Kultur
26.01.2018

Woody Harrelson: Mein Dinner mit Trump

Oscarnominierung für Woody Harrelson als Provinz-Cop

Einer der sieben Oscarnominierungen für das schwarzhumorige Rache-Drama "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" (derzeit im Kino) gehört Woody Harrelson. Er spielt einen Provinz-Polizeichef, der den Mord an einer Teenagerin nicht lösen kann und von deren Mutter unter Druck gesetzt wird (Filmkritik siehe unten). Eine Paraderolle für "True Detective" Harrelson, der nicht nur für seine Rollen in "Die Tribute von Panem" oder "Natural Born Killers" berühmt ist, sondern auch für seinen Polit-Aktivismus und sein Umweltengagement.

Und ja: Wenn Woody Harrelson jemanden nicht mag, dann ist es Donald Trump.

KURIER: Eigentlich sind Sie auf die Rolle des Bad Boy im Kino abonniert, aber diesmal hat man Sie zum Polizisten befördert.

Woody Harrelson: Tja, ich spiele gerne auch einmal den netten Typen und ich mochte meine Rolle als Chief Willoughby sehr. Er ist ein guter Polizist in schwieriger Situation. Er hat viel Mitgefühl mit der Verzweiflung von Mildred Hayes, der Mutter des getöteten Mädchens, aber was kann er tun? Es gibt keine Hinweise auf den Täter.

Tatsächlich schätzt man Ihre Figur zuerst falsch ein.

Ja, das gefällt mir auch so an dem Drehbuch von Martin McDonagh: Seine Figuren sind komplex. Zum Beispiel die 19-jährige Freundin von Mildreds Ex-Mann: Wir sind bereit, sie nicht zu mögen, doch dann stellt sich heraus, dass sie eine ganz nette Person ist. Ich finde diese ungeahnten Wendungen super.

Es gibt einen rassistischen Provinz-Polizisten, der eine Wendung zum Besseren macht. Fast wirkt es ein bisschen so, als wollte der Film sagen, dass auch ein potenzieller Trump-Wähler seine humane Seite hat. Sehen Sie das auch so?

Ich glaube, es ist wirklich gefährlich, alle Menschen, die Trump gewählt haben, als Idioten und Rassisten abzustempeln. Meine Schwiegermutter hat Trump gewählt und glaubt bis heute an ihn. Sie lebt in Kaliforniern, hat chinesische Wurzeln, ist sehr konservativ und sehr katholisch. Sie ist Republikanerin und würde niemals einen Demokraten wählen. Manche haben auch Trump gewählt, weil sie sich Veränderung wünschten. Viele hatten einfach keine Lust mehr auf den immer gleichen Dreck der Politiker – und genau den bekommen sie jetzt von Trump, und zwar mehr denn je. Trump hat das Budget des Militärs um neun Prozent angehoben – das sind Milliarden von Dollar für ein ohnehin aufgeblasenes Budget. Er schert sich null um die Umwelt – alles was ihn interessiert, macht er für sich und seine Geschäftskumpane. Das ist ziemlich obszön, was da gerade passiert.

Sie klingen nicht gerade optimistisch, was die Zukunft betrifft.

Ich finde, dass wir in einem wirklich korrupten System leben. Was ist das für eine Demokratie, wo die Person, die die meisten Wählerstimmen bekommt, nicht Präsident wird? Wie leben in einer ... Oligarchie (lacht). Es ist tatsächlich so. Alles wird von Konzernen kontrolliert, den Öl-und Minengesellschaften, den Militärs. Die sind alle befreundet und entscheiden, was passiert und mit wem wir Krieg führen. Es ist ziemlich deprimierend.

Sie sind Politik-Aktivist, haben gegen den Irakkrieg protestiert, sich für die Umwelt eingesetzt ... machen Sie weiter damit?

Ich habe das Gefühl, ich muss einfach etwas gegen diesen politischen Wahnsinn tun. Und ja, ich habe ein paarmal gegen die Regierung gekämpft und jedes Mal verloren (lacht). Das hat mich eine Menge Geld gekostet und deswegen bin ich auch zynisch geworden. Einmal habe ich sogar an einem Abendessen mit Donald Trump teilgenommen – das war 2002, als er noch auf Seiten der Demokraten war. Danach hatte ich echt genug. Ich musste mitten drin hinausgehen und einen Joint rauchen, um mich zu beruhigen. Dann bin ich wieder hinein und habe noch eine weitere Stunde durchgehalten. Es war echt brutal.

Inwiefern brutal?

