Leben 15.04.2018

Psychiater warnt: Smartphone-Sucht macht einsam

© Bild: Getty Images/filadendron/iStockphoto

Die digitale Dauerpräsenz kann böse enden. Suchtexperte Kurosch Yazdi erklärt, wie wir den Absprung ins echte Leben schaffen.

Welche ist die größte Religion der Welt? Nicht das Christentum, nicht der Islam, nicht der Buddhismus – sondern Facebook. Der neue Heiland lebt in Palo Alto und heißt Mark Zuckerberg, über ihm wacht Steve Jobs, der gütige Vater. Statt zwölf Aposteln gibt es nun weltweit mehr als zwei Milliarden, Tendenz steigend, und sie alle schreiben die Bibel, jeden Tag. So schildert es der renommierte Psychiater Kurosch Yazdi in seinem neuen „Facebook-Aufhörbuch“, das Smartphone-Jünger zum Exit aus dem größten sozialen Netzwerk bzw. zu einem bewussteren Umgang mit der „Droge Social Media“ animiert.

Warum? Die vermeintlich sozialen Netzwerke wurden so konzipiert, um möglichst viele Menschen abhängig zu machen, warnt der Suchtexperte. Zusammen mit seinem Co-Autor Ben Springer (der als ehemaliger Werbefachmann allem Digitalen abgeschworen hat und nicht einmal mehr ein Smartphone besitzt) zeichnet Yazdi das Bild einer Internet-süchtigen Gesellschaft und stellt eine beunruhigende Prognose: Wenn wir nicht bald den Blick vom Bildschirm lösen, werden wir immer mehr vereinsamen.

Dass sich „Jesus“ Zuckerberg just in der Woche vor dem Erscheinungstermin des Buches vor dem US-Kongress verantworten musste, weil sein Unternehmen sensible Daten von Millionen Usern zweckentfremdet hatte, ist freilich Zufall. „Der aktuelle Skandal zeigt aber sehr schön, dass Facebook nicht erfunden wurde, damit die Menschheit näher rückt – sondern um Geld zu machen, und zwar völlig ohne schlechtes Gewissen“, sagt Yazdi im Interview mit dem KURIER.

KURIER: Eine Abhängigkeit von sozialen Medien – gibt es so etwas überhaupt?

Kurosch Yazdi: Wissen Sie, seit 2010 haben wir in Linz eine Ambulanz für Verhaltenssüchte. Seit Beginn hatten wir internetsüchtige Patienten, mit dem Unterschied, dass es damals pro Monat eine Handvoll Leute waren, die meisten schon erwachsen – also Studenten, die World of Warcraft (Online-Rollenspiel, Anm.) gespielt haben. Im Laufe der Jahre hat sich das komplett gewandelt, mittlerweile sind die Internetsüchtigen fast schon unsere Hauptkundschaft. Und sie werden immer jünger, mittlerweile haben wir Zwölf-, 13-Jährige in Behandlung, und Eltern von Neunjährigen, die uns anrufen. Sie werden immer mehr und jünger, während die Anzahl der anderen Suchterkrankungen – mit Ausnahme von Cannabis – über denselben Zeitraum konstant geblieben ist.

Österreich / Linz / März 2018Dr. Kurosch YAZDI© Michael Appelt
Kurosch Yazdi ist Facharzt für Psychiatrie am Kepler Universitätsklinikum Linz © Bild: © Michael Appelt/YAZDI/Michael Appelt

Inwiefern haben sich die Symptome verändert?

Es sind jetzt hauptsächlich Jugendliche, und da teilt es sich klar auf: Wenn Burschen süchtig sind, dann nach Spielen, Mädchen fast immer nach sozialen Online-Medien. Die meisten konsumieren nicht nur eines, sondern mehrere gleichzeitig, auch das hat sich geändert. Und sie machen es überall, jedes Essen, jeder Toilettengang wird unterbrochen. Natürlich behandeln wir die Extremfälle, aber wir haben Leute, die 18 Stunden am Tag online sind – rein in der Freizeit. Sie machen in der Nacht kein Auge zu und schlafen am Vormittag in der Schule ein. Sie bleiben sitzen, schaffen die Schule nicht oder verlieren ihre Lehrstelle. Es kommt zu einer sozialen Beeinträchtigung – beruflich, familiär, im Freundeskreis. Das sind oft Leute, die 1200 Facebook-Freunde haben, aber keinen einzigen im realen Leben. Das merken sie erst, wenn sie krank im Bett liegen und niemand kommt.

Sie vergleichen das Suchtpotenzial von Facebook mit jenem von Kokain. Wie haben es die sozialen Medien geschafft, uns so abhängig zu machen?

