© Theater an der Wien/Monika Rittershaus

Kritik
09/17/2020

"Zazà" im Theater an der Wien: Eine Diva, der man fast verfallen muss

Ruggero Leoncavallos Opernrarität „Zazà“ eröffnete die Corona-Spielzeit im Theater an der Wien.

von Peter Jarolin

Nach der Staatsoper und der Volksoper ist auch das Theater an der Wien unter den coronabedingten Auflagen (Abstand, Hälfte der Zuschauer, Maskenpflicht bis zum Platz) in die neue Saison gestartet.

Und wie schon in den Jahren zuvor hat Intendant Roland Geyer eine echte Rarität ausgegraben. Ruggero Leoncavallos „Zazà“. Ein Werk, das 1900 in Mailand uraufgeführt wurde, vom Komponisten jedoch eine Überarbeitung erhielt, das wie auch Leoncavallos „Bajazzo“ im Theatermilieu angesiedelt ist, sich dennoch nicht auf den Bühnen der Welt behaupten konnte.

Warum nicht? Ganz einfach: In „Zazà“ gibt es keinen echten Ohrwurm, keinen Hit, keine markante Arie, stattdessen ein fast durchkomponiertes Drama rund um die titelgebende Vorstadt-Varieté-Künstlerin Zazà, die sich in einen verheirateten Mann (das weiß sie naturgemäß nicht) namens Milio verliebt und nach der Begegnung mit dessen Tochter Verzicht übt.

Das Theater also als ausweglose Falle, als ewige, dabei so wertvolle Liebschaft? Die Bühnenkunst gilt mehr als die (Über-)Lebenskunst? Diesen Fragen geht Regisseur Christof Loy nach, der in Raimund Orfeo Voigts kühl-weißem Backstage Bühnenbild – auch das Liebesnest von Zazà und Milio ist ein loftartiges Trugbild – mit einer grandiosen Personenführung und einer klugen psychologischen Deutung punkten kann.

Echte Charaktere

Denn Loy zeichnet – wie bei seiner tollen Salzburger „Così fan tutte“ – echte Charaktere. Da wird jede noch so scheinbar kleine Rolle (passend die Kostüme von Herbert Barz-Murauer) zu einem Individuum – das Ergebnis ist ein etwa zweistündiges, pausenloses. intensives, berührendes, musikalisches Kammerspiel rund um Liebe, Lüge und Theater.

Mit einer großen Heldin: Hausdebütantin Svetlana Aksenova. Die russische Sopranistin bringt alles mit, was man für die Rolle der Zazà benötigt. Eine warme, glänzende Stimme, mit perfekten Höhen und absoluter Lust zur Dramatik, ein virtuoses Spiel zwischen Lolita, Diva und wissender Frau. Grandios!

Dass Nikolai Schukoff als Milio es gegen diese Bühnenurgewalt schwer hat, liegt auf der Hand. Sein brüchiger, extrem limitierter, oft zu forcierter Tenor zeigt auch die Tücken auf, die Leoncavallo seinem Personal in die Kehlen geschrieben hat. Dass er als Milio auch als Darsteller keine Sympathiepunkte sammeln kann, ist teils auch der Figur geschuldet.

Anders Christopher Maltman als Zazàs Bühnenpartner und Ex-Liebhaber Cascart, der seinen schönen, kultivierten, noblen Bariton in vielen Szenen zum Klingen bringen darf und ein hervorragendes Porträt dieses (nicht ganz uneigennützigen) Mentors mit Ablaufzeit präsentiert.

In kleineren, aber wichtigen Rollen bewähren sich Enkelejda Shkosa, Dorothea Herbert, Juliette Mars, Tobias Greenhalgh, Paul Schweinester oder Johannes Bamberger; nur der Arnold Schoenberg Chor wird eingespielt.

Recht gut eingespielt ist auch das ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter der nur bieder-routinierten Leitung von Stefan Soltész. Dieser lässt einige von Leonvacallos Melodien sprichwörtlich liegen, ist mehr braver Begleiter denn echter Motivator im Spiel mit dem Spiel. Opernfreunde aber sollten die Gelegenheit zu einer Begegnung mit diesem Stück nützen.

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