© Suzy Stöckl

Interview
01/03/2021

André Heller: "Gestorben aus Dummheit, Habgier, Hybris ..."

Der Poet und Ermöglicher unter anderem über die Auswirkungen der Pandemie, die Zeitenwende und den herzlosen Kanzler.

von Thomas Trenkler

Im September erhielt André Heller den Amadeus Award fürs Lebenswerk, überreicht von Bundespräsident Alexander Van der Bellen bei einem gemeinsamen Besuch im Café Hawelka. Am 26. Oktober und 22. November strahlte ORF III die ersten zwei Folgen von „André Hellers Hauskonzerten“ aus: Günther Groissböck sang Wienerlieder, Camilla Nylund Chansons. Auch Nummern des Gastgebers wurden intoniert, darunter „Zum Weinen schön, zum Lachen bitter“, wie sich ein im Frühjahr bei Zsolnay erschienener Best-of-Band mit Heller-Erzählungen nennt.

Danach wurde es ernster: Ende November präsentierte sich die von Heller unterstützte Initiative „KlimaKonkret“, die Gemeinden und Städten dabei unterstützt, nachhaltig dem Klimawandel entgegenzuwirken oder auf ihn zu reagieren. Und am 22. Dezember erhob der Universalkünstler erneut sein Wort gegen die sture Haltung der türkis-grünen Bundesregierung in der Flüchtlingsfrage – bei einer Demo am Ballhausplatz.

Nebenbei war Heller bei „Willkommen Österreich“ zu Gast. Notgedrungen zweimal. Unmittelbar nach der Aufzeichnung am 2. November erfuhr das Team vom Terroranschlag in der Wiener Innenstadt; eine Ausstrahlung tags darauf verbat die Trauer. Und so plauderte Heller sechs Wochen später noch einmal mit Stermann und Grissemann. Die Heiterkeit wirkte leicht aufgesetzt. Und Heller widerspricht nicht. Wie Mehltau liege Corona auch auf seinem Leben. Das Interview – das einzige, das er im letzten Jahr gab – ist daher ziemlich ernst und mahnend.

KURIER: Die Epidemie grassiert, die Welt scheint aus den Fugen. Wie geht es Ihnen? Haben Sie Angst? Um Ihre Gesundheit? Die Menschen? Das soziale Gefüge?

André Heller: Nein, nicht um mich. Ich bin mir der tatsächlichen Gefahren bewusst und gewohnt, für mich selbst die Verantwortung zu übernehmen. Aber es ist eine Zeit des großen Wirrwarrs. Man darf gespannt sein, was wir in zwei oder drei Jahren über diese Periode an Fakten wissen werden, die den meisten jetzt noch nicht bekannt sind. Corona bedeutet jedenfalls eine allgemeine Zäsur in der Selbsterfahrung, im Weltbild, im Beruflichen, im Privatleben. Was sind wir bereit zu hinterfragen? Oder wie rasch sind wir bereit, die Hauptmacht bedingungslos an die Obrigkeit zu delegieren? Was muss man Leichtsinn oder nur Gutgläubigkeit nennen und was bei den Realitätsverweigerern schiere Dummheit oder Hysterie? Sind wir auch Spielbälle in einem gewaltigen Geschäftsvorgang? Manche Politiker sprechen von einem Corona-Krieg. Wenn dem so ist, wer sind die zynischen Kriegsgewinner, ohne die es keine Kriege gibt?

Haben Sie auch Antworten auf diese Fragen? Oder Beobachtungen gemacht?

Mich beschäftigt natürlich besonders diese entmündigende Angst, die man der Bevölkerung durch Propaganda überstülpt. Die Verstörungen, die wir Kindern zumuten, das Verbot, im Altersheim oder Spital beim Sterben der Liebsten anwesend sein zu dürfen. Und vieles, vieles mehr. Von diesen Gebirgen an Traumata kennen wir bestenfalls einige Gipfel, der Rest wird sich im Laufe der Jahre enthüllen. Rechnen wir noch die große Menge an vernichteten Existenzen, Beziehungsdesastern und die allgemeine Verunsicherung dazu… Manches ist auch nur verrückt. Ich fand es zum Beispiel wirklich bemerkenswert und für das Wertesystem der Regierung verräterisch, dass im – ich sage bewusst – Shutdown Waffengeschäfte als unverzichtbare Grundversorger geöffnet bleiben durften, Buchhandlungen oder Blumenläden aber nicht.