Alle Suchtmittel stimulieren letztlich das Belohnungssystem. Dieses reagiert bei Neugierde und wenn wir sozial interagieren. Wir Menschen sind ja Rudeltiere, das heißt, wir leben durch und durch für das Rudel, sind Beziehungswesen. Soziale Medien täuschen uns vor, dass sie dieses Bedürfnis befriedigen können – scheinbar ist es so, dass ich eh nicht einsam bin, solange ich auf Facebook bin, weil ich ständig mit Hunderten Leuten kommuniziere. Das Problem ist nur, das ist eigentlich ein Betrug, denn es gibt so etwas wie eine virtuelle Freundschaft nicht. Jeder von uns ist online völlig austauschbar.

Das ist der Unterschied zum realen Rudel: Für meine Familie und meine echten Freunde bin ich nicht austauschbar. Und diese Systeme arbeiten nicht nur mit einem Belohnungs-, sondern auch mit Angstgefühl. Viele Menschen haben mittlerweile Angst, dass sie etwas verpassen, wenn sie nicht auf ihr Handy schauen. Es ist kulturadäquat geworden, dass man jeden Prozess sofort unterbricht und aufs Handy schaut. Tut man es nicht, wird man zum Außenseiter – das macht es so gefährlich.

Hat sich durch soziale Medien auch das generelle Kommunikationsverhalten geändert? Der Gedanke an ein Telefonat jagt vielen jungen Menschen ja Schrecken ein.

Für viele Jugendliche scheint es eine Zeitverschwendung zu sein, mit jemandem persönlich zu sprechen. Sie sitzen nach der Schule an der Bushaltestelle und schreiben mit der Person, die neben ihnen sitzt. Sie tippen die Botschaft lieber ins Internet, denn da lesen und teilen sie viel mehr Menschen. Das ist aber ein fundamentales Missverständnis, denn die Qualität des Gesprächs von Auge zu Auge ist ganz eine andere als die Qualität des Gesprächs auf WhatsApp und Co. Weil wir ja Rudeltiere sind, brauchen wir ein Gegenüber, das wir sehen, riechen können, das uns sieht und riecht. Das alles verpassen wir online. Die Quantität wird verwechselt mit der Qualität.

Das klingt alles sehr apokalyptisch. Muss man nicht fairerweise festhalten, dass soziale Medien das Leben vieler Menschen bereichern?

Natürlich ist das Internet ein Fortschritt, den man sehr sinnvoll nützen kann. Und natürlich gibt es sehr viele Menschen, die die Droge Internet vernünftig konsumieren, ohne sich zu schaden. Das gilt aber für alle Drogen, es gibt auch viele Menschen, die mehrmals pro Woche ein Glaserl Wein trinken, ohne süchtig zu sein. Solange meine Prioritäten in der realen Welt liegen, meine Hobbys, meine Beziehungen, ist es kein Problem, wenn ich ab und zu auf Facebook schaue.

Aber die Industrie tut eben alles dafür, damit das nicht so ist. Alleine die Art, wie man sich online darstellen kann: als jemand, der schön, witzig, intelligent, erfolgreich, abenteuerlustig ist. Das fördert, dass Menschen so sehr fasziniert sind von sozialen Medien, dass die reale Welt im Vergleich unwichtig wird. Und das ist das Bedenkliche.

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Seit Jahren ist bekannt, dass Facebook mit Daten stiefmütterlich umgeht. Warum vertrauen wir dem Netzwerk dennoch so viel an?

Innerhalb eines Rudels gibt es ja kaum Geheimnisse. In einer Familie wird auch nicht der Sohn zum Vater sagen, ich verrate dir nicht, wann ich Geburtstag habe, weil das sind meine persönlichen Daten. Viele Menschen empfinden ihre Facebook-Freunde instinktiv als ihr Rudel – so, dass man nicht das Gefühl hat, dass es störend ist, wenn die Daten irgendwo herumschwirren. Das sind die Themen, mit denen wir uns gesellschaftlich auseinandersetzen müssen: Einerseits, dass die Firmen unsere Daten missbrauchen, um Geld zu machen. Andererseits, dass wir noch nicht begriffen haben, dass diese Menschen nicht unser Rudel sind, auch, wenn sie Freunde genannt werden.

Worin sehen Sie die größte Gefahr, wenn sich nichts ändert?

Dass wir beziehungsunfähig werden. Beziehungsfähigkeit bedeutet zwei Dinge: Ich muss konfliktfähig sein, das heißt, wenn mir jemand wichtig ist, muss ich bereit sein, auch einmal einen Meinungsunterschied auszuhalten, zu diskutieren und mich am Ende wieder zu versöhnen. Und ich muss mich selbst einschätzen können. Genau diese beiden Dinge lernen Jugendliche im Internet eben nicht. Konfliktfähigkeit brauche ich in der Online-Welt nicht, weil ich in erster Linie mit jenen kommuniziere, die meiner Meinung sind. Auch mein Selbstbild lerne ich nicht einzuschätzen, weil ich mich im Internet darstellen kann, wie ich möchte. Es könnte also sein, dass wir bald sehr viele beziehungsunfähige Menschen haben, die zwar 800 Online-Friends haben, aber in Wirklichkeit sehr vereinsamen. In Taiwan und Südkorea sieht man das schon ganz extrem.

