© Theater an der Wien/Monika Rittershaus

Kultur
09/14/2020

Wiener Opernchef Geyer: "Die Theater dürfen nicht schließen“

Theater an der Wien. Intendant Roland Geyer über den Saisonstart, „Corona-Achtsamkeit“ statt Angst und das lange Warten auf Normalität.

von Georg Leyrer

Es sind auf den Tag genau sechs Monate nach dem Lockdown: Am Mittwoch gibt es, nach langer Stille, wieder Oper im Theater an der Wien.

Leoncavallos „Zazà“ eröffnet eine – wie in allen Häusern – außergewöhnliche Spielzeit. Natürlich unter strengen Corona-Sicherheitsmaßnahmen. Ein Teil davon: Die Besucher werden auf verschiedene Eingänge und Bereiche verteilt, ohne einander auf den Wegen zu kreuzen.

Intendant Roland Geyer ist „ausschließlich zuversichtlich und erfreut“ – und plädiert für „Corona-Achtsamkeit“ statt Angst.

KURIER: Wie sehen Sie der Wiedereröffnung entgegen?

Roland Geyer: Mit großer Freude und Genugtuung, dass diese furchtbare, stille Zeit endlich vorbei ist.

Können Sie dem Publikum etwaige Sorgen nehmen?

Wir haben im August ein fantastisches Präventionskonzept aufgestellt. Es gibt höchste Sicherheit – sowohl für die Zuschauer, als auch für die Mitwirkenden und das Personal. Ich kann jedem Interessenten und auch jedem, der sich noch aus Angst vor den Theatern fernhält, sagen: Er ist sicher hier. Und man kann völlig losgelöst einen wunderschönen Musiktheaterabend erleben.

Gibt’s das Konzept auch bei den Proben?

Wir testen jeden vierten Tag alle Sängerinnen und Sänger und sogar die Nebendarsteller und das Orchester. Mehr als anderswo. Zwischen Sängern kann in innigen Momenten kein mechanischer Schutz, keine Maske sein, da ist enge Körperlichkeit gefordert. Das haben wir abgesichert. Die Gefahr ist gar nicht so sehr bei der Probenzeit – sondern rundherum, vor allem in der Familie.

Wie gehen die Künstler damit um?

Da habe ich zwei Pole erlebt. Nämlich jene Künstler, die das absolut negiert haben. Die gegen eine Hysterie in dem Bereich aufgetreten sind, es nicht geleugnet, aber gesagt haben: „Ja, es ist eine Pandemie, ja, die ist gefährlich. Aber wenn ich ein bisschen aufpasse, ist das alles übertrieben.“ Und das Gegenteil: Zwei Künstler wollten aus den USA nicht nach Wien kommen, weil sie Angst haben, nach Europa zu reisen. Fast unverständlich, wenn man sich die Zahlen in den USA ansieht.

Vergangene Woche war „Orange“ auf der Coronaampel für Wien schon in Sichtweite. Das wird für Sie nicht lustig gewesen sein.

Natürlich habe ich das mit großen Augen verfolgt. Und danach noch mit den Kollegen Herbert Föttinger (Theater in der Josefstadt, Anm.) und Bogdan Roščić (Wiener Staatsoper, Anm.) telefoniert. Wir alle sind der Meinung: Die Theater dürfen nicht schließen. Wir müssen weiterspielen. Und wenn wirklich die gesundheitliche Notwendigkeit besteht, dass auf 250 Plätze reduziert wird, werden wir auch das tun.

Was budgetär dann extra-dünn wird.

Keine Frage. Ich glaube, das ist dem Subventionsgeber bewusst. Gerade der sehr kulturbeflissene Bürgermeister und selbstverständlich die Kulturstadträtin wünschen sich, dass die Theater offen haben. Und dem Publikum, das nicht Angst hat zu kommen, das Liveerlebnis zu ermöglichen.

Ist die Angst im Publikum zuletzt gewachsen? Haben Sie wieder mehr Absagen?

Nein, nicht wesentlich. Aber insgesamt merken wir schon: Die Menschen sind vorsichtiger geworden und warten erstmal ab. Wir müssen sehen, wie es weitergeht.

Wie wird es weitergehen?

Ich habe mir angewöhnen müssen, dass eine zu lange Vorplanung keinen Sinn macht. Man muss Step by Step vorgehen. Mein Job besteht im Moment eher aus Trouble-Shooting.

Wann wird es auch in der Kultur wieder ungefähr so sein wie vor Corona?

In denke, dass ich das in meiner Ära bis 2022 nicht mehr erlebe.

So lange?

Ich bin nicht überzeugt, dass der Impfstoff in ausreichendem und gesicherten Maße bis Sommer nächsten Jahres vorhanden sein wird. Und die Auswirkungen in den Köpfen der Menschen sind bereits zu merken. Die jungen Schüler sind vom Homeschooling im Frühjahrs-Shutdown schon betroffen. Es wird noch einige Zeit dauern, bis die Angst weg ist, die weltweit den Menschen im Nacken sitzt. Die ist die größte Hürde für eine normale Gesellschaft und Lebenskultur.

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