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Kultur
09/19/2020

Schauspieler Johannes Krisch: "Wir sind genug gestraft"

Der Mime über die Auswirkungen der Pandemie, Kulturpolitik – und Turrinis „Gemeinsam ist Alzheimer schöner“.

von Guido Tartarotti, Thomas Trenkler

Am Samstagabend erlebt Peter Turrinis herzzerreißendes Stück „Gemeinsam ist Alzheimer schöner“ in den Kammerspielen seine Uraufführung: Maria Köstlinger und Johannes Krisch durchleben im Altenheim diverse Stationen einer langen Beziehung.

Kurz vor der Premiere traf der KURIER Krisch zum Interview – über seinen Wechsel ans Theater in der Josefstadt, seine Ambitionen als Sänger und die Covid-Situation.

KURIER: Gratulation zur Nestroy-Nominierung für Ihren Weinberl in Nestroys „Einen Jux will er sich machen“.

Johannes Krisch: Danke. Man hat ihn ja noch nicht gewonnen, aber allein schon die Nominierung ist eine Anerkennung. Und sie freut. Denn ich bin, wie Peer Gynt, ein einfacher Autodidakt. Ein Quereinsteiger. Und es war ein harter, steiniger Weg bis hierher.

Aber Sie kamen schon bald ans Burgtheater. Wie ist Ihnen denn das geglückt?

Meine Cousine las ein Zeitungsinterview mit Claus Peymann (Direktor von 1986 bis 1999, Anm.). Man suchte für „Was heißt hier Liebe?“ eine Besetzung. Ich gab meine Bewerbung ab, hatte drei Tage später mein Vorsprechen – und Hermann Beil (Kodirektor, Anm.) hat mich engagiert. Das war vor 30 Jahren.

Eine sehr lange Zeit. Sie engagierten sich, fungierten auch als Ensemblesprecher.

Als ich mich entschied, Schauspieler zu werden, war mein Ziel das Burgtheater. Dass es so schnell gehen würde, hätte ich mir aber nicht gedacht. Denn ich war nur drei Jahre freischaffend. Ja, das Burgtheater war meine künstlerische Heimat – und ist es nach wie vor.

Auch wenn Sie, gegenwärtig karenziert, seit dem Herbst 2019 Ensemblemitglied der Josefstadt sind.

Es gibt eben Momente, wo man aufgrund von Vorfällen Entscheidungen treffen muss.

Sie fielen Ihnen schwer?

Natürlich. Ich hab’ ja im Burgtheater mehr Zeit verbracht als mit meiner Familie. Das Wichtigste aber ist, gesund zu bleiben. Wenn man sich sagt: „Ich mach nur mehr Dienst nach Vorschrift – und werde hier begraben“, wird man krank. Man muss seiner Berufung gerecht werden.

Was ist vorgefallen?

Die Geschichte hat sehr weh getan, mehr möchte ich darüber nicht sagen. Das geht niemanden was an. Sie hat aber absolut nix mit Martin Kušej (Direktor seit dem Herbst 2019, Anm.) zu tun. Und ich bin sehr froh, dass ich jetzt in der Josefstadt bin. Weil ich nur dann Theater spielen kann, wenn eine Vertrauensbasis da ist. Und die ist gegeben. Herbert Föttinger (Josefstadt-Direktor, Anm.) macht das großartig. Ich kann befreit wieder ins Volle greifen. Und wenn man in der Josefstadt auf der Bühne steht, auf der auch Raimund gestanden ist: Da kriegt man schon a biss’l die Ganslhaut. Das Schöne ist auch, dass hier langfristig geplant wird. Man kann daher für Filme leichter disponieren.

Mit Filmen wie „Revanche“ oder „Der Trafikant“ haben Sie Erfolge erzielt. Spielen oder drehen Sie lieber?

Die Kamera kannst du nicht belügen, das mag ich. Ich habe gerade einen schönen Film mit Adrian Goiginger gedreht, Felix Mitterers „Märzengrund“, und ich habe es genossen. Aber ich brauch’ auch das Publikum. Ich könnte mich nicht entscheiden.

Täuscht der Eindruck, oder haben Sie ein Abo auf psychopathische Figuren?

Man besetzt mich gerne so. Aber ich schlage auch gerne Haken – und spiele, wie eben jetzt, einen Einsiedler.

2019 haben Sie in Mitterers „Brüderlein fein“ Ferdinand Raimund in diversen Lebensaltern verkörpert. Auch jetzt spielen Sie diverse Lebensstationen durch – im neuen Stück von Peter Turrini. Eine Herausforderung.

Und ein Geschenk! Denn das wünscht man sich ja als Schauspieler: den Fächer breit aufschlagen zu können. Peter hat ein wirklich schönes Stück geschrieben, ich zähle es zu seinen stärksten. Es steckt viel Lebenserfahrung drinnen. Ja, es ist eine Perle.

Turrinis Stück erinnert ein wenig an den „Jedermann“: Zwei alte Menschen, kurz vor dem Tod, geben Rechenschaft ab – nicht vor dem lieben Gott, aber vor sich.

