Veronica Kaup-Hasler rät: "Wenn du ein Puzzle mit 4.000 Teilen hast, dann beginnst du am besten mit den Randstücken..."

© APA/HERBERT NEUBAUER

Interview
07/06/2020

Wiener Kulturstadträtin: "Den Schutzschirm hat man versemmelt"

Veronica Kaup-Hasler bedauert, dass die Hilfsmaßnahmen des Bundes in der Corona-Krise nur Stückwerk sind. Ihr Vorbild ist die Schweiz.

von Thomas Trenkler

Die SPÖ forderte aufgrund der dramatischen Auswirkungen der Corona-Krise auf die Kulturszene wiederholt einen „Rettungsschirm“. Und auch Veronica Kaup-Hasler, die parteifreie Wiener Kulturstadträtin, tut dies mit Verweis auf die Schweiz.

Dort bekommen Kulturschaffende unter anderem eine Ausfallentschädigung (bis zu 80 Prozent des finanziellen Schadens). Und selbst Kulturvereinen im Laienbereich gewährt man Finanzhilfen (bis zu 10.000 Franken bzw. 9.412 Euro). Im KURIER-Interview spornt Kaup-Hasler Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer an – mit einem Lob.

KURIER: Die Künstler machten unlängst mit einem Schweigemarsch auf ihre Situation aufmerksam. Wie beurteilen Sie die derzeitige Lage?

Veronica Kaup-Hasler: Die Kunstbranche ist existenziell betroffen. Wir haben versucht, möglichst viel abzufedern – und wir haben es in Wien sehr unbürokratisch gemacht. Denn im Bund haben wir einen Dschungel an Maßnahmen, der lange Zeit für Verwirrung und Unsicherheit gesorgt hat.

Sie meinen Covid-19-Fonds, Härtefallfonds, Überbrückungsfonds …

Man hat sich – entgegen den Empfehlungen von mir und vielen Experten – nicht für einen Rettungsschirm entschlossen, den die Schweiz aufgespannt hat. Daher gibt es ein Stückwerk, einen Fleckerlteppich. Die große Frage lautet ja: Wie geht man mit der vielfältigen Kunstszene des Landes um? Wenn du ein Puzzle mit 4.000 Teilen hast, dann beginnst du am besten mit den Randstücken, schaffst also den großen Rahmen – und arbeitest dich langsam in die Mitte. Hinzu kommt, dass wir in einer ständigen Warteposition sind. Wir haben 14 Wochen auf Richtlinien für die gemeinnützigen Vereine gewartet! Das ist eine Ungeheuerlichkeit, mehr kann ich dazu nicht sagen. Denn wir sind von den Vorgaben des Bundes abhängig. Und in Wien leben 40 Prozent der heimischen Künstlerinnen und Künstler!

Die Kulturförderung ist aber Sache der Länder – und Wien hat sehr wohl unabhängig vom Bund Maßnahmen getroffen.

Ja, das stimmt. Aber Corona ist eine Ausnahmesituation, die das gesamte Land betrifft. Daher geht es um die Aufgaben des Bundes! Den Schutzschirm hat man versemmelt. Die Schweiz prolongiert ihren sogar, bis es eine Rückkehr zur Normalität gibt. Und mit ihm wird allen geholfen. Besonders betroffen sind ja jene, die nie irgendwelche Subventionen bekommen haben, zum Beispiel Musikensembles, die sich über Konzerte und Tourneen finanziert haben. Die sind völlig leer ausgegangen – wie auch die Kabarettszene und viele mehr. Genau hier könnte ein Rettungsschirm des Bundes Einnahmenausfälle kompensieren und diese Kulturbranchen retten. Noch ist es ja nicht zu spät. Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer hat sich ja in kürzester Zeit mit viel Energie für die Verbesserung und Konkretisierung der Maßnahmen eingesetzt.

Sie wollten u. a. Michael Niavarani helfen, der das Simpl und sein Globe ohne Förderungen geführt hat.

Ich habe ihn mit dem Bürgermeister zusammengebracht. Das Problem ist: Du kannst nicht nur für einen einzigen Bereich – wie die Kabarettszene – eine Lösung finden, nur weil aus dieser Ecke der Druck so hoch ist. Das wäre ungerecht gegenüber all den anderen. Zu den Maßnahmen, die wir in Wien getroffen haben: Die Arbeitsstipendien haben sehr gut gewirkt, das Modell wurde auch von anderen Bundesländern übernommen. Wir sind kein Sozialamt, daher fördern wir projektbezogen. Ich nehme also die künstlerische Arbeit ernst – und zu dieser gehört auch das Innehalten, Vertiefen, Recherchieren. Das sind Tätigkeiten, zu denen man normalerweise nicht kommt, weil man damit beschäftigt ist zu überleben.

Der ehemalige Unterrichtsminister und Kanzler Fred Sinowatz verstand Kulturpolitik als „Fortsetzung der Sozialpolitik mit anderen Mitteln“.

Kulturpolitik ist weit mehr als Sozialpolitik! Wir schauen natürlich mit einem sozialen Blick auf die Szene! Wir haben daher auch das Ankaufsbudget für bildende Kunst stark erhöht! Und wir haben bereits in der zweiten Woche des Lockdowns den Theatern und Veranstaltern garantiert, dass die Subventionen voll ausbezahlt werden – unabhängig davon, ob gespielt werden kann oder nicht.

Es gibt aber große Ungerechtigkeiten. Denn Theater wie der Rabenhof, die eine hohe Eigendeckungsquote hatten, sind existenzgefährdet. Andere Häuser, die jetzt nur geringe Einnahmenausfälle haben, kommen gut über die Runden. Im Schauspielhaus wurde das Ensemble nicht in Kurzarbeit geschickt – obwohl die nächste Premiere erst am 30. September stattfinden soll.

Wir werden die Abrechnungen prüfen! Natürlich muss man mit den Subventionen redlich umgehen. Aber man kann es auch anders sehen: Viele Unternehmen brauchen die Kurzarbeit dringend. Und dann gibt es Unternehmen, die brauchen sie nicht. Es wäre doch unethisch, wenn sie diese Form der Unterstützung in Anspruch nähmen!

Wie wird der neue Kultursommer „Wien dreht auf!“? Ich habe noch kein Programm bekommen.

Das sollte Sie nicht wundern. Es ist sicher das am schnellsten realisierte Festival des Landes! Erst als klar war, was im Sommer möglich sein wird, hat der Bürgermeister die Idee geäußert: „Ich möchte etwas für die Wienerinnen und Wiener machen, weil mehr Menschen denn je den Sommer über in der Stadt bleiben werden.“ In Windeseile habe ich ein Board mit Vertretern aus den verschiedenen Szenen zusammengestellt. Und dieses Team arbeitet seither von früh bis spät. Das Programm wird am 7. Juli bekannt gegeben – für die ersten Wochen. Ein Gesamtprogramm in dieser kurzen Zeit ist unmöglich!

Wie geht es weiter mit dem Koproduktionshaus Brut? Findet es im Atelier Augarten Unterschlupf? Gibt es nun eine Einigung mit dem Verein der bucharischen Juden?

Der Burghauptmann will zwei Mieter, die sich einigen sollen. Das ist mit dem Konzept vom Brut, das eine Erweiterung um Probenräume vorsieht, nicht denkbar. Und ich weiß von Oskar Deutsch, dem Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde, dass unglaubliche Investitionen für das Sicherheitskonzept anfallen würden. Um diese verfahrene Situation zu bereinigen, schlage ich eine Zwischennutzung für das Brut vor – und eine Neuausschreibung mit klaren Vorgaben. Währenddessen suchen wir nach einem gesicherten Standort für das Brut.

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