Kultur
25.01.2018

"Wunder": Ich bin o. k.– Du bist o. k.

Julia Roberts in einem harmoniesüchtigen Wohlfühl-Melodram.

An den Schuhen erkennt man die Menschen, an den guten Absichten mittelmäßige Filme.

Auggie ist ein amerikanischer Zehnjähriger, dessen Gesicht – genetisch bedingt – entstellt ist. Deswegen blickt er meist zu Boden. Damit kann er sich das Gaffen seiner Mitschüler ersparen und stattdessen ihre Fußbekleidung studieren.

Bis vor Kurzem noch wurde Auggie von seiner Mutter zu Hause unterrichtet, doch diese Schonfrist ist vorbei. Jetzt heißt es: Hinaus ins Leben und sich in der neuen Highschool den Mitschülern und ihrem Mobbing stellen.

Auch Auggies Teenager-Schwester Via hat ihre Probleme: Sie leidet darunter, dass ihre Eltern rund um die Uhr mit dem kleinen Bruder und dessen Problemen beschäftigt sind. Wo sie doch selbst leidet, da sie von ihrer besten Freundin Miranda fallen gelassen wurde.

Harmoniesüchtig ringt das "Wunder"-Melodram rechtschaffen darum, seine Menschenfreundlichkeit möglichst gleichmäßig zu verteilen. In kleinen Kapitelüberschriften wie "Auggie", "Via" oder "Miranda" werden die Perspektiven verschiedener Beteiligter eingeholt, um unser Einfühlungsvermögen für deren Verhalten noch umfassender zu ermöglichen.

Sehr sympathisch, eigentlich, und doch von einer oberflächlichen Gefälligkeit, die an Anbiederung grenzt. Und natürlich macht die "Ich bin o. k. – Du bist o. k."-Attitüde genau vor jenem Buben halt, der Auggie am meisten mobbt: Er bekommt keine eigene Kapitelüberschrift gewidmet, nur eine kleine Nebenszene, die ihn mit seinen fiesen Eltern zeigt. Kein Wunder, dass das Kind so ist. Aber sorget euch nicht, auch ihm wird vergeben werden.

Welpenblick

Am meisten Wohlfühl-Feel-ing aber strahlen Auggies Eltern ab. Wie zwei Hochöfen verströmen sie ihre Menschenwärme, bis man regelrecht ins Schwitzen gerät: Julia Roberts lächelt permanent sensibel, Owen Wilson liefert dazu den treuherzigen Blick eines Welpen. Sie beiden spielen ein beneidenswert fantastisches Papa-Mama-Gespann: Immer cool, nie ungeduldig oder schlecht gelaunt, und auch noch als Liebespaar völlig intakt. Ständig zeigen sie sich nur von ihrer besten Seite, so als würden sie andauernd für ein Familienfoto vor der Kamera posieren.

Bei so viel Unterstützung kann letztlich auch Auggie nicht scheitern – trotz emotionaler Rückschläge. Außerdem entpuppt er sich als toller Schüler und kann sein ungefälliges Äußeres (übrigens nicht annähernd so radikal wie beispielsweise Eric Stoltz in Peter Bogdanovichs "Die Maske") mit Genialität ausgleichen. So viel Außenseitertum wird schließlich mit Freundschaften belohnt.

Der Kitsch-Strom der guten Absichten fließt, doch die Buben spielen hinreißend, die Teenager süß – und Julia Roberts ist immer einen Kinobesuch wert. Willkommen beim Love-Fest.

INFO: USA 2017. 113 Min. Von Stephen Chbosky. Mit Jacob Tremblay, Julia Roberts, Owen Wilson.

KURIER-Wertung:

Ein Schuss auf das Kruzifix an der Stubenwand

Ronny Trocker hat für sein formschönes Spielfilmdebüt "Die Einsiedler" zwei Urwiener in die Südtiroler Berge versetzt. Ausgerechnet Ingrid Burkhard, dem großen Publikum bekannt als Toni Sackbauer, Frau von Edmund in "Ein echter Wiener geht nicht unter", spielt punktgenau eine alte Bergbäuerin im Vinschgau. Als solche schleppt sie schwere Milchflaschen über den vereinsamten Hof, melkt Kühe, schaufelt Gräber und ertränkt Katzen. Wenn es sein muss, schießt sie auch das Kruzifix von der Wand.

Ihr Sohn – Andreas Lust, ungewohnt mit Südtiroler Akzent – soll ein besseres Leben führen als sie und arbeitet im Steinbruch im Tal. Tatsächlich aber kann er dort nicht recht Fuß fassen und schwankt zwischen seiner halb eingerichteten Wohnung und der Verpflichtung, auf dem elterlichen Hof nach dem Rechten zu sehen.