Raten Sie also zu einem radikalen Schritt – das Online-Profil gleich ganz zu löschen?

Von denen, die in einem ungesunden Ausmaß im Internet unterwegs sind, gibt es zwei Typen: Die einen können den Konsum gar nicht verringern, die können nur ganz aussteigen. Dann gibt’s jene, die es durchaus schaffen können, dass sie einfach nur weniger konsumieren. Das Wichtigste ist, dass ich mir überhaupt einmal darüber klar werde, wie viel ich konsumiere, und ob ich deswegen andere Dinge vernachlässige.

Wie wird sich das Online-Leben in nächster Zeit entwickeln?

Kurzfristig wird sich das Problem sicher verschärfen. Warum? Jede Droge wird so stark konsumiert, so stark sie verfügbar ist. Die Verfügbarkeit des Internets ist immer noch massiv am Steigen: Immer mehr Menschen haben WLAN und Breitbandinternet, immer mehr junge Menschen haben Smartphones. Damit steigt die Anzahl der Konsumenten. Unter ihnen wird es auch einen Prozentsatz derer geben, die süchtig werden. Für die kommenden Jahre sehe ich also keinen positiven Trend. Ich hoffe, dass wir als Gesellschaft lernen, mit dem Thema vernünftig umzugehen. Das geht aber nur, wenn wir uns der Gefahren bewusst werden.

Der Fahrplan für die Rückkehr ins echte Leben

  • Einsicht Finden Sie heraus, ob Sie wirklich süchtig sind, stellen Sie sich dafür z. B. folgende Fragen: Gilt mein erster Blick morgens dem Smartphone? Habe ich den Drang, alles, was ich erlebe, auf Facebook zu posten? Nehme ich meine reale Umgebung kaum noch wahr, weil ich nur noch auf das Handy starre? Habe ich Angst, nicht genügend Likes zu bekommen? Habe ich mein reales Leben bereits meinem Social-Media-Konsum untergeordnet? Führen Sie dafür eine Woche lang ein Social-Media-Konsumtagebuch oder bitten Sie Familie und Freunde um deren Meinung.
  • Entscheidung Fragen Sie sich, ob Sie überhaupt in die reale Welt zurück möchten. Hindert Sie Ihr digitales Leben daran, im echten Leben weiterzukommen, also etwa, einen Partner zu finden oder im Job aufzusteigen? Eine Pro- und Contra-Liste kann dabei helfen: Welche Vorteile hätte es, den digitalen Konsum einzuschränken, welche Nachteile?
  • Absprung Wenn Sie sich gut unter Kontrolle haben, reduzieren Sie Ihren Facebook-Konsum langsam (etwa um zwei Tage pro Woche), ansonsten wählen Sie den radikalen Weg und löschen die App. Suchen Sie sich eine Wohnung in der realen Welt. Nein, kein neues Dach über dem Kopf – sondern Beschäftigungen oder Freunde, mit denen Sie sich im wirklichen Leben treffen können. Das kann im Übrigen auch eine Online-Bekanntschaft sein.
  • Notfallkoffer Der Abschied von Social Media ist nichts weiter als eine Reise an einen anderen Ort. Für den Fall eines Rückschlags entlang des Wegs, also dem unbedingten Verlangen, die App zu checken, packen Sie einen imaginären Notfallkoffer. Der Inhalt hängt von Ihren Interessen ab. Sie sporteln gerne? Dann gehören die Laufschuhe hinein. Sie lieben Filme? Dann das aktuelle Kinoprogramm. Sex ist immer eine gute Ablenkung; für diesen Fall halten Sie die Telefonnummer der in Frage kommenden Person parat.
  • Leben Starten Sie mit Entschleunigung: Setzen Sie sich auf eine Parkbank und schauen Sie zehn Minuten in die Luft. Machen Sie es anders als die anderen und starren Sie in der U-Bahn nicht in das Smartphone, sondern nutzen Sie die Zeit, um zu entspannen und nichts zu tun. Genießen Sie die Zeit ohne Ablenkung und denken Sie immer daran, dass Sie ein physisches, kein digitales Wesen sind. Wir alle brauchen Berührungen, Augenkontakt, Wärme und hie und da ein echtes Lächeln statt eines schnell hingerotzten Smileys. Jetzt fehlt nur noch ein Schritt ins neue Leben. Und der heißt: Teilnehmen. Das beginn damit, Dinge bewusst wahrzunehmen. Freuen Sie sich, dass es einen Kuss oder einen Sonnenstrahl auf der Haut nur im echten Leben gibt. Fragen Sie sich langsam, was Sie mit der vielen freien Zeit anstellen möchten, die Ihnen bleibt. Davon haben Sie jetzt nämlich genug.
( kurier.at ) Erstellt am 15.04.2018