gleich drei berufsbildende Schulen vereinigt er in seinem Schulzentrum Ybbs. Er will die Jugendlichen dazu  anleiten, sich Themen selbst anzueignen – mit Unterstützung des Lehres.   „Warum tust du dir das an?“ ist eine häufige Reaktion auf sein Engagement. Sein Credo daher: „Wir müssen mehr Wertschätzung ins System bringen.“

Susanna Haas

Die  pädagogische  Leiterin der St. Nikolausstiftung (Wiener Pfarrkindergärten) sieht im Kindergarten eine der  wichtigsten Bildungseinrichtungen, der  dafür sorgt, dass jedes Kind eine Chance hat. Für ihre Arbeit bräuchten die Pädagoginnen aber mehr Ressourcen: „Die hohe  Drop-out-Rate in den ersten Dienstjahren ist ein Ergebnis der  Rahmenbedingungen.“  

Faiza Sadek-Stolz

Sie studierte in Kairo, wo sie in einem Armenviertel ein Lernzentrum gründete. Zurück in Wien unterrichtet sie an einer NMS und ist Mitbegründerin des Start-ups „Einfach-mehr-Deutsch“, mit dem Schüler ohne Deutschkenntnisse dem Unterricht von Beginn an folgen können. Sie fürchtet: „Die Schere zwischen den Schülern geht immer weiter auseinander.“

Niki Glattauer

Der  langjährige KURIER-Kolumnist ist ausgebildeter Haupt- und  Sonderschullehrer und leitet ein  Sonderpädagogisches Zentrum. Seine Beobachtung: „Alles beruht derzeit auf dem Herumdoktern an NMS. Eigentlich müssten die Elementarpädagogen aufgewertet werden und in Volksschulklassen zwei Lehrer stehen.“

Doris Pfingstner

Lehrerin, Direktorin, Betriebswirtin: Sie hat in ihrem Leben schon viele Berufe ausgeübt. Jetzt leitet sie die NMS Eibengasse in Wien-Donaustadt: „Über den Ausdruck Brennpunktschule ärgere ich mich. Was das mit den Schülern, Eltern und Lehrern macht, ist unmenschlich.“ Ihre Arbeit sei elementar: „Wir Pädagogen machen den Unterschied.“

Michael Sörös

Er hat in seinem Berufsleben schon viele Stationen durchlaufen: Lehrer für Latein und Geschichte, Direktor, Landesschulinspektor und Leiter einer Bildungsregion. Der in Wien lebende Niederösterreicher bedauert, dass so viele auf Wien schimpfen: „Die Bundeshauptstadt ist anders. Da braucht es eben andere Lösungen.“

Michel Fleck

Er leitet die älteste „Gesamtschule“ Wiens, die Anton-Krieger-Gasse. Eine Schule, die für das steht, was ihm wichtig ist: „Unsere Gesellschaft wird immer heterogener – nicht nur  sprachlich, sondern auch, was die Leistung angeht.“ Für ihn ist die zentrale Frage: „Wie gestalte  ich als Pädagoge den Unterricht so, dass für jeden Schüler etwas dabei ist.“

Robert Baldauf

Der bekennende Fußball-Fan und Befürworter des achtklassigen Gymnasiums setzt auf die Schulautonomie – manches kann am Standort entschieden werden. „Allerdings sollten Schulen nicht nur den Mangel autonom verwalten. Es wäre schön, wenn für Wünsche aus dem Ministerium gleichzeitig  auch die Ressourcen zur Verfügung gestellt würden.“

Isabella Zins

Als Leiterin eines Oberstufengymnasiums in Mistelbach kennt sie nicht nur die Welt der AHS, sondern auch der Mittelschule, von wo viele ihrer Schüler kommen. Ihr Wunsch: „Wir brauchen mehr Unterstützungspersonal in den Schulen – von Sekretärinnen bis zu Sozialarbeitern. Jetzt ist die Direktorin für alles zuständig.“

Jetzt benennen sie provokant jene Themen, bei denen dringend Handlungsbedarf besteht. Eine Zusammenfassung :

- Mittelschulen (NMS): Sie werden – vor allem in den Städten – zu Restschulen. Die Eltern wollen ihr Kind nicht dorthin schicken, und Lehrer unterrichten lieber in einer AHS. Selbst Mittelschulen, die sich gut entwickeln, gelten als Brennpunktschulen.

- Schnittstellen: Der Druck, später in ein Gymnasium gehen zu können, wirkt sich schon auf die Kleinsten aus. Bereits in der 2. Klasse Volksschule gilt ein Dreier im Zeugnis als „Katastrophe“.

- Unterstützungspersonal: In keiner Schule im Ausland ist der Direktor das Mädchen für alles, sondern es gibt Unterstützungspersonal. Doch ohne Beratungslehrer oder Sozialarbeiter sind die heutigen Herausforderungen nicht zu bewältigen.

- Elternarbeit: Die Eltern sind heute oftmals hilfloser als früher. Da bräuchte es aufsuchende Elternarbeit wie in Skandinavien üblich.

- Soziale Schere: Die Niveauunterschiede sind groß. Die Ursachen liegen aber weniger im mangelnden Deutsch als im sozialen Hintergrund der Familie. Was Eltern ihren Kindern nicht vermitteln, kann keine Schule aufholen.

- Elementarpädagogik: Kinder kommen mit zwei Jahren Rückstand ins verpflichtende Kindergartenjahr. Das kann man unter den jetzigen Bedingungen nicht aufholen.

- Autonomie:Am Standort kann zwar theoretisch viel entschieden werden – wie etwa Zweige (z.B. Medien und Kommunikation), doch die Umsetzung wird durch Regelungen erschwert.

- Freie Schulwahl: Die Gemeinden verhindern meist, dass Kinder die Pflichtschule im Nachbarort wählen können.

- Lehrerauswahl: Mittlerweile ist es zwar meist kein Problem für Direktoren, den Wunschlehrer zu bekommen. Allerdings kann man Ungeeignete kaum loswerden.

- Lehrerausbildung:Das Unterrichtspraktikum wurde abgeschafft.

- Wertschätzung: In den Systemdebatten geht unter, was wesentlich ist: Wie Direktoren, Lehrer, Kinder und Eltern miteinander umgehen.