© Halbhuber Axel

Leben
10/19/2018

Axels Terrasseneintopf: Größe ist nicht alles

Bonsais: Man muss kein asiatischer Philosoph sein, um einen Schalenbaum zu haben – oder nur ein bisschen.

von Axel Halbhuber

Gleich vorweg: Bonsais sind nicht „kleine Bäume“, sie sind „zu kleine Bäume“. Es gibt in japanischen Gärten und vor allem in den Gärten Japans auch mannshohe und höhere Bonsais, denen man aber immer ansieht, dass sie von sich aus größer wären und meistens anders geformt. Trotzdem bewundern Balkon- und Terrassengärtner, dass es Japaner wie kaum jemand sonst verstehen, Pflanzen im Topf zu halten – wobei die Bonsai-Kunst ursprünglich aus China kommt, aber die Japaner hatten offenbar das bessere Marketing. Sie haben die eher zwänglerische Idee, einen Baum in Keramik zu bannen, philosophisch aufgeladen: Die kunstvolle Schale (bon) repräsentiert den Menschen, der im Einklang mit der Natur (sai: die Pflanze) und dem Element Wasser (oft durch einen Stein in der Schale symbolisiert) lebt. Wir im Westen lieben die asiatische Balancelehre, siehe Mini-Sandkiste für den Schreibtisch mit Mini-Rechen – die große Erleuchtung auf möglichst kleinem Raum.

Es geht beim Bonsai also nicht um die Größe, sondern das Verhältnis zu seinem Halter, das nicht friktionsfrei ist. Zum Beispiel zeichnet Bonsais ein knorriger Stamm aus, den man durch Schnitt erzielt (lenkt die Kraft ins Dickenwachstum). Oder ein ausgeprägtes oberirdisches Wurzelkonvolut (Nebari bzw. Neagari), für das man das Bäumchen in diese flachen Schalen zwängt (die Wurzeln an der Luft verdicken sich) oder den Stamm abbindet – oberhalb der Würgstelle sprießen neue Wurzeln, die Richtung Erde wachsen.

Wurzelkunde

Diese fernöstliche Strenge nimmt Ihr Terrassengärtner so ernst, dass er beim Hantieren mit seinen Bonsais nie lächelt und dabei immer asiatische Hemden trägt. Besonders den jährlichen Wurzelschnitt nehmen Bonsaiologen so ernst wie einen Samurai-Angriff, dabei ist das gar nicht so schwierig: in die Tiefe wachsende und verdickte Wurzeln abzwicken und den Ballen stutzen – um maximal zwei Drittel.

Mein Prachtbonsai ist wie viele im Land nicht aus Japan, sondern aus einem schwedischen Möbelhaus. Natürlich gezogene Bonsais sind alt und daher schweineteuer – einer wurde angeblich um eine Million Euro gehandelt. Die Möbelhaus-Miniriesen wurden gebogen, verkrüppelt und geschnitten, damit so eine Art Bonsai daraus wird – mit einem Ficus kann man das machen. Der ist dafür pflegeleicht (was für den Schnäppchen-Bonsaikäufer eh besser ist) und verzeiht mangelnde Kenntnis beim Schnitt. Ohne den würde sich jeder Bonsai zum Baum auswachsen und dem Schalen-Dasein entfliehen.

 

Klar kann man dafür eine kleine Gartenschere nehmen, fühlt sich aber deutlich japanischer, wenn man Bonsaiwerkzeug besorgt. Für den Erhaltungsschnitt wird mein Ficus seiner Spitzen beraubt, damit wieder viel nackter Stamm mit vereinzelten, dichten Kronen zu sehen ist, die eng am Stamm picken. Der wichtige Gestaltungsschnitt (auch Erziehungsschnitt) betrifft die Ficusspitze, wo ein Trieb mit Draht in weitere elegante Kurven gebogen wird.

Umgetopft wird erst im Frühjahr – in lockere Erde, Lavastein hilft beim Feuchthalten. Denn das Gießen der Schalenbäume (nie austrocknen lassen, ganzen Wurzelballen durchfeuchten) ist wie mit Stäbchen essen: eine Fitzelei ohne Sattheitsgefühl.

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