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Gesund
03/05/2019

Süchtig nach Computerspielen: Was Eltern tun können

Woran Eltern Alarmsignale erkennen, wie sie gegensteuern können und richtig Grenzen setzen.

von Elisabeth Gerstendorfer

Laut aktueller deutscher Studie hat jeder siebte Gamer ein Suchtrisiko. Immer häufiger geben schon Jugendliche für oder in Computerspielen Geld aus - im Schnitt sind es pro Monat 144 Euro, um Spiele zu kaufen oder sich Extras, etwa Kostüme oder Waffen, zu ermöglichen. Der renommierte Psychiater Kurosch Yazdi vom Kepler Uniklinikum Linz hat zwei Bücher zum Thema veröffentlicht. Im Interview mit dem KURIER erklärt er, wie Eltern die Sucht ihrer Kinder erkennen und gegensteuern können.

KURIER: Die Autoren einer aktuellen Studie sprechen davon, dass Computerspiele immer mehr zum Glücksspiel werden. Ist das etwas, das Sie auch feststellen?

Kurosch Yazdi: Die Grenzen zum Glücksspiel werden immer verwaschener, das ist definitiv so. Auch auf Facebook kann man mittlerweile Wetten abschließen. In den Spielen sind es anfangs meist kleine Beträge, etwa im Cent-Bereich. Die meisten jugendlichen Spieler spielen aber viele Tage und Stunden, wodurch es auch zu vielen Einkäufen kommt. Oder es beginnt mit kostenlosen Credits und wenn man viel gewonnen hat, kommt das Angebot zu einer Plattform zu wechseln, wo man um echtes Geld spielt. So wird man dafür begeistert. Wir haben immer wieder Eltern bei uns, die sagen: Mein Kind verspielt Geld.

Welche Elemente führen zur Sucht?

Wir unterscheiden zwei verschiedene Suchttypen: Das eine ist das Thema Aufregung, das meist junge Burschen betrifft. Sie spielen oft in der Gruppe, schaffen gemeinsam eine tolle Mission. Das wirkt wie der Kick einer Droge, zum einen weil man etwas schafft und man bekommt Anerkennung dafür. Das umfasst alles, wonach sich junge Menschen sehnen und betrifft vor allem männliche Rollenspieler. Das zweite betrifft eher Mädchen: Sie verbringen viel Zeit auf sozialen Onlinemedien, wo es nicht unbedingt um Aufregung geht, sondern um das Gefühl, in einer Gemeinschaft zu sein und von der Gemeinschaft gebraucht zu werden. Nimmt man ihnen das Internet weg, kann das zu massiven Ängsten führen. Etwa davor, etwas zu verpassen, nicht mehr gemocht zu werden.

Welche Auswirkungen kann Computerspielsucht auf den Alltag Jugendlicher haben?

Vor allem geht die psychosoziale Funktion verloren. In der Schule oder der Lehrausbildung verringern sich Motivation und Interesse. Wenn ein Bursch die Nacht durchspielt, ist er am nächsten Tag auch müde, die Leistung fällt ab. Die Schulkarriere ist gefährdet und das kann für das spätere Leben massive Folgen haben. Auch die soziale Kompetenz wird am Computer nicht gelernt. Es ist eine Scheinwelt mit anderen sozialen Regeln, nicht den Regeln der realen Welt. Wenn Kinder viele Stunden am PC verbringen, verpassen sie, soziale Kompetenzen zu erwerben.

Was sind die Alarmzeichen, auf die man als Eltern achten sollte?

Drei Merkmale sind ganz wesentlich: Ein plötzlicher unerklärlicher Abfall in der Schulleistung – Kinder, die vorher gut oder mittelmäßig waren, fallen in ihrer Leistung innerhalb von ein paar Monaten massiv ab und dies lässt sich nicht anders erklären, etwa durch einen Krankenhausaufenthalt oder ähnliches. Wichtig ist auch, dass gesunde Kinder vielfältige Kinder sind. Sie haben nie nur ein Hobby, sondern treffen sich mal mit Freunden, gehen ins Kino, machen Sport, spielen vielleicht auch gerne Computer, aber eben nicht nur. Wenn nur noch das Computerspielen interessant ist, dann wird es gefährlich. Und das dritte ist der Entzug: Kinder protestieren immer, wenn man ihnen etwas wegnimmt, das ist völlig normal. Wenn aber ein halber Tag ohne Internet zur Katastrophe wird, dann wird es bedenklich.

Wie kann man gegensteuern?

Wichtig sind klare Regeln. Es geht weniger darum, welche Regeln, sondern dass es überhaupt welche gibt. Ein Beispiel wäre, dass man Computerspielzeit nur erlaubt, wenn die Schulleistung passt. Man kann sehr wohl zeigen, dass das Leben aus Geben und Nehmen besteht, etwa indem man sagt, Computerspielen ist erlaubt, wenn am Vortag der Rasen gemäht wird. Oder es gibt definierte Zeiten. Es muss auch Offline-Zeiten geben. Das muss aber auch von den Eltern vorgelebt werden, indem etwa beim gemeinsamen Sonntagsfrühstück alle offline sind. Alle Regeln und Einschränkungen sollen wertschätzend sein, im Sinn von „Ich verstehe dich schon, aber ich muss dich einschränken, weil ich mir Sorgen mache“. Und man sollte sich dafür interessieren, was Kinder am Computer tun.

Haben Sie konkrete Zeitempfehlungen?

Zeitempfehlungen sind wissenschaftlich gesehen Quatsch. Eltern können – wie beim Fernsehen auch – gut einschätzen, was sie erlauben, allerdings sollte das spielabhängig erfolgen. Bei einem Rollenspiel bringt es nichts eine tägliche Beschränkung von 45 Minuten zu geben – da wird eher unter der Woche vielleicht gar nicht gespielt, dafür am Wochenende fünf Stunden. Anders ist das bei Social Media, das macht man nicht nur am Wochenende, sondern täglich. Auch das Alter spielt eine Rolle: Zwölfjährige müssen definitiv eingeschränkt werden, da sie selbst noch nicht verstehen, welches Ausmaß für sie gesund ist. Bei 19-Jährigen kann ich nicht mehr beschränken. Je älter die Kinder werden, desto mehr geht es darum beratend und wertschätzend aufzutreten.

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