Weil er der narzisstischste Mensch ist, der mir je unterkam. Er hat ausschließlich über sich selbst und sein Geld geredet. Unfassbar. Aber eine Sache hat er erzählt, die fand ich recht scharfsinnig. Er sagte (macht Trumps Sprechweise nach): "Ich bin vier Milliarden Dollar schwer, aber ich zweifle nicht daran, dass meine Kinder nach meinem Tod über ihr Erbe streiten werden." Da dachte ich, na schau, du hast doch etwas gesagt, was halbwegs interessant ist. Ansonsten konnte ich ihn nicht ausstehen. Und ich finde es schrecklich, dass du mit dem Typen, der dein Präsident ist, nicht einmal Abendessen möchtest.

Sie haben unlängst Ihren ersten Film als Regisseur gedreht, "Lost in London", der auf eigene Erlebnissen beruht?

Oh ja, mein Film wurde von einer Nacht in London inspiriert, die ich selbst erlebt habe. Eine Menge Dinge sind passiert. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen mit meiner Frau und ich dachte, die Beziehung ist am Ende. Schließlich bin ich im Gefängnis gelandet. Ich habe den Film mit mir selbst in der Hauptrolle in London gedreht, und zwar in 99 Minuten Realzeit, die als Livestream in Kinos in Amerika und London gezeigt wurden. Das war cool, denn das hatte vorher noch niemand gemacht. Aber eigentlich bin ich im Grunde meines Herzens ein ziemlich fauler Typ. (lacht)

Polizeitrottel auf dem Weg zur Besserung

Sieben Oscarnominierungen für "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" bestätigen die Karriere eine Films, der einen Triumpfzug bei Kritikern und Publikum feierte. Bis es zum Backlash kam. Vor allem die Figur eines rassistischen Polizisten, der sich zum netten Typen verbessern darf, fuhr Widerspruch ein. Einigkeit herrscht über die Exzellenz des Schauspieler-Ensembles: Frances McDormand spielt furios Mildred Hayes, die Mutter einer ermordeten Teenagerin. Wütend darüber, dass die lokale Polizei keine Fortschritte bei der Verbrechensaufklärung macht, mietet sie drei Anzeigetafeln "Gestorben, während sie vergewaltigt wurde", steht zu lesen, und: "Warum wurde noch niemand verhaftet?" Die Frage richtet sich an den Polizeichef, den Woody Harrelson mit Gusto zum Schillern bringt. Ihn will Mildred zum Handeln zwingen und zieht sich den Hass der Bevölkerung zu.

Keine besonders lustige Ausgangssituation, möchte man meinen, doch der irische Dramatiker und Drehbuchautor Martin McDonagh ("Brügge sehen ... und sterben?") spitzt seine Extrem-Handlung zu scharfen Pointen zu, die er auf das Herz der US-Provinz richtet. Rassismus, Sexismus, Gewalt und Schwulendfeindlichkeit stehen auf seiner Anklageliste.

Der Polizeitrottel – Sam Rockwell in einer Paraderolle – ist beispielsweise berühmt für seine Foltermethoden von Schwarzen, besteht aber auf korrekter Sprechweise: "Es heißt nicht mehr ,Nigger-Torturing‘, sondern ,People-of-Color-Torturing‘".

Oberschlau

Es sind Witze wie diese, mit denen McDonagh leichte Beute im Terrain der Political-Correctness-Satire macht, und man spürt förmlich, wie schlau er sich dabei vorkommt. Auf ihrem Rachefeldzug sticht Mildred dem Zahnarzt im Tarantino-Style mit dem Bohrer durch den Daumen und tritt Teenagern zwischen die Beine. Auch so ein Markenzeichen des Regisseurs, der gerne zwischen Gewalt und Witz changiert, sein Publikum im Wechselbad der Gefühle fesselt und dabei angestrengt die Handlungsfäden zieht.

"Three Billboards" ist über weite Strecken vergnüglich, doch im Grunde interessiert sich McDonagh wenig für gesellschaftliche Verhältnisse, und auch für seine Figuren nur in so weit, als sie ihm Potenzial für effektvolle Gewaltausbrüche oder krasse Komik in bester Sitcom-Manier liefern. Dass sich trotzdem tief empfundene Momente von Schmerz oder Humor einstellen, verdankt der Regisseur seinen Schauspielern, nicht seinem Kalkulierspiel.

INFO: USA/UkK 2017. 115 Min. Von Martin McDonagh. Mit Woody Harrelson, Frances McDormand, Sam Rockwell.

KURIER-Wertung: