© Herwig PRAMMER

Kritik
10/02/2020

Uraufführung nach Stefan Zweig an der Josefstadt: Missverständnis, das Liebe heißt

Christopher Hampton: „Geheimnis einer Unbekannten“, eine Frauentragödie nach Stefan Zweig.

von Werner Rosenberger

Eine Uraufführung im Theater in der Josefstadt: Max Ophüls’ Adaption von Stefan Zweigs kurzer Erzählung „Brief einer Unbekannten“ (1922) aus dem Jahr 1948 mit Joan Fontaine gehört zu seinen besten Filmen. Jetzt hat der britische Dramatiker und Drehbuchautor Christopher Hampton – sein Drehbuch zum Film „Gefährliche Liebschaften“ mit John Malkovich und Glenn Close wurde 1989 mit einem Oscar ausgezeichnet – frei nach Zweigs bewegendem Psychogramm einer heillosen Passion und biografischen Anspielungen das Bühnenstück „Geheimnis einer Unbekannten“ gemacht (Übersetzung: Daniel Kehlmann).

Erzählt wird - zeitlich verschoben von den 20er-Jahren in die Zeit kurz vor dem Zweiten Weltkrieg - eine heftige, hingebungsvolle Liebesgeschichte, die mit kindlicher Verehrung beginnt, und Jahre später die ganze Bandbreite zwischen unmöglicher Romantik und Obsession bespielt. Das von Hampton betont konservativ inszenierte Drama einer unerfüllten Sehnsucht kreist um das Dilemma: Wenn du keine Ahnung hast davon, was ich dir nie gesagt habe, ist es deine Schuld.

Das ehemalige Nachbarsmädchen ist mittlerweile eine Frau geworden. In einer Art Lebensbeichte eröffnet sie dem ahnungslosen Schriftsteller ihre Passion. Obwohl sie ihm nur wenige Male begegnet ist. Anders als bei Zweig, der das Seelendrama in einen langen Abschiedsbrief kleidet, der keine Anklage sein soll und es doch ist, treffen die beiden Protagonisten bei Hampton aufeinander.

Mit Rückblenden und zeitlichen Überlagerungen entsteht eine dramaturgisch raffinierte Spielfassung der Darstellung eines psychischen Ausnahmezustandes. Die verzweifelt Liebende und der Narzisst, dem die Tiefen der Seele verschlossen bleiben, sind Martina Ebm, bekannt  als Caro in der TV-Serie „Vorstadtweiber“, und Michael Dangl.

Sie verkörpert überzeugend eine Unglückliche, deren Liebe bis ins Psychopathologische geht und bis in den Tod andauert. Er einen Verführer, der in Gedankenlosigkeit impulsiv genießt und nimmt, aber alles sofort wieder vergisst - und am Ende unangenehm berührt ist.

Die Liebe - für ihn ist sie Zeitvertreib, für sie der Lebensinhalt.

Während sie eine Entwicklung durchmacht vom Kindlich-Schwärmerischen zur tief Verzweifelten, bewegt er sich  leichtfüssig-unberührt immer im Kreis der Oberflächlichkeit. Der Schriftsteller ist Zweig nachempfunden, der sich selbst für die Rätsel der Psychologen interessierte, als Meister der genauen Beobachtung gilt und so ausgefeilte, tiefgründige und zeitlose Charaktere beschrieb. Und eingestand: „Sonderbare Menschen können mich durch ihre bloße Gegenwart zu einer Leidenschaft des Erkennenwollens entzünden.“
 Schließlich ist die psychologische Analyse Ziel und Zweck jeder dieser Erzählungen. Wortreich umkreist Zweig Abgründe der Seele.

„Die Resignierten sind ja erst die wahren Wissenden“, heißt es im Brief der ihm Unbekannten, die ihrem ignoranten Verehrten jedes Jahr zum Geburtstag anonym einen Strauß weißer Rosen schicken lässt. Aber aus ihr spricht weniger Resignation als Schmerz. Denn sie hat genau genommen das Leben ebenso verpasst wie er.

 

 

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.