Sie haben sich und den Marokkanern einen Garten gebaut. Können Sie ihn noch genießen? Oder wurden Sie aufgrund der Epidemie aus dem Paradies vertrieben?

„Anima“ war sechs Monate für Besucher geschlossen, wurde aber natürlich weiterhin von 42 guten Geistern betreut und ist, wenn ich den Videobotschaften glauben darf, betörender denn je. Ich sitze leider mit brennender Afrika-Sehnsucht in Europa fest, habe aber im Laufe der Jahre das Projekt so verinnerlicht, dass ich jederzeit mit geschlossenen Augen in alle Winkel meines Paradieses flanieren kann. Diese vergnügliche, Melancholien vertreibende Reise gönne ich mir jeden Abend vor dem Einschlafen.

Auch wenn Sie Arbeit geben: Sie sind Landbesitzer, der alte, weiße Mann. Verzeihen Sie mir die harte Frage: Setzen Sie nicht – mit anderen Mitteln – den heute verachteten Kolonialismus fort?

Das erscheint mir als ein völlig abwegiger Gedanke von Ihnen. Dann wären ja alle Personen Kolonialisten, die in Afrika ganz aus eigenen Mitteln, in partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit der Bevölkerung ökologische Musterunternehmungen, Arbeitsplätze, medizinische Betreuung, Kindergärten und Schulen, saubere Strom- und Wasserversorgung und täglich vieles mehr an dringend Benötigtem ermöglichen.

Hat die Epidemie Sie in Ihrer Überzeugung gestärkt, dass der Garten die richtige Antwort auf den Wahnsinn in unserer Welt ist? Eben weil man sich im Freien nicht so leicht anstecken kann.

Gärten sind sinnliche Orte der Heilung, der Kühle, des Trostes, der Inspiration, der Schönheit, des Schattens, der Spiritualität und der Artenvielfalt von Fauna und Flora für Jung und Alt, Arm und Reich, Ausländer und Inländer. Sie sind in Freud und Leid ideale Gefährten. Die Weigerung der Regierung, im April die Bundesgärten für die Wiener zu öffnen, war eine groteske Fehlentscheidung.

Es kommt mir vor, als sei das bereits vor einer Ewigkeit gewesen. Sehen Sie das Licht am Ende des Tunnels, von dem der Kanzler sprach?

Ich lebe in keinem Tunnel, aber ich sehe das durchaus vorhandene, machtvolle helle Licht des Mitgefühls, des Erbarmens und des Verzichts auf Ausreden, wovon der Kanzler leider nicht spricht.

Sie haben ihn heftig kritisiert, weil er sich gegen die Aufnahme von Kindern aus dem Flüchtlingslager Moria ausgesprochen hat. Warum rühren diese Kinder Sie mehr als die Obdachlosen in Wien oder die freien Künstler, denen es derzeit auch ziemlich beschissen geht?

Erstens: Man darf eine Not nicht gegen eine andere ausspielen. Zweitens: In Österreich, einem der reichsten Länder der Welt, gibt es keinen überzeugenden Grund dafür, dass die Schwächsten und Bedürftigsten unserer Mitbürger im Stich gelassen werden und in skandalöser Armut leben müssen. Aber gemessen an den grausamen und sadistischen Zuständen in den furchtbaren Flüchtlingslagern und an vielen unmenschlichen Orten Afrikas oder Asiens ist unsere Heimat ein Schlaraffenland. Was die aus allen Gnaden gefallenen Kinder und Erwachsenen an Krankheiten, Vergewaltigungen, Hunger, Rattenplagen, Schutzlosigkeit gegenüber der Witterung und totaler Entwürdigung, Tag und Nacht in den Dreck gestoßen, erleiden müssen, ist unzweifelhaft eine himmelschreiende Schande. Wir überaus Privilegierten müssen dringend lernen, uns in der Not des Anderen selbst zu erkennen.