Es gibt durchaus Parallelen. Es ist ein Stück über das Leben, über die Kompromisse und über die Fehler, die man begangen hat – immer in Konfrontation mit dem Partner. Ein sehr tiefes, zutiefst menschliches Stück. Mitunter fühlt man sich richtig ertappt. Weil man die Situationen so ähnlich kennt. Und man kennt auch die Argumente, die vom Partner kommen. Das Schöne ist: Es gibt keinen Zeigefinger und keine Ikea-Anleitung. Das Publikum hat die Möglichkeit, das Stück selbst weiterzudenken.

„Gemeinsam ist Alzheimer schöner“ ist in den Kammerspielen zu sehen – und damit in einem Kellertheater. Ist das problematisch angesichts der Covid-Pandemie?

Ich persönlich habe keine Angst. Wir werden regelmäßig getestet. Und wenn’s mich erwischt, erwischt’s mich eben. Man muss die Kirche im Dorf lassen, darf nicht gleich Panik schüren. Auch aus der Operettenproduktion, bei der sich 46 Personen angesteckt haben, darf man nicht den Schluss ziehen, dass die Theater potenzielle Hotspots sind. Es gibt weitreichende Sicherheitsmaßnahmen. Und wir sind ohnedies genug gestraft gewesen. Weil man die Theater als erstes zugesperrt und nicht unterstützt hat. Darüber könnte ich lange reden.

Wir hören zu.

Ich habe mich wahnsinnig darüber geärgert, dass wir Schauspieler derartige Auflagen gekriegt haben. Und dass man uns kulturpolitisch derart verraten hat. Wir haben ja einen Minister. Glaube ich. Wir haben auf jeden Fall eine Staatssekretärin, aber die ist ja weisungsgebunden. Und man kommt nie bis zum Minister, nur bis zur Staatssekretärin. Ob das bewusst so ist oder nicht? Ich unterstelle jetzt nichts. Aber die Politik sollte sich schon der Frage stellen: Wie fangen wir die Kulturszene auf? Immerhin leistet sie für das Bruttoinlandsprodukt mehr als die Landwirtschaft. Dann wäre es doch schön, wenn man die Szene nicht derart im Regen stehen gelassen hätte – oder nach wie vor stehen lässt. Viele meiner Kollegen haben massive Probleme. Und das finde ich abstoßend.

Wie geht es mit Ihnen weiter? Welche Rolle folgt?

„Der Bockerer“. Ich hab’ mir von Karl Merkatz schon die Absolution geholt, die Rolle spielen zu dürfen.

Sie sind zudem ein fantastischer Sänger, haben Falco und Lou Reed interpretiert.

Ich arbeite schon lange mit Andy Radovan an meinem neuen Album – mit eigenen Songs. Das Projekt wurde immer wieder verschoben, weil es mir gesundheitlich nicht gut ging. Aber es wird nächstes Jahr herauskommen. Und danach will ich Songs interpretieren, die mein Leben begleitet haben, auf die ich steh’, darunter „Child in Time“.

Das ist mutig.

Man muss es eben anders machen.

Trilogie der Liebe. Bereits mit seinem ersten Stück, 1967 geschrieben und 1971 uraufgeführt, wurde Peter Turrini bekannt: Mann und Frau entledigen sich aller Hüllen, Verkleidungen und Attribute, bis sie sich splitterfasernackt gegenüberstehen. 

In der „Rozznjogd“, so Turrini, „werfen die Protagonisten nicht nur den materiellen Besitz weg; auch ihre Einübungen, ihre Rituale, ihre Stereotypen, ihre klischeehaften Sätze wandern auf den Müll“. Erst dann sei  „dieser Moment der Liebe möglich“. Ein Jahrzehnt später entstand mit „Josef und Maria“ ein weiteres Mann-Frau-Stück, das zu einem großen Erfolg wurde. Wieder ist der Schauplatz ein einsamer – und mit einem geschlossenen Konsumtempel genau das Gegenteil der Müllhalde aus  „Rozznjogd“.

Nun, ein halbes Jahrhundert später, greift Turrini erneut die Mann-Frau-Beziehung auf: „Hier fallen keine Kleider, aber die lebenslänglichen Verhärmungen und Verhärtungen verschwinden in der Vergesslichkeit. Sie wissen nicht mehr, wer sie sind oder wer sie waren, sie können einen neuen Versuch starten.“

Turrini, der sentimentale Hund, ersehnt sich also  ein Happy End. Aber er lässt in  „Gemeinsam ist Alzheimer schöner“  (Buchausgabe im Haymon Verlag) jede Menge bitterbösen, bitteren Witz einfließen. Die neuen Elektro-Rollator zum Beispiel heißen „Auferstehung“ 1 und 2.

Und  die Grundsituation erinnert an „Geschlossene Gesellschaft“ von Jean-Paul Sartre. Eben weil zwei Menschen, eingeschlossen im Altenheim, auf sich selbst zurückgeworfen sind. Es  gibt kein Entrinnen.  Nur selten meldet sich über den Lautsprecher der fröhliche Pfleger. Bis er sich erhängt.

Und dazwischen gibt es ungemein berührende Philemon-und-Baucis Szenen. Etwa wenn die alte Frau darüber nachdenkt, dass sie ihn immer verlassen wollte – und es nie geschafft hat.

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