Leben
05.11.2018

Der Weltkrieg im Kopf

Kriegstraumata belasten tausende Senioren in Österreich. Ihre Symptome weden oft verkannt, obwohl auch Nachkommen betroffen sein können.

Helga sitzt in einem Dornbirner Kinosaal und kann nicht aufhören zu weinen. Es ist das Jahr 1979, die letzten Minuten der Günter-Grass-Verfilmung „Die Blechtrommel“ sind angebrochen. Auf der Leinwand wird die Hauptfigur Oskar eilig über einen Bahnsteig voll schwerbepackter Menschen getragen. „Papa, Papa“, ruft er. Doch Papa kommt nicht – auch nicht, als Oskar in einen vollbepackten Güterwaggon gesetzt wird und der Zug heftig dampfend abfährt.

In dem Moment bekommt Helga einen Schreikrampf. Sie springt von ihrem Platz auf, drängt sich durch die Sitzreihe und stürzt aus dem Kinosaal ins Foyer. 

Heute noch erinnert sich Helgas Tochter Claudia Wielander an den Vorfall vor fast 40 Jahren. Lange Zeit konnte sie sich nicht erklären, was mit ihrer Mutter passiert war. „Es wurde nicht darüber gesprochen“, sagt sie „aber dieses Erlebnis hat mich sehr beeindruckt“. 

Als Erwachsene beginnt sie viele Jahre später, Fragen über die Kindheit ihrer Mutter zu stellen. So erfährt sie, dass Helga als kleines Mädchen im Jänner 1945 vor sowjetischen Soldaten aus ihrem Heimatdorf Allenstein im heutigen Polen flüchtete. Dass sie gemeinsam mit ihrer Mutter und den Geschwistern zum Bahnhof laufen musste und sich in einen bereits zum Bersten vollen Waggon presste - ähnlich wie der kleine Oskar in der „Blechtrommel“.

Heute ist Helga 82 Jahre alt. “Der abfahrende Zug, die weinenden Kinder, die verlassenen Koffer - das hat mich an den Tag meiner eigenen Flucht zurückversetzt”, sagt sie.   

Spuren eines Massentraumas

Damit ist Helga nicht allein. Tausende Senioren in Österreich leiden aufgrund ihrer Kriegserlebnisse heute noch an Schlaflosigkeit, Verwirrung und Angstzuständen. Darüber gesprochen wurde lange Zeit kaum, auch weil die Symptome nicht als Kriegsfolgen erkannt wurden. Nun legen neue Forschungsergebnisse nahe, dass die Traumata von damals immer noch spürbar sind – auch für nachfolgende Generationen. 

Wie Helga liegt auch die 101-jährige Anna R. aus Wien nachts oft wach in ihrem Altersheim-Zimmer und muss wieder und wieder an ihre Kriegserlebnisse denken. Im Ersten Weltkrieg hatte sie ihren Vater verloren, im Zweiten Weltkrieg fiel ihr Ehemann. Ihren Sohn musste die gelernte Schneiderin vom Tag seiner Geburt an alleine großziehen.

Experten schätzen, dass etwa zwei Drittel der Menschen, die den Zweiten Weltkrieg erlebt haben, ein Trauma erlitten. Im Alter kann sich das auf unterschiedliche Weise zeigen. Häufig stehen Betroffene mitten in der Nacht aus ihren Betten auf und gehen rastlos und scheinbar verwirrt umher. Manchmal verweigern sie Körperkontakt, lassen sich etwa ungern waschen.

Auch das Umkleiden für die Nacht kann kompliziert sein, wenn sich Traumatisierte weigern, einen Schlafanzug anzuziehen. Manchmal verstecken Betroffene auch Lebensmittel

Solche Verhaltensweisen stellen Pflegekräfte oft vor Rätsel, die Ursachen werden häufig verkannt. „Diese Personen wollen etwa angezogen zu Bett gehen, damit sie im Falle eines Bombenalarms bereit sind, in den Luftschutzkeller zu gehen“, erklärt der deutsche Traumatherapeut Udo Baer. „Verstecken sie ihr Essen, liegt dahinter der Wunsch, einen Notvorrat zu haben. Viele Altersheime wissen das oft nicht und gehen darum nicht richtig damit um.“

Traumatisiert oder dement?

Bis in die 1980er Jahre habe der Gedanke, dass es so etwas wie psychische Kriegsfolgen überhaupt geben könnte, als abwegig gegolten, erklärt Baer. Ein Problem mit schwerwiegenden Folgen: „Meinen Beobachtungen zufolge sind ein Drittel bis 40 Prozent aller Symptome, die einer Demenz zugeordnet werden, in Wahrheit Traumafolgen“, sagt Baer.

Dazu führt er ein Beispiel aus der Praxis an: Eine alte Frau läuft voller Angst über den Gang eines Pflegeheims, reißt hektisch eine Tür nach der anderen auf und ruft: „Wo geht es hier nach Königsberg?“ Wer die Frau sieht, denkt, sie ist dement.

„Ein Irrtum“, sagt Baer, denn es kann zwar sein, dass die Frau auch dement ist, was sich in dieser Situation aber zeigt, sind die Folgen einer kriegstraumatischen Erfahrung. „Die Frau glaubt, es ist der Winter 1944 und sie muss vor der Roten Armee nach Königsberg flüchten.“

In vielen Fällen ließe sich allerdings keine klare Trennlinie zwischen posttraumatischer Belastungsstörung infolge eines Traumas und Demenz ziehen, gibt die klinische Psychologin Elke Schmidl, Spezialistin für Traumabewältigung im Wiener Pflegewohnhaus Leopoldstadt, zu bedenken.