Kommt man mit christlichen Werten, die Sie ins Treffen führen, überhaupt noch weiter? Ist das Diktat des Geldes nicht viel zu stark?

Ich möchte mit einem wunderbaren Satz des Barocklyrikers, Arztes und Mystikers Angelus Silesius antworten, den man gerade zu Weihnachten in Erinnerung rufen sollte: „Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir: Du bliebest doch in alle Ewigkeit verloren.“

Ein sehr schöner Satz. Das Diktat des Geldes aber …

Ich halte die vielfältigen und tragödienintensiven Parallelgeschehnisse für einen Wendepunkt, an dem eine Neuausrichtung unseres Denkens und Handelns unausweichlich geworden ist. Es wird und – aus meiner Sicht – soll auch nie mehr alles so werden, wie es vorher war. Weder in unserem generellen Verhalten untereinander, noch in der Wirtschaft, noch in der Politik. Die giftige Maxime „schneller – weiter – höher“ hat ausgedient. Wir müssen eine solidarisch gerechte, von tiefem Respekt für Menschen, Tiere, Pflanzen, das Wasser und alle wundersamen Qualitäten dieser Erde bestimmte Weltgemeinschaft bilden. Das ist keine naive Utopie, sondern Grundvoraussetzung, damit es für unsere Kinder, Enkel und Urenkel ein Leben in Würde und ohne monströse Nöte geben kann.

Auch die Ungeborenen haben ein Grundrecht auf eine intakte Umwelt?

Ja. Milliarden noch ungeborener Erdenbürger sind in der Zukunft auf unsere jetzige Vernunft, unsere Einsichten und unsere leidenschaftliche Fähigkeit zu Handeln angewiesen – und sie werden uns zurecht verfluchen, wenn wir diese Rettungsoffensive, diese friedenstiftende Neuordnung und eine Revolution der Güte und der Fürsorge für den Planeten nicht stabil und bleibend wahr machen. Vergessen Sie nicht die ungelöste Flüchtlingsthematik, den Klimawandel, die Kriegswahnsinne, die Ungerechtigkeiten und Benachteiligungen von Frauen und Kindern sowie die, für einen Großteil unserer Schwestern und Brüder, nicht eingelösten Menschenrechte. Dies alles kann man nicht wegimpfen.

Abgesehen davon, dass die Impfbereitschaft gering ist: Wie könnte das gelingen?

Das Bewusstsein der Mehrheit jener, die in der Wirtschaft und Politik, in Religionsgemeinschaften, der Beamtenschaft, den Medien aller Art, auch in der Kultur, Verantwortung innehaben, muss ein höheres werden. Eines, das Mut und Kompetenz für die Herausforderungen ermöglicht. Meine, seit Jahrzehnten an mich selbst und an jeden und jede gerichtete Bitte, sich lernend zu verwandeln, halte ich für alternativlos. Wenn wir diesen Prozess umnebelt verweigern, sind wir unsere eigenen Totengräber. Auf dem Grabstein des sogenannten Homo sapiens wird stehen: „Gestorben aus Dummheit, Habgier, Hybris, Grobheit, Neid und vor allem aus Fantasielosigkeit, sich die Folgen der Ignoranz und des Versagens allzu vieler vorstellen zu können.“

Sie richten Ihre Bitte, wie Sie sagen, bereits seit Jahrzehnten an die Menschen. Aber was konnten Sie bewirken? Die Zerstörung der Umwelt geht weiter – trotz Corona.

Ich glaube trotzdem , dass dieser Wandel längst im Werden ist und auf vielen Feldern kein Stein auf dem anderen bleibt. Trumps Niederlage ist dafür ein Symbol und die Ablöse der Bolsonaros, Orbáns, Lukaschenkos, Erdoğans und Putins absehbar. Genauso wie etwa auch das Umdenken und die Neuausrichtung bei substanziellen Teilen von Industrie und Handel. Viele Millionen Menschen arbeiten daran, uns eine Wirklichkeit zu erschaffen, in der wir endlich mehr durch Freude als durch Qualen lernen dürfen.

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