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Leben
04/25/2019

Buben und Mädchen: Wem Gaming eher schadet

Wie sich Online-Spiele auf das Sozialverhalten des Kindes auswirken, hängt von Geschlecht und Alter ab, besagt eine neue Studie.

von Julia Pfligl, Ute Brühl

Nach den Osterferien ist das ewige Streitthema präsenter denn je: In vielen Familien mit jugendlichen Kindern beherrschen Diskussionen um den richtigen Umgang mit Videospielen den Alltag. Auch die Wissenschaft arbeitet sich derzeit am Thema Online-Spiele ab: Jeder siebte Gamer ist suchtgefährdet, warnte das deutsche Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters vergangenen Monat (der KURIER berichtete) und bestätigte damit die Sorgen vieler Teenager-Eltern.

Eine aktuelle Langzeitstudie aus Norwegen liefert nun beruhigendere Nachrichten – zumindest für Bubenmütter- und -väter. Die Forscher der Norwegian University of Science and Technology wollten wissen, wie sich regelmäßiges Gamen auf die sozialen Kompetenzen der Kinder auswirkt, und befragten dafür 870 Sechs- bis Zwölfjährige sowie deren Eltern und Lehrer. Die Ergebnisse, publiziert im Fachjournal Child Development, überraschen: Die Zeit, die Buben an der Konsole verbrachten, schadete ihrer sozialen Entwicklung nicht grundsätzlich; Mädchen, die regelmäßig zockten, hatten dagegen zwei Jahre später Probleme, Freundschaften zu knüpfen. Sie seien isolierter von ihrer Umwelt und hätten daher weniger Möglichkeiten, ihre sozialen Fähigkeiten mit Gleichaltrigen zu trainieren.

Buben spielen sozialer

Bereits frühere Studien hatten gezeigt, dass Burschen und junge Männer ein anderes – sozialeres – Spielverhalten an den Tag legen. Ein Drittel der Buben zockt laut einer Umfrage des US-amerikanischen Pew Research Centers von 2015 täglich online mit Freunden, von den spielenden Mädchen tun dies nur acht Prozent, zudem kommunizieren männliche Spieler viel häufiger via Voice-Chat-Funktionen mit Mitspielern als weibliche. Zwar nutzen mittlerweile 60 Prozent der US-Teenager-Mädchen Games, der soziale Aspekt ist ihnen aber viel weniger wichtig als den Buben.

„Buben und Mädchen haben ein komplett unterschiedliches Spielverhalten“, bestätigt Kurosch Yazdi, Leiter der Ambulanz für Spielsucht des Linzer Uni-Klinikums. Zwar gebe es insgesamt gleich viele Buben und Mädchen, die ein Problem mit dem Internet haben, jedoch seien viel mehr Burschen computerspielsüchtig. „Mädchen, die zu uns kommen, haben keine Abhängigkeit von Internetspielen, sondern von sozialen Medien wie Facebook, Instagram oder WhatsApp.“ Bei den wenigen Mädchen, die wegen Computerspielsucht in die Ambulanz kommen, handle es sich meist um „extreme Fälle“, die jeden Tag 17 Stunden vor dem Bildschirm sitzen. „Bei den Burschen gibt es eine größere Bandbreite – von Eltern, die sich Sorgen machen, bis zu älteren Buben, die die ganze Nacht durchspielen.“

Wie sich exzessives Gaming auf die Entwicklung des Gehirns auswirkt, hänge in erster Linie von der bisherigen psychischen Verfassung des Jugendlichen ab, sagt Yazdi. „Viele Studien zeigen, dass es darauf ankommt, wo der Jugendliche vorher gestanden ist. Wenn er oder sie für sein Alter eine gesunde Entwicklung gemacht hat, ist der psychische Schaden durch Videospiele geringer, als wenn es vorher schon Defizite im sozialen Umgang oder aggressive Verhaltensauffälligkeiten gab. Dieser Schaden wird durch übermäßiges Computerspielen massiv verstärkt.“

Das deckt sich mit den Erkenntnissen der norwegischen Studienautoren: Kinder, die im Alter von acht Jahren keine Freunde hatten, konsumierten später mehr Internetspiele, schreiben die Wissenschaftler. Das Alter spiele eine wesentliche Rolle, betont Yazdi – je später jemand zu spielen beginnt, desto geringer ist das Risiko für ein gestörtes Sozialverhalten. Diesbezüglich hat der Psychiater aber keine guten Aussichten. „Als wir die Ambulanz vor zehn Jahren eröffnet haben, kamen hauptsächlich Studenten zu uns. Jetzt melden sich Eltern wegen ihrer neunjährigen Kinder.“

Erziehung: Angebote machen statt verbieten

In vielen Familien ist das Internet das Streitthema Nummer eins: Barbara Buchegger von Saferinternet kennt die wichtigsten Fragen.

Ab welchem Alter?

Wann ein Kind  mit dem Computerspiel beginnen darf, hängt meist von der Familie ab. Wo  ältere Geschwister und Eltern oft am Bildschirm sitzen, beginnen Kinder früher.  Selbst Kindergartenkinder können da schon fit am Computer sein.  Zwei Voraussetzungen müssen jedenfalls gegeben sein: Das Kind muss sich konzentrieren können. Und die Zeit fürs Spiel sollte in einem guten Verhältnis zu anderen  Beschäftigungen stehen.

Wann es ist zu viel?

Klare Zeitvorgaben gibt es  nicht. Statt PC-Spiele zu verbieten, sollten Eltern Alternativen anbieten, etwa Gesellschaftsspiele oder Aktivitäten im Freien.

Was tun, wenn Teenager „hineinkippen“?

Wenn die  Offline-Welt nicht so erfreulich ist, flüchten Jugendliche oft ins Netz. Also immer dann, wenn die Freunde zu fad sind oder Schule keine Erfolgserlebnisse bietet.  Hier ist es wichtig, dass die  Eltern die Gesprächsbasis aufrechterhalten – klingt banal, ist oft aber gar nicht so einfach.

Soll man das Internet abdrehen?

Nein. Wenn die Welt außerhalb des Netzes für das Kind schwer zu ertragen ist, nimmt man ihm den  einzigen erträgliche Ort weg.  Einzige Ausnahme: Wenn das Internet zur pubertären Kampfzone wird, kann man   schon einmal den Stecker ziehen – aber nicht als Dauerlösung.

Gibt es gefährliche Spiele?

Gefährlich ist nicht das Spiel, sondern das, was es auslöst. Manche Volksschüler bekommen etwa beim GTA (Grand Theft Auto) Angst, andere nicht: Bei diesem Spiel geht es nicht nur um Autorennen, sondern um Verbrecherkarrieren. Das derzeit beliebte Fortnite ist eigentlich weniger problematisch. Aber es kann Kinder lange  fesseln, weil man auf ein Team angewiesen ist. Zudem geben manche Kinder dabei viel Geld aus.

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