Zwar handelt es sich um zwei unterschiedliche Krankheiten, sie treten aber häufig parallel auf und beeinflussen einander wechselseitig. Eine Demenz kann die Symptomatik einer posttraumatischen Belastungsstörung noch verstärken, erklärt Schmidl. „Vor allem im Anfangsstadium spielen sich die demenzbedingten Abbauprozesse gerade in jenen Hirnbereichen ab, die auch ein Trauma und die damit verbundenen Emotionen kontrollieren“. 

Unter den Ursachen für Kriegstraumata sind laut Forschungsergebnissen der Universität Wien Luftangriffe am häufigsten. Gottfried F., geboren im Jahr 1925, kann sich bis heute ganz detailliert daran erinnern, wie ihm eine Fliegerbombe im Jahr 1944 beinahe das Leben gekostet hätte.

Auch die Zeit in Kriegsgefangenschaft hat sich oft tief in die Erinnerung der Senioren eingebrannt. Der heute 92-jährige gelernte Tischler Hubert S. musste mit 19 Jahren in die Wehrmacht einrücken, wurde zum Gebirgsjäger ausgebildet und dann zur Abwehr der Tito-Partisanen eingesetzt. Vier Jahre verbrachte er im ehemaligen Jugoslawien in Kriegsgefangenschaft.

Einig sind sich Experten darüber, dass Kriegstraumata in Österreich so selten Thema sind, weil die NS-Zeit nicht ausreichend aufgearbeitet wurde. „Es gibt hier oft Unverständnis dafür, Leid und Traumata in der Tätergeneration zu thematisieren“, erklärt Helgas Tochter Claudia Wielander. Sie ist selbst Psychotherapeutin geworden und hält immer wieder Vorträge über Weltkriegstraumata. 

Dabei ist sie auch mit Kritik konfrontiert: „Einmal hat jemand im Vorfeld eines Vortrags beim Veranstalter angerufen, und gemeint, man könne nicht sagen, die Tätergeneration sei traumatisiert“, erzählt Wielander. „Leid ist aber immer ein subjektives Erlebnis und Leid zu vergleichen, macht es nicht weniger schmerzhaft für den Betroffenen.“

Die Angst im Erbgut

Von den Traumafolgen seien längst nicht mehr nur Zeitzeugen betroffen, sagt Wielander. Die Psychotherapeutin spricht ein lange nicht erforschtes Phänomen an, wonach Traumata nicht nur bei der Kriegsgeneration weiterwirken, sondern auch an ihre Nachkommen übertragen werden können.

„Wenn es in einer Familie etwa einen Fluchthintergrund gibt, dann wechseln die Nachkommen meistens oft den Wohnort, können schlecht mit Problemen oder Abschieden umgehen“, sagt Wielander. „Sie neigen dazu, wegzulaufen, wenn sie in innere Not kommen, und alles immer schnell packbar haben zu wollen“.

Leiden Nachfolgegenerationen also unter den Kriegserlebnissen ihrer Vorfahren? Sind Traumata vererbbar? Neueste Forschung untermauert diese These. Epigenetische Studien gelangen immer häufiger zu dem Ergebnis, dass Traumafolgen von Generation zu Generation weitervererbt werden.

Ein Forschungsteam der Universität und ETH Zürich konnte anhand eines Maus-Modelles nachweisen, dass die Weitergabe von Traumata sogar bis zu vier Generationen möglich ist.

Dazu setzten sie die Föten traumatisierter Mäuse Leihmüttern ein. Nach der Geburt zeigten sich im Verhalten der Baby-Mäuse ähnliche Traumasymptome wie bei den biologischen Müttern. Das passiere über die Aktivierung beziehungsweise Deaktivierung von Chromosom-Abschnitten durch traumatische Erlebnisse, erklärt Projektleiterin Isabelle Mansuy.

Ist es also möglich, dass ein Trauma, das die Großmutter im Krieg erfahren hat, heute noch das Leben ihrer Enkel beeinflusst? „Ja, es ist zumindest sehr wahrscheinlich, dass ähnliches auch beim Menschen passiert“, sagt Mansuy. „Es wäre unwissenschaftlich, eine Prozentzahl zu nennen, aber fast alle Traumasymptome konnten wir noch in der dritten Nachkommen-Generation beobachten. Einige auch noch in der vierten.“

Geht es nach den Experten, soll es durch eine positive und anregende Umgebung für den Nachwuchs umgekehrt aber möglich sein, die epigenetischen Veränderungen wieder zu tilgen.

Auch die 82-jährige Helga, die vor 40 Jahren aus dem Kino stürmte, kommt mit ihrer Vergangenheit heute besser zurecht. Sie hat viele Gespräche geführt und sogar Stationen ihrer damaligen Flucht besucht. „Vor Kurzem hat meine Mutter zum ersten Mal auch von positiven Kindheitserinnerungen erzählt“, sagt ihre Tochter Claudia Wielander

Zum 70. Geburtstag hat sie Helga ein dickes leeres Buch geschenkt. „Ich habe sie um ihr Vermächtnis gebeten“, sagt Wielander. „Ich weiß, dass sie zu schreiben begonnen hat, aber die ganze Geschichte werde ich wohl nicht zu lesen bekommen, solange sie lebt.“