Matthias Hartmanns Appell zieht weite Kreise.

© APA/ROBERT JAEGER

Budgetdiskussion
10/15/2013

Theater-Direktoren pflichten Burg-Chef Hartmann bei

Stetig steigende Personalkosten lassen immer weniger Spielraum für die Kunst.

von Georg Leyrer, Guido Tartarotti

Der Appell von Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann zieht weite Kreise: Volksopern-Direktor Robert Meyer zeigt sich mit Hartmanns Ruf nach mehr Subvention solidarisch („Was er sagt, ist Tatsache“). Auch Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger betont im KURIER-Gespräch: „Die Josefstadt kämpft Jahr für Jahr mit dem selben Problem.“ (siehe "Reaktionen" unten)

Denn die Schwierigkeiten, die Hartmann thematisiert hat, werden zwar zunehmend brisant, sind aber keineswegs neu: Viele österreichische Kulturinstitutionen sehen sich seit mehr als einem Jahrzehnt vor der Herausforderung, mit mehr oder weniger gleichbleibenden Subventionen ständig steigende Personalkosten abzufangen. Zugleich ist die nominell gleichbleibende Subvention auch durch die Inflation Jahr für Jahr weniger wert: Die Kultursubventionen werden nicht automatisch an die Inflation angepasst.

Die Schere klafft immer weiter auf

Die Inflationsschere beträgt mittlerweile bei einigen, seit 1998 nicht erhöhten Subventionen über 30 Prozent: Das öffentliche Geld, das in die Kulturinstitutionen fließt, ist also um ein Drittel weniger wert als zu dem Zeitpunkt, als die Subventionshöhe festgelegt wurde. Auch die Ticketpreise werden nicht jedes Jahr erhöht.

So bleibt letztlich immer weniger Geld für die künstlerische Produktion über. Den allergrößten Posten machen die Personalkosten aus: 30 Millionen Euro zahlte das Burgtheater 2011/’12 an Gehältern, geht aus dem letzten Geschäftsbericht hervor. Weitere 2,2 Millionen flossen in Aufwendungen für Abfertigungen und Altersvorsorge, 6,3 Millionen in Sozial- und andere Abgaben. Insgesamt mehr als 38 Millionen.

Allein die Personalkosten verschlingen mittlerweile mehr als 80 Prozent der öffentlichen Subvention (2011/’12: 46,4 Millionen Euro). Zum Vergleich: Aus den Karteneinnahmen hat das Burgtheater 7,4 Millionen lukriert. Summiert mit weiteren Einnahmen aus Programmheften, Garderobengebühren und anderem betrugen die Umsatzerlöse insgesamt 10 Millionen Euro.

Mit weiteren Ein- und Ausgaben verzeichnete die Burg insgesamt ein Minus von 3,6 Millionen Euro, Puffer gibt es keinen mehr: „Kapitalrücklagen: 0 Euro. Gewinnrücklagen: 0 Euro“, steht in der Bilanz. Ein ausgeglichenes Ergebnis wurde nur durch die Herabsetzung des Eigenkapitals möglich.

Kunstkosten

Im Vergleich nehmen sich die Produktionskosten selbst vergleichsweise gering aus: 2006/’07 kostete jede Neuproduktion im Burgtheater durchschnittlich 440.000 Euro (ohne Personal- und Tantiemenkosten, aber einschließlich Honorare für Regie etc.). 2008/’09 waren es – wegen des Direktorenwechsels und einer überaus billigen Produktion – überhaupt nur 273.000 Euro, heißt es in der kürzlich öffentlich gewordenen Effizienzanalyse der Bundestheater. Den höchsten Anteil daran haben zumeist die Kulissen.

Eine weitere Vergleichzahl: Die Bundestheater-Subvention 2005/’06 von 133,6 Millionen Euro brachte eine Wertschöpfung von 432 Millionen und 214 Millionen an Rückflüssen an die öffentliche Hand.

"Wissen nicht, wie wir dies bewältigen können“

„Irgendwann gibt es den Moment, wo es nicht mehr geht, wo man nur noch Angestellte hat, aber kein Theater mehr stattfindet. Ist das dann das Theater, das wir uns wünschen?“ Herbert Föttinger, Direktor des Theaters in der Josefstadt, betont gegenüber dem KURIER: „Die Josefstadt kämpft Jahr für Jahr mit dem selben Problem“ wie das Burgtheater. Die Kombination von steigenden Kosten und gleich bleibender Subvention ergebe die Frage, „ob die Josefstadt noch leistbar ist. Ich kämpfe, aber ich gebe nicht auf“. Für 2013 müsse man die kollektivvertraglichen Gehaltserhöhungen über eine Nachsubventionierung begleichen, „bei dem gleichen Problem stehen wir 2014. Wir wissen nicht, wie wir dies bewältigen können.“

"Der Staat hat in Kunst zu investieren"

Auch Robert Meyer, Direktor der Volksoper, unterstützt die Forderungen Hartmanns: „Was er sagt, ist Tatsache.“ Die Volksoper stehe derzeit gut da, mittelfristig sei ohne Subventionsanpassungen ein Personalabbau unvermeidbar, so Meyer zur APA.

Michael Schottenberg,Direktor des Wiener Volkstheaters, macht klar: „Ein Kulturbetrieb ist kein Unternehmen wie ein Stahlkonzern, und Intendanten sind keine Rationalisierer.“ Die Grundlage aller Kunst sei die Wahrheit. Und weil Theater Geld kostet, gebe es auch die Wahrheit nicht gratis. „Um die Existenz des Theaters zu ermöglichen, gerät der Direktor bald in eine Doppelmühle. Obwohl seine Künstlerseele nicht primär am Geld hängt, kann er ohne dieses kein Kunstwerk schaffen. DieQualitätssicherung im Kunst- und Kulturland Österreich liegt in der Verantwortung der Kulturpolitik. Der Staat hat in Kunst zu investieren.“

Differenz

Harald Posch, stets kritischer Leiter des Wiener Off-Theaters Garage X, erklärt sich mit Hartmanns Anliegen „im ersten Schritt“ solidarisch: „Zugegeben ist es ein Jammern auf sehr hohem Niveau. Wir Theaterleiter und Geschäftsführer von Kulturbetrieben haben alle ein ähnliches Los: Die Förderungen bleiben über Jahre eingefroren, die Inflation bzw. Preissteigerungen bei Gehältern und Sachkosten fressen jeden Erfolg binnen kürzester Zeit wieder auf.“

Posch kritisiert die scheidende Kunstministerin – diese habe ein massives Ungleichgewicht zwischen progressiven Mittelbühnen und den Bundestheatern „zumindest geduldet“. Posch hält aber nichts von einer Umverteilung, sondern fordert eine Indexanbindung aller Kulturfördertöpfe – eventuell finanziert durch Steuern auf Börsengewinne. Posch: „Dann – und wirklich erst dann – kann man sich die Frage stellen, ob ein Burgtheater dieser Größe, Opulenz, Bürgerlichkeit, kultivierter Langeweile und inhaltlicher Irrelevanz überhaupt noch zeitgemäß ist.“

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