Helga Bedau als weiblicher Jedermann - in "Everywoman" mit Ursina Lardi (li.)

© EPA/ANDREAS SCHAAD

Kritik
08/20/2020

Uraufführung von "Everywoman": Requiem für eine Todgeweihte

Salzburger Festspiele: Milo Rau und Ursina Lardi brechen Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ auf die Realität herunter

von Thomas Trenkler

Die allererste „Jedermann“-Premiere bei den Salzburger Festspielen am 22. August 2020, also morgen vor 100 Jahren, gilt als die Geburtsstunde des Festivals. Auch wenn es um den Tod geht.

Da man das Jubiläum nicht nur mit dem verklärten Blick zurück begehen wollte, wurde Milo Rau eingeladen, sich dem Stoff zu widmen. Den Schweizer Regisseur, Intendant des NT Gent, interessierten zunächst die Werke, mit denen zwar nicht der kapitalistische, unbarmherzige Jedermann, aber zumindest der Künstler punkten kann.

Das Projekt „Everywoman“ („Jedefrau“) sollte mit der Schauspielerin Ursina Lardi zum Teil in Brasilien realisiert werden, doch dann brach die Epidemie aus. Im KURIER erklärte Rau: „Als der Lockdown vorbei war, mussten wir feststellen, dass uns der Ansatz nicht mehr interessiert. Da sagte ich: Gehen wir doch auf das Thema ein, auf das sonderbarerweise der ,Jedermann’ nicht eingeht, auf den Tod an sich. Jeder weiß, dass er sterben muss. Aber jeder denkt, das gilt nicht für einen selber.“

Recherche in Hospizen

Im Programmheft erzählt Milo Rau die Entstehungsgeschichte genau gleich: „Wir haben also begonnen, in Hospizen zu recherchieren, mit Menschen zu sprechen, die dem Tod nahe sind. Und dann sind wir auf Helga Bedau gestoßen.“ Im Frühjahr war bei der ehemaligen Sonderpädagogin, 1949 geboren, inoperabler Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert worden. „Wir fragten sie also, ob sie bei unserem Stück dabei sein will.“ Zumindest auf Video.

Denn angesichts der drei Monate, die ihr von den Göttern in Weiß gegeben worden waren, wusste niemand, ob Bedau die Realisierung überhaupt erleben würde.

In der Stückentwicklung „Everywoman“, die als Koproduktion mit der Schaubühne Berlin am Mittwoch in der Szene Salzburg uraufgeführt wurde, erzählt eine Schauspielerin, verkörpert von Lardi, die Geschichte ganz anders. Sie hätte im Mai einen Brief erhalten, in dem Helga Bedau die Schließung der Theater aufgrund Corona bedauerte. Sie sei, so hätte Bedau geschrieben, einst in „Romeo und Julia“ die Rosalinde gewesen – und würde angesichts ihres nahenden Todes gerne noch einmal in einem Stück mitwirken.

Wie verhält es sich wirklich? Was ist Wahrheit, was Theater? Handelt es sich hier um ein Reenactment einer Begegnung zwischen Bedau und Lardi? Oder ist der Dialog zwischen den beiden, die sich irgendwann zu duzen beginnen, konstruiert – wie das gesamte Setting (von Anton Lukas) mit zwei Steinen aus Pappmaché und den Umzugskartons im Hintergrund?

Helga Bedau sitzt in der Projektion an einer gedeckten Tafel, die jener der klassischen „Jedermann“-Inszenierung nachempfunden ist. Mit den acht Statisten, die stumm löffeln, spricht sie kein Wort. Nur sie ist dem Tode geweiht.

Und sie interagiert ausschließlich mit Lardi auf der Bühne. Später, wenn die Tischgesellschaft die Szene verlassen hat, bittet sie, weil sie einen trockenen Mund habe, um eine Flasche Wasser. Lardi geht mit einer ab – und taucht im nächsten Moment im Video auf. Kein neuer, aber ein schöner Effekt. Obwohl sie gar keine Flasche hätte mitbringen müssen. Es steht ohnedies eine auf der Tafel.

Banalität der Todes

Man erfährt so manches aus dem Leben von Helga Bedau, deren zerfurchtes Gesicht immer wieder herangezoomt wird. Aber eigentlich will die Frau, die einst vom Ruhrgebiet nach Berlin gezogen war, nicht über sich reden. Schließlich sei ja der „Jedermann“ das Thema. Und so kramt eben Lardi in deren Erinnerungskartons.

Eingebettet ist der eineinhalbstündige Abend in wort- wie anspielungsreiche Erklärungen: Die von Lardi verkörperte Schauspielerin spricht, leger angezogen, direkt zum Publikum und weist dieses schon bald darauf hin, keine Moral abliefern zu können. Man könnte auch sagen: Der „Jedermann“, eine Dichtung (auch wenn man die Verse unerträglich finden mag), wird auf die Banalität der Realität heruntergebrochen.

Doch nicht ganz. Bereits zu Beginn erzählte die Schauspielerin, einmal bei einem Galopperrennen gewesen zu sein. Eines der Pferde hätte sich kurz vor dem Ziel abgesetzt – wie ein Fabelwesen. Doch dann sei es gestürzt und habe sich ein Bein gebrochen. Und noch immer sei ihr, so die Schauspielerin, der verzweifelte Blick des Pferdes präsent, das keinen Halt mehr findet. Damit ist eigentlich schon alles gesagt.

Helga Bedau schaffte es doch: Sie wohnte der Uraufführung bei. Der Applaus galt vornehmlich ihr.

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