© HERBERT NEUBAUER/Theater ind er Josefstadt/Herbert Neubauer

Kritik
09/20/2020

Turrini-Uraufführung: Herrlich leicht, tieftraurig, komisch, politisch knallhart

Peter Turrinis "Gemeinsam ist Alzheimer schöner“ in den Kammerspielen der Josefstadt.

von Peter Jarolin

Es ist vielleicht das schönste (ohne die anderen schmälern zu wollen), sicher aber das persönlichste Stück, das Peter Turrini in den vergangenen Jahren geschrieben hat. Denn „Gemeinsam ist Alzheimer schöner“ vereint in den Kammerspielen der Josefstadt alles, was einen klassischen Turrini ausmacht.

Da geht es um Liebe, um Zärtlichkeit, um Wut, um das Leben an sich, das sich durch die Corona-Pandemie so dramatisch verändert hat. Doch da geht es auch um den großen Dramatiker Peter Turrini, der indirekt auch Rückschau auf sein Leben hält, der Autobiografisches mit Fiktionalem und Zukunftsmusik exzellent zu verschmelzen weiß.

Bei der letztlich umjubelten Uraufführung von „Gemeinsam ist Alzheimer schöner“ konnte der inzwischen 75-jährige Autor aus gesundheitlichen Gründen leider nicht anwesend sein. Regisseur Alexander Kubelka kniete sich stattdessen vor seinen Schauspielern und damit indirekt auch vor Turrini beim Schlussapplaus nieder.

Herbstfreude

Zurecht. Denn Turrini zeichnet in der sehr präzisen Regie von Alexander Kubelka und im klappbaren Kachelwand-Bühnenbild von Florian Etti das Schicksal eines Ehepaars nach. Seit mehr als 40 Jahren sind sie einander verbunden – die Frau und der Mann, die in der grässlich-klinischen Pflegeeinrichtung „Herbstfreude“ ihren Lebensabend fristen.

Doch was heißt bei Turrini schon „fristen“? Sie sind ja immer noch da, diese beiden. Und auch wenn die Krankheit Alzheimer allmählich Einzug hält, bleibt da noch viel Zeit für Erinnerungen. Der erste Tanz, der erste Kuss, der erste Urlaub, die Seitensprünge – Turrini legt den Finger auf die erlebten und auf die nicht-erlebten Wunden, spielt virtuos mit Leben, Zeit und Metaebenen. Herrlich leicht, tieftraurig, hinreißend komisch, politisch knallhart („Wenn’s den Schweinen gut geht, geht’s allen gut!“) liefert sich dieses Paar einen furios-rüden-zärtlichen Schlagabtausch.

Einmal sagt eine Stimme aus dem Off: „Bleibt heiter, meine Freunde, bleibt heiter!“ – als wäre es eine Aufforderung des Autors an seine Protagonisten, aber auch an das (corona-bedingt)Masken-bedeckte Publikum.

Herzensfriede

Denn das Paar muss Frieden machen, mit sich selbst, mit dem gelebten Leben, mit der kalten und der nur auf Gewinnmaximierung aufgebauten Pflegegemeinschaft. Wer zahlt, der schafft letztlich an. Wer nicht zahlen kann, darf stattdessen die Blätter in den Bäumen zählen. Das ist Turrini pur – und man dankt dafür!

Womit wir endgültig bei den Darstellern wären. Da ist einerseits die mit grau-weißer Langhaar-Perücke (Kostüme: Elisabeth Strauß) ausgestattete Maria Köstlinger, die zwischen Rollstuhl und Rollator ihr Leben wieder auferstehen lässt, die ihren Herzensfrieden jedoch machen möchte. Köstlinger braucht anfangs ein wenig, um diese Frau zu kreieren, findet aber bald zu großer Intensität.

Das Ereignis ist Johannes Krisch. Wie er den ehemals reichen Industriellen gibt, den verletzbaren Revoluzzer, den Liebenden, der Träume verraten hat und sich nun auf Spielzeugautos zurückzieht – das ist grandiose Schauspielkunst. Denn Krisch ist auch Turrini, ganz im Sinne des Autors – genial.

 

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