Trocker kennt keine falschen Sentimentalitäten, wenn es um das Verhältnis zur unwegsamen Natur geht. Sein unlieblicher Blick auf eine erhabene, aber gleichgültige Bergwelt ordnet "Die Einsiedler" umgehend ins Anti-Heimatfilm-Genre ein. In klaren, kalten Bildern spitzt er die tristen Verhältnisse in extremer Berglage zu: Die Beziehung zwischen der barschen Mutter und ihrem Sohn – kongenial austariert von Burkhard und Lust – ist weitgehend sprachlos; die Alte will den Sohn in sein neues Leben stoßen, doch auch dort herrschen unterkühlte Zustände. Anbahnende Freundschaften werden von mobbenden Kollegen verdunkelt, eine Romanze mit Blicken angedeutet. Manchmal entwirft Trocker die Lebenssituationen seiner Protagonisten einen Hauch zu modellhaft, bleibt aber als Erzähler immer atmosphärenstark und eindringlich.

INFO: D/Ö 2016. 110 Min. Von Ronny Trocker. Mit Ingrid Burkhard, Andreas Lust, Orsi Tóth.

KURIER-Wertung:

Unter der Dusche mit Grace Jones

"Slave to the Rhythm" und legendäre Disko-Ikone, ist 69 Jahre alt. Allein diese Information scheint unfassbar, denn keine Sekunde will man ihr die Jahreszahl abnehmen. Unter der Dusche klopft sich die Vorreiterin für Queer- und Transgender-Ästhetik auf den muskulösen Hintern und murmelt, dass sie mehr Sport machen müsste. Nein, müsste sie nicht. Gepresst in ein schwarzes Mieder, marschiert Grace Jones langbeinig über die Bühnen dieser Welt. Mit mächtiger Stimme und bizarren (Hut-)Outfits ("Ich fühle mich wie eine Puff-Mutter") liefert sie bis heute unwiderstehliche Auftritte, für die sich ihre Fans stundenlang anstellen.

Sophie Fiennes, britische Dokumentarfilmemacherin und Schwester von Ralph, hat die Jamaikanerin über zwölf Jahre hinweg mit ihrer Kamera besucht. Fiennes lässt Archivmaterial und Interviewpassagen beiseite und verlegt sich auf reine Beobachtungen. Grace, wie sie Austern schlürft und Champagner süffelt, Grace wie sie am Telefon mit Produzenten herum brüllt, Grace, wie sie während einer Jamaika-Reise ihre Familie besucht. Was auf den ersten Blick als gut gelauntes Porträt daherkommt, legt dunklere Schichten frei, ohne ins Psychologische zu kippen. Die Fratze des prügelnden Stiefvaters, der die Familie das Fürchten lehrte, schimmert in den Gesprächen ("Ich hatte so viel Hass in mir.") zunehmend durch. Kein "La Vie en Rose", nein, aber spätestens auf der Bühne – "Keep it up!"– souverän, stimmgewaltig, außerirdisch.

INFO: IRL/UK 2017. 115 Min. Von Sophie Fiennes. Mit Grace Jones, Sly & Roby.

KURIER-Wertung:

Ein Kleinganove zwischen zwei Stoßgebeten

Was zum Teufel hat der im Titel angesprochene Gott mit dem allen zu tun?

Das fragt man sich im Verlauf dieses Thrillers rund um die Nöte von Immigranten, Dealern und einer Polizistin als alleinerziehenden Mutter. Einzige Hinweise auf eine jenseitige Gerichtsbarkeit sind zwei Stoßgebete von Ricky, der von Moritz Bleibtreu gespielten Hauptfigur.

Das Frankfurter Halb- und Unterweltmilieu, in dem die rasante Raubersg’schicht angesiedelt ist, setzt sich zum überwiegenden Teil aus Türken und Arabern zusammen, denen die rechtschaffene Integration ins Gastland offensichtlich nicht geglückt ist. Um schon von vornherein den Vorwurf einer anti-islamischen Haltung zu entkräften, kehrt Ricky schon am Beginn während seines Gebets dem Publikum den nackten Rücken zu – verziert mit einem riesigen Jesus-Tattoo.

Der neue, düstere Krimi von Özgür Yildirim ("Chiko") will das Publikum mit Top-Besetzung ins Kino locken: Bleibtreu als Kleinganove Ricky, dem jeder Coup misslingt; Birgit Minichmayr als resolute Polizistin, Alexandra Maria Lara als Rickys reich verheiratete Ex sowie Peter Simonischek als langsam dement werdender Vater.

Die Moral von der Geschichte, die auf ein finales Blutbad zustrebt, ist aber dann doch zu simpel: Kriminalität lohnt sich nicht, sie macht’s nur noch schlimmer! Über diese Vorhersehbarkeit helfen auch die solide Inszenierung und routinierte Schauspieler nicht hinweg.

Text: Gabriele Flossmann

INFO: D 2017. 100 Min. Von Özgür Yildirim. Mit Moritz Bleibtreu, Neil Malik Abdullah.

KURIER-Wertung: