Sigourney Weaver in "Alien" (1979): Einer der besten Trailer

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Kultur
05/01/2019

Wie funktioniert ein guter Trailer? Wie ein guter Pop-Song

Interview mit Trailer-Spezialist Stephen Garrett: Über die Kunst, möglichst viele Menschen mit einem Trailer ins Kino zu locken.

von Alexandra Seibel

Der Trailer ist die Kunst des ersten Eindrucks. Er dauert nur zwei Minuten, aber er kann mit entscheiden, ob ein Film im Kino lebt oder stirbt. Wer ihn anklickt, soll Lust bekommen – auf die schräge Komödie, das schwarzhumorigen Drama oder den nächsten Superhelden-Blockbuster.

Stephen Garrett und seine New Yorker Firma Jump Cut haben sich auf die Produktion von Trailer und Filmposter spezialisiert. Spezialbereich: Amerikanische Independent-Movies, europäischer Arthouse-Film und Dokus. Jump Cut schnitt Trailer für „Toni Erdmann“, „Borg vs. McEnroe“ oder „Werk ohne Autor“. Ein Gespräch mit Stephen Garrett über „Alien“, Nazi-Uniformen und Lockvogeltaktik.

KURIER: Mr. Garrett, es gibt Trailer, bei denen hat man das Gefühl, man hätte den gesamten Film gesehen. Versteht man das unter einem guten Trailer?

Stephen Garrett: Nein. Ich selbst kenne dieses Gefühl, und es ist das schlimmste, was ein Trailer anstellen kann: Den Leuten Leuten das Gefühl zu geben, sie hätten bereits alles gesehen. Ein Trailer soll Fragen stellen, aber nie Antworten geben. Sobald man eine Antwort gibt, haben die Leute einen Grund weniger, ins Kino zu gehen. Wenn Sie das nächste Mal einen Trailer ansehen, achten Sie darauf, wie oft Menschen Fragen stellen: Wer sind Sie? Woher kommen Sie? Was geschieht hier? Das sind alles Fragen, die sich das Publikum stellen soll, um dann idealerweise die Antworten im Kino zu suchen.

Wie funktionieren gute Trailer?

Die kurze Antwort: Ein guter Trailer schafft Anreiz. Die lange Antwort: Es gibt zwei Formen von Trailern. Der sogenannten Teaser-Trailer dauert zwischen 45 und 60 Sekunden und soll nur „teasern“, also Anreiz schaffen. Es werden keine Handlungselemente verraten, sondern nur Ausblicke auf eine bestimmte Welt, eine Umgebung oder einen Star gegeben. Meistens handelt es sich dabei um große Franchise-Filme, bei denen man seinem Publikum nicht viel erklären muss – wie beispielsweise bei „Avengers: Endgame“. Erst kurz vor Filmstart wird mehr verraten. Dann gibt es den regulären Trailer.

Was halten Sie davon, wenn ein Trailer den Film verfälscht, um Leute ins Kino zu locken?

Ich selbst sage mir oft: Ich lüge im Dienst einer höheren Wahrheit, denn man muss einen zweistündigen Film in zwei Minuten verpacken. Wenn es sich um einen großen Studio-Film handelt, wissen die Leute meistens, was sie erwartet. Aber bei kleineren Filmen fehlen oft klare Genre-Definitionen. Eine Komödie hat vielleicht Horror-Elemente, oder ein Drama ist nicht nur Drama, sondern auch Musical. Beim Trailer betont man das eine Element mehr, als das andere – insofern repräsentiert man den Film bis zu einem gewissen Grad falsch. Man nennt das Lockvogeltaktik: Man zeigt den Leuten etwas, von dem sie glauben, dass sie es sehen wollen, aber zieht es in letzter Minute zurück und zeigt ihnen etwas anderes. Sie sitzen dann im Kino und denken sich: „Oh, das wollte ich mir eigentlich nicht anschauen, aber es gefällt mir – also verzeih’ ich dir.“

Sie schneiden oft europäische Filme für ein amerikanisches Publikum. Gibt es länderspezifische Unterschiede?

