5 Jahre danach: Was blieb vom #Aufschrei?

Strong messages
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Heute vor fünf Jahren veränderte ein Tweet den gesellschaftlichen Diskurs über Geschlechterrollen. Aufholbedarf gibt es immer noch.

"Wir sollten diese Erfahrungen unter einem Hashtag sammeln. Ich schlage #aufschrei vor." Mit diesem Satz trat die deutsche Medienberaterin Anne Wizorek am 24. Jänner 2013 im Kurznachrichtendienst Twitter eine nationale Bewegung los: Frauen brachen ihr Schweigen über Alltagssexismus und berichteten unter dem vorgeschlagenen Schlagwort von aufrüttelnden Erlebnissen. 85.000 Tweets wurden in der darauffolgenden Woche verschickt, 300.000 weitere kamen bis heute hinzu. Plötzlich stand das Thema oben auf der Agenda, wurde bei Lanz, Anne Will und in der New York Times diskutiert. Was war geschehen?

Auslöser war ein Porträt der Journalistin Laura Himmelreich über den FDP-Politiker Rainer Brüderle, Jahrgang 1945, im Stern: Unter dem Titel "Der Herrenwitz" zeichnete die 29-Jährige das Bild eines alternden Machos, der in der Hotelbar mit Zoten um sich wirft und Journalistinnen, die seine Töchter sein könnten, schon mal zu nahe kommt. Vor allem die "Dirndl-Passage" verdeutlichte, welcher Problematik viele Frauen im Beruf ausgesetzt sind: Als Himmelreich ihm sagt, dass sie privat durchaus Alkohol trinke, etwa auf dem Oktoberfest, richtet Brüderle den Blick auf ihre Brust und bemerkt: "Sie können ein Dirndl auch ausfüllen."

"Völlig neue Bewegung"

Fünf Jahre später gilt #Aufschrei als einer der erfolgreichsten Twitter-Hashtags, gewann aufgrund seiner Breitenwirkung sogar den Grimme-Medienpreis. Diskutiert wurde viel: über Grenzen, Herrenwitze, Komplimente. Aber was hat sich verändert? "2013 haben wir darüber geredet, ob wir überhaupt ein Sexismus-Problem haben. Heute ist das weitgehend Konsens", zieht Laura Himmelreich, mittlerweile Chefredakteurin des Online-Magazins Vice Deutschland, Bilanz. In Österreich befeuerte #Aufschrei die Forderung nach einer Verschärfung des Sexualstrafrechts: Der sogenannte "Po-Grapsch-Paragraf", der unerwünschte Griffe an den Hintern strafbar macht, wurde 2016 umgesetzt. Ohne die Sensibilisierung aus dem Netz wäre der ORF vermutlich auch nicht auf die Idee gekommen, einen seiner beliebtesten Moderatoren nach einem Macho-Spruch ins Genderseminar zu schicken.

"Dank #Aufschrei erleben wir eine völlig neue feministische Bewegung", fasst Stevie Schmiedel von der Organisation Pinkstinks zusammen. Es entstanden weitere Initiativen, die aus dem Internet und über die Landesgrenzen reichten; Nobeldesigner bis Textildiskonter bedruckten ihre T-Shirts mit Parolen à la "Girlpower", Filmstars gingen beim Women’s March in Washington mit ihren Geschlechtsgenossinnen auf die Straße. "Feminismus ist ein Wort geworden, das man benutzen kann, ohne schief angeschaut zu werden", sagt Schmiedel. Auch in der Werbewirtschaft habe eine Sensibilisierung stattgefunden: "In deutschen Großstädten sehen wir keine sexistische Werbung mehr."

Und: Ohne #Aufschrei, glaubt Schmiedel, wäre die internationale #MeToo-Kampagne im deutschsprachigen Raum nicht auf so fruchtbaren Boden gefallen. "#Aufschrei war sehr persönlich, #MeToo hat es auf eine systematische Ebene gebracht – Gehaltsschere, Probleme von Frauen in Führungsebenen. Jetzt müssen wir die Debatte in die Politik bringen."

Die Aktion rief Kritikerinnen auf den Plan, allen voran die Journalistin Birgit Kelle, die mit dem Buch "Dann mach doch die Bluse zu" konterte. Es gab Kritik am Wording, wonach "Aufschrei" das Klischee der hysterischen Emanze bediene. Zuletzt fürchtete Catherine Deneuve in einem offenen Brief, die Debatte führe in die falsche Richtung. Schmiedel: "Natürlich ist da immer noch die Frau, die meint, #MeToo würde ihr den starken Mann wegnehmen. Dabei geht es darum, verschiedenen Formen von Männlichkeit Raum zu geben."

Bagatellisierung

Nüchterner beurteilt Soziologin Laura Wiesböck, die sich an der Uni Wien auch mit Genderthemen befasst, die Wirkung. "Es findet immer noch eine Bagatellisierung des Themas statt. So werden Frauen, die Täter aus der Unsichtbarkeit hervorholen wollen, als 'Männerhasser' charakterisiert." Viele Frauen würden ihren Alltag nach wie vor nach "potenziellen Bedrohungen durch Männer" ausrichten: "Das sind oft kleine, eingespielte Handlungen, wie zum Beispiel einen Schlüssel beim Nachhauseweg als mögliche Verteidigungswaffe bereit zu halten." Dass Peter Pilz mit einer Rückkehr in den Nationalrat liebäugelt, sei ebenfalls ein Zeichen für weiteren Aufholbedarf.

Diesen ortet auch Laura Himmelreich: beim Gehalt, der Repräsentation in politischen Ämtern oder der Aufteilung von Familienarbeit. Vor allem aber in den Köpfen jener, die nicht willens sind, ihr eigenes Verhalten zu hinterfragen.

Dazu zählt wohl auch Rainer Brüderle. Entschuldigt hat er sich nie – stattdessen klagte er 2014, das Ganze sei eine "politisch motivierte Attacke" gegen seine Person gewesen.

(kurier) Erstellt am
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