André Heller war von Kindheit an von Kaleidoskopen fasziniert – und ließ ein riesiges bauen
 

© Thomas Trenkler

Reportage
07/05/2021

Taggenbrunn: André Hellers neue Wunderkammer - mit Weltfieberkurve

„Kristallwelten“ im Kleinformat: Für den Uhrenhersteller Alfred Riedl ersann der Poet und Mahner eine „Zustandsmaschine“ der Erde

von Thomas Trenkler

Die Anfänge des Selfmademans Alfred Riedl begannen mit einer Niederlage. Denn er wollte Uhren unter dem Namen Corona verkaufen – vergeblich. Wobei die Idee gar nicht schlecht war, wie er erzählt. Schließlich haben Uhren gemeinhin eine Krone.

Zum Geschäft kam Riedl, ein Elektrotechniker, durch Zufall: Er arbeitete bei Siemens in München und lernte beim Fußballspielen jemanden kennen, der eine Uhrenproduktion in Frankreich geerbt hatte. Zuerst waren sie Partner, aber der Freund verlor das Interesse und verkaufte die Firma an Riedl. Das war vor fast 50 Jahren. Unter „Jacques Lemans“ wurden die Uhren ein Renner.

 

Sie gelten – hierzulande – als preiswert (im Vergleich zu Rolex oder Omega). Aber die Marge ist dennoch gewaltig. Und so häufte sich ein beträchtliches Vermögen an. Riedl, gebürtig aus St. Veit an der Glan, sieht jedoch keinen Sinn darin, mit dem Hubschrauber zum Jet und mit dem Jet zur Yacht zu fliegen. Also kaufte er nahe seiner Heimatstadt landwirtschaftliche Flächen samt Bauwerken, die dem Verfall preisgegeben waren. Auf Betreiben von Riedls Frau Andrea, einer Agraringenieurin, entstand rund um die Burg Taggenbrunn das größte und beste Weingut von Kärnten.

Tennis mit Holender

Die Burg war Anfang des 12. Jahrhunderts im Auftrag des Erzbistums Salzburg auf den Resten einer keltisch-römischen Ringwallsiedlung erbaut worden. Die erste Erwähnung geht auf 1157 zurück. 1308 wurde die Burg gar Kärntner Regierungssitz.

Riedl investierte im letzten Jahrzehnt rund 100 Millionen Euro – und schaffte es, dass der dortige Handymast verlegt wurde. Während der Bauarbeiten spielte er einmal Tennis mit Ioan Holender. Der ehemalige Staatsoperndirektor besichtigte die Burg – und setzte Riedl den Floh ins Ohr, aus dem Innenhof einen überdachten Konzertsaal zu machen. Gesagt, getan.

 

2019 wurde die Burg im Rahmen der „Taggenbrunner Festspiele“ eröffnet. Ein hochgestochener Begriff, denn es gab gerade einmal vier Veranstaltungen. Aber Holender schaffte es, dass Piotr Beczała und Camilla Nylund auftraten. Und was die Swarovskis können, kann auch ein Alfred Riedl: Er ließ sich von André Heller ein Wahrzeichen kreieren, eine zwölf Meter hohe Skulptur aus Pflanzen, Bergkristallen, Metall und Wasser.

 

Heller spricht von einer Wächterin über die Weinberge, Riedl hingegen von einer Zeitgöttin: Er ließ eine riesige Uhr auf die rechte Handfläche montieren, die nachts wie ein Vollmond leuchtet. Das Ziffernblatt zeigt die Skulptur – aber ohne das Accessoire, das eigentlich ziemlich daneben ist. Heller dürfte leicht geschluckt haben, als er sein Fabelwesen wieder sah. Aber er hatte bereits zugesagt, mit seinem Hellerwerkstatt-Team (unter der Federführung von Christian Bauer) in den Katakomben der Burg eine Wunderkammer einzurichten. Sie wurde nun eröffnet.

Spiegelbild aus Blitzen

Es gibt u. a. ein begehbares „Kaleidoskop“ – ähnlich dem „Kristalldom“ in Wattens, aber weit raffinierter. Es gibt Digitalspiegel, in denen sich die Kontur in geometrische Figuren, fließende Gebilde oder Lichtblitze auflöst. Es gibt eine Wand mit Plasmakugeln, eine kitschige Animation einer Reise zum Mittelpunkt der Erde, eine riesige Lichtkugel namens „Morph“ aus hunderten Waben, die am Stand herumeiert und grafische Muster produziert.

Aber Heller setzte auch ein Anliegen durch: Zentraler Bestandteil von „Zeiträume“ ist die „Weltzustandsmaschine“, eine komplexe Fieberkurve. Auf einem riesigen Globus bekommt man den „Gesundheitszustand“ der Erde und die Veränderungen in den letzten Jahrzehnten vor Augen geführt (Brände, Stürme, Dürre). Und an Screens – das erinnert an die Installation von Ken Lum in der Passage unter dem Wiener Karlsplatz – lassen sich tausende Daten in Echtzeit abrufen. Die „Zeiträume“ sind also weit mehr als nur Zeitvertreib.

 

Danach kann man den Champagner des Jaques-Lemans-Erfinder schlürfen. Bestellen muss man einen „Schakpanjer“ (geschrieben: „Jacques Paagnier“). Von der Idee, sein Weingut – oh la, la! – schlicht „Château“ zu nennen, kam der Kärntner aber wieder ab. Nur mehr der eingeritzte Schriftzug in den Gläsern zeugt davon.

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