Oh ja. Ein interessantes Beispiel dazu ist Florian Henckel von Donnersmarcks Film „Werk ohne Autor“ (basiert lose auf der Biografie von Gerhard Richter, Anm.), dessen Trailer ich für den Amerika-Start geschnitten habe. Der deutsche Trailer ist ziemlich schnell ziemlich düster geworden: In den ersten dreißig Sekunden erfährt man, dass die Cousine des kleinen Buben, der die Hauptfigur ist, verrückt wird, sich selbst mit einem Aschenbecher auf den Kopf schlägt, bis sie blutet, dann ins Konzentrationslager verschleppt und dort schließlich umgebracht wird. Für den US-Verleiher kam das nicht in Frage. Wenn man einem amerikanischen Publikum Nazi-Uniformen oder ein Konzentrationslager zeigt, assoziiert es sofort einen Holocaust-Film damit. Ein deutsches Publikum, das mit seiner Geschichte vertraut ist, kann sich vorstellen, dass so ein Film mehr als nur vom Holocaust erzählt. Ich habe daher in meinem US-Trailer mehr die romantischen Aspekte und die Erweckung eines Mannes zum Künstler betont. Auch gibt es einen Moment, wo der Held mit seiner Freundin von Ost-Berlin nach West-Berlin flüchtet. Im Film ist das nicht allzu aufregend, aber ich habe dieses Thriller-Moment im Trailer hochgespielt und so getan , als wäre das ein sehr wichtiges Handlungselement.

 

 

Wenn Sie einen Film sehen, schneiden Sie da oft schon im Geiste den Trailer mit?

Manchmal. Es gibt diese berühmte Hollywood-Anekdote über „Little Miss Sunshine“ von 2006. Der Film wurde in Sundance gezeigt und ein potenzieller Käufer sah ihn. Nach zehn Minuten rief er: „Trailer-Moment!“, nach zehn Minuten wieder: „Trailer-Moment!“ und nach zehn weiteren Minuten noch einmal. Der Film wurde gekauft, bevor er noch zu Ende war. Der Marketing-Spezialist hatte gleich erkannt, dass er einen guten Trailer daraus machen und daher gut verkaufen konnte. „Little Miss Sunshine“ wurde ein Hit.

Haben Sie selbst einen Lieblingstrailer?

Der Trailer für „Alien“ von 1979 ist einer meiner Lieblingstrailer. Er funktioniert sehr wie ein Teaser, weil er kaum die Geschichte erklärt und keine Dialoge hat. Es gibt nur eine Montage an verstörenden Bildern, und am Ende heißt es: „In Space no one can hear you scream“ („Im All kann dich niemand schreien hören“). Fantastisch.

Gibt es bei Trailern so etwas wie Trends?

Oh ja. In den 90er Jahre, als das digitales Schneiden richtig losging und alle von der neuen Technologie ganz berauscht waren, wurden die Trailer sehr sehr schnell geschnitten, so als hätten alle Koks geschnupft. Lange Zeit gab es die männliche Stimme aus dem Off, die erklärt, was passiert. Als in Jerry Bruckheimers Produktion „Nur noch 60 Sekunden“ (2000) mit Nicolas Cage eine Frauenstimme diesen Kommentar sprach, war das eine Sensation. Heute ist vor allem Rhythmus im Trend: Es wird ganz obsessiv auf Rhythmus geschnitten – zu stark, wie ich finde. Der Trailer zu „Roma“ beispielsweise besteht nur noch aus Rhythmus, als wäre er eine Werbung für die Perkussionsgruppe „Stomp“. Aber natürlich braucht ein guter Trailer den richtigen Rhythmus: Er soll sich anfühlen wie ein PopSong. Und er sollte etwas sein, das man sich immer und immer wieder anhören und ansehen kann.