© Patricia Piccinini

Kultur
04/11/2021

Wenn Mischwesen von Monstern zu Mitbewohnern werden

Die Australierin Patricia Piccinini illustriert in Krems Möglichkeiten der veränderten Natur – und erntet im Netz Hass

Jedes Kind kennt das Sams – ein rothaariges, untersetztes Wesen mit einer Schweinsnase, das der Autor Paul Maar einst erfand und das eine ganze Reihe erfolgreicher Bücher und Filme nach sich zog.

Doch was wäre, wenn ein solches Wesen dank einer genetischen Intervention leibhaftige Realität mit Haut und Borstenhaaren würde? Wäre es noch immer der geliebte Spielgefährte oder etwas anderes, ein Monstrum gar?

Es sind solche Gedankenspiele, die die australische Künstlerin Patricia Piccinini mit ihren lebensecht wirkenden Figuren anstößt. Babys mit Augen und Nasen von Fledermäusen, Buben mit Biberzähnen, Mischwesen aus Wolf und Mensch setzt die Künstlerin in Kinderzimmer, Campingzelte oder auf Strandhandtücher: Die Kreaturen, detailgenau ausgeführt bis in die Pigmentflecken und Fältchen, sollen stets so wirken, als würden sie unter uns Menschen wohnen.

Hybride Wesen

Piccinini vertrat damit 2003 ihre Heimat bei der Venedig-Biennale. Nun zeigt die Kunsthalle Krems bis 3. 10. eine Werkschau, die in der lockdownbedingten Schließzeit auch im Netz Kreise zieht: Vergangene Woche war die Facebook-Seite der Kunsthalle einer Empörungsattacke ausgesetzt (s. Kommentar).

Dass Piccininis Arbeit skandalisieren kann, erstaunt insofern, als die Film- und Popkultur – vom Netflix-Hit „Stranger Things“ bis zu Klassikern wie „Alien“ oder den Filmen von David Cronenberg – längst verstörendere Mischkreaturen parat hat.

Während sie dort jedoch immer als das „Andere“ auftauchen, das es abzuwehren gilt, fordert Piccinini ein, jenen Wesen, die zumindest theoretisch mithilfe von Biotechnologie herzustellen wären, Empathie und Offenheit entgegenzubringen: „Die Herausforderung, sie zu akzeptieren, ist dieselbe, die wir gegenüber allem, was anders ist, empfinden“, sagt die Künstlerin im Katalog. Bei den einzelnen Ausstellungsstücken werden die Fragestellungen dann noch expliziter: Wie verfahren wir mit Wesen, die primär als Organspender herangezüchtet werden? Wie mit Labortieren?

Zu realistisch?

Dass Technologie in die Natur eingreift und „nichtmenschliche Leiharbeitskräfte“ beschäftigt – ob nun in der Milcherzeugung, der medizinischen Forschung oder der Fischzucht –, ist längst Realität. „Sind Chimären unsere Arbeitstiere oder unsere Kinder?“ fragt Piccinini nun.

Gerade weil sie gemischte Gefühle hervorrufen, sind die Figuren gute Konversationsstarter. Solche kannte man schon in den „Kunst- und Wunderkammern“ früherer Tage: Die Kabinette, in denen Kunst, Natur und Wissenschaft noch nicht so streng getrennt waren wie heute, waren immer wieder auch von „Mischwesen“ bevölkert, die fantasievolle „Forscher“ mitunter aus Versatzstücken unterschiedlichster Tiere zusammengesetzt hatten.

Lange Geschichte

Wenn man etwas an Piccininis Werk bemängeln kann, dann, dass es nirgendwo explizit an diesen unglaublich reichhaltigen Kontext anschließt: Die Arbeiten sind so fokussiert darauf, aktuelle bioethische Fragen zu illustrieren, dass ein wenig in Vergessenheit gerät, dass uns Mischwesen schon mindestens seit der Antike begleiten.

Ein Menschenwesen mit einem einzigen, riesigen Fuß, wie es in der Kremser Schau auf einer ausgestopften Ziege balanciert, begegnet etwa schon in Schedels Weltchronik von 1493, ein Jahr nach Kolumbus. In den Bildern von Hieronymus Bosch und seiner Nachfolger wimmelt es von seltsamen Kreuzungen aus Menschen, Tieren und Dingen, die oft nur das Monströse spiegeln, das dem Menschen selbst innewohnt.

Von Meerjungfrauen, Kentauren, Einhörnern, Satyrn und Werwölfen ist hier noch gar nicht die Rede – ebenso wenig wie von jenen Figuren, die die Kunstströmung des Surrealismus hervorbrachte.

Verallgemeinernd ließe sich sagen, dass Mischwesen vor allem in Grenzregionen gehäuft vorkommen: Unerforschte Weltgegenden werden von ihnen ebenso bevölkert wie Grenzbereiche des Bewusstseins, des Traums – und des Wissens. Es sind Regionen, die Unsicherheit, Angst, mitunter Ablehnung hervorrufen. Es sollte als Errungenschaft gelten, dass die Kunst Möglichkeiten anbietet, um sie zu erforschen.

Ekelhaft und krank. So was ist keine Kunst!“: Kommentare dieser  Art – bis zu 500 waren es  zu Spitzenzeiten – sammelten sich vergangene Woche unter einem Facebook-Eintrag  der Kunsthalle Krems zur Ausstellung von Patricia Piccinini. Die Institution musste schließlich mit Löschungen,  einer Aufforderung zur „Netiquette“ und einem sachlichen Statement des Chefs  gegensteuern.

Die coronabedingt forcierte Öffnung von Kunsthäusern in den digitalen Raum hat einen unangenehmen Nebeneffekt: Die Hassmechanismen im Netz  greifen auch dort, wo  im Normalfall ein abgesicherter, neutraler   Ort zur Auseinandersetzung mit oft mehrdeutigen, auch aufwühlenden oder verstörenden  Bildern und Inhalten möglich sein sollte.

Mit einem „Kunstskandal“ hat das alles recht wenig zu tun: Die meisten Poster im Kremser Shitstorm, deren Profile auffallend oft  Impfgegner-Inhalte und Coronamaßnahmen-Ablehnung enthalten, hatten die Schau nicht gesehen und mussten das auch nicht. Sie suchten einfach ein Hassventil, der  Algorithmus feuerte die Dynamik an. Falls es noch einen Beweis gebraucht hat, dass Social Media ungeeignet sind, differenzierte Debatten zu führen – hier wäre einer. 

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