Karl Hillebrand (li.) kennt sich in der Wiese so gut aus wie Kicker Markus Katzer (Mitte) auf dem Rasen.

© Kurier/Franz Gruber

freizeit Leben, Liebe & Sex
08/22/2019

Axels Terrasseneintopf: Gstätten der Leidenschaft

Distel bis Windling: Zu Jubiläum und Heimsaisonstart begutachtet ein Experte die legendäre Vienna-Naturtribüne.

von Axel Halbhuber

Natur ist vielfältig. Der Wiener etwa kommt oft mit einer Natur in Kontakt, die sich als Gstätten tarnt. Und sogar die Definition dieses schwierigen, konsonantenreichen Wortes ist vielfältig.

Es handelt sich bei der Gstätten meist um einen „verwilderten Platz in verbautem Gebiet“ (Österr. Wörterbuch). Dieser Platz kann aber so groß wie eine ehemalige Fabrikshalle sein oder einfach nur ein Eckerl im Garten, auf das man zu wenig schaut. Oder er ist wie die legendäre Tribüne des ältesten Fußballklubs in Österreich.

 

Der First Vienna Football-Club, von Freunden liebevoll die Vienna genannt, wurde vor 125 Jahren, am 22. August 1894, gegründet. Nun ist die Vienna derzeit zwar kein großer Entscheider im Weltfußball, aber sie hat eine berühmte Tribüne, denn der Vienna-Spielort „Hohe Warte“ ist ein Naturstadion – das größte Mitteleuropas, manche sagen: Europas. Die „Natur“ kommt in diesem Fall von der schrägen Wiese, auf der man noch heute hocken kann, eine Tribüne aus Erde und Bewuchs.

 

Bei Länderspielen der 1920er-Jahre standen dort über 80.000 Menschen. Heute stehen dort Millionen Pflanzen. Denn was eine echte Gstätten ist, ist ein Naturparadies. Der Pflanzenexperte Karl Hillebrand definiert sie so: „Eine urbane Fläche, wo sich Natur noch dynamisch entfalten kann – das ist charakteristisch für die Gstätten – wo wachsen kann, was gerade möchte. Die hier ist toll, auch durch die sonnige Hanglage.“

 

Distel mal stehenlassen

Neben dem Wiesen- steht der Rasenexperte, Markus Katzer kickte im Nationalteam, ist jetzt sportlicher Leiter der Vienna. Er nimmt den Ball auf: „Ich erkenne nur die Distel.“ Hillebrand im Doppelpass: „Wir haben hier sogar eine Vielfalt verschiedener Disteln, die perfekte Insektenweide für Hummeln, Bienen und Käfer.“ Insofern könne man als Topfgärtner ja mal eine Distel stehenlassen, schlägt der Wiesenprofi vor: „In einer Mauerritze oder am Topfrand.“ Der Rasenprofi schaut skeptisch.

Daneben ragt eine Wilde Karotte gen Sommerhimmel. Hillebrand: „Unsere Vorfahren haben Jahrtausende lang die Karotte gezüchtet, immer die mit den größten Rüben ausgewählt. Daher haben wir heute große Zuchtkarotten.“

Dass die Wildkarotte wie eine ordinäre Schafgarbe aussehe, kontert der Profi mit einer Gegenüberstellung und dem Geruchstest: „Reibt man die Blätter, riecht man die Karotte.“ Katzer versucht es und nickt. Bei der Schwarznessel führt der Test zu einem stinkenden Stich in der Nase.

Auch der Kompasslattich ist ein Speise-Urahne. „Das ist die Wildform von unserem Salat. Aber der ist noch mit kleinen Blattdornen bewehrt, hart und etwas grau, um die intensive Sonne auszuhalten.“ Hillebrand empfiehlt, nur die frischen Blattspitzen zu probieren. Apropos Ideen: Die Ackerwinde daneben ließe sich durchaus im Topf halten: „Die verwandte Trichterwinde kultivieren wir sowieso als Zierpflanze, wieso nicht als Kuriosität einmal den echten Windling.“

Solche Tipps gibt Hillebrand professionell, von Gartengestaltung bis Pflege (www.pflanzenexperte-hillebrand.at). Die Vienna-Gstätten kann man sich bei jedem Heimspiel anschauen. (www.firstviennafc.at). Tipp: Sitzunterlage mitnehmen. So eine Gstätten sticht.