© Kurier/Juerg Christandl

Leben
01/09/2019

Axels Terrasseneintopf: Frisches Gemüse aus dem Restgatsch

Aufzucht aus Abfall: Aus vielen Resten lassen sich wieder vollwertige Gemüse ziehen – mit Feingefühl.

von Axel Halbhuber

Nach den Feiertagen liegt viel Essen herum, sowohl in den Mägen als auch in den Kühlschränken. Schade vor allem um das Gemüse, das man extra vor Weihnachten mit dem Vorsatz erworben hat, zwischendurch auch einmal gesund zu kochen.

Jetzt gammelt es dahin.

Die gute Nachricht: Das Grün ist zu retten, viele Reste lassen sich am Fensterbrett nachziehen. Die schlechte: Es ist weniger erfolgsgekrönt, als es manche Lifestyleblogger darstellen. Klar sprießt schnell was, wenn man es in Wasser stellt. Aber Wasser tendiert in Verbindung mit organischen Resten schnell gegen bräunlich-pfui. Daher: öfter wechseln, auch ein Stück Kohle beugt Schimmel vor.

Zweites Problem ist die Erde, in die man die Pflänzlein sofort oder nach erfolgreicher Bewurzelung im Wasser setzt. Diese Erde muss stets feucht sein, ist sie aber zu nass, gammelt das Gemüse und lockt lästige kleine Fliegen an. Das Geheimnis der Gemüse-aus-Abfall-Zucht liegt im Wassermanagement. Sand – in Erde gemischt oder pur – hilft dabei, er ist locker und durchlässig. Die dritte Hürde ist der richtige Standort: Retortengemüse will es anfangs warm und sonnig, über der Heizung und hinter Fensterglas ist es aber manchmal zu hitzig. Die Restl-Aufzucht braucht Feingefühl. Es ist quasi eine gärtnerische Fingerübung für den Winter.

Damit man zwischen ständiger Feuchtigkeits- und Standortkontrolle nicht die Lust verliert, sollte man einfach beginnen: Etwa Blätter von Grünem oder Eisbergsalat an einem hellen Ort in etwas Wasser legen – nach ein paar Tagen bilden sich unten Wurzeln, und man kann sie pflanzen. Ähnlich schnell geht es mit Frühlingszwiebeln, von denen man unten ein 3-Zentimeter-Stück (mit Wurzeln!) abschneidet und ins Wasserglas stellt. Nach einer Woche wachsen frische Wurzeln und frisches Grün, das man ständig ernten kann. In Erde gepflanzt gedeiht es stärker. Bei Schalotten, Lauch und Zitronengras geht man genau so vor.

Auch Fenchel und Karotten entwickeln schnell Neo-Grün (Knolle bzw. oberstes Stück in Wasser stellen), aber eben nur das. Während Fenchelkraut für Suppe, Tee oder Salat verwendet werden kann, ist Karottengrün nur Aufputz und Spaß für Kinder.

Der Stangensellerie ist dankbarer, die Stiele wachsen schnell nach: Das unterste Strunkstück wird dafür per Zahnstocher-System in Wasser gehängt, bald entspringen aus der Mitte neue Triebe wie ein kleiner Wald aus einer gerodeter Ebene. Beim Pflanzen dürfen dann nur Blätter aus der Erde schauen. Römersalat und Kohl lassen sich genauso ziehen, für Knollensellerie kommt ein Stück der Knolle in die Erde.

Geduldiger muss man bei Knoblauch oder Erdäpfeln sein: Eine Zehe oder ein Stück (mit mindestens zwei „Augen“ ausgestattet) in Erde stecken und gießen. Bei beiden sprießt bald Grün (bei Knoblauch essbar), die Frucht unter der Erde braucht ein paar Monate – und wird bei Erdäpfeln auch nur in großen Töpfen was. Etwas schneller geht es mit den exotischen Knollen Ingwer oder Kurkuma.

Mutige Tüftler versuchen sich an Avocados. Jaja, viele haben schon den Kern in Wasser gehängt (Zahnstocher!) und im Topf die Pflanze gezogen. Aber es ist noch kein Fall überliefert, der es bis zur Frucht gebracht hat.

axel.halbhuber@kurier.at