© Kurier/Gilbert Novy

Interview
08/13/2021

Stefanie Sargnagel: "Es gibt immer Leute, die’s nicht verstehen"

Autorin, Künstlerin und jetzt auch Schauspielerin – ab 20. August ist die 35-Jährige in „Sargnagel – Der Film“ im Kino zu sehen. Ein Gespräch über den Kulturbetrieb, Shitstorms und Verwirrung.

von Nina Oberbucher

Für bissige Facebook-Posts und provokante Cartoons ist Stefanie Sargnagel bekannt, im Herbst erschien mit „Dicht“ ihr erster Roman. Ab Freitag (20. August) ist die Wienerin auch auf der Leinwand zu sehen: In „Sargnagel – Der Film“ spielt sie eine Version ihrer selbst. Welche, ist nicht ganz klar – und Teil des Konzepts. Der Film von Sabine Hiebler und Gerhard Ertl, der u. a. auf Sargnagels Textsammlungen „Fitness“ und „Statusmeldungen“ beruht, ist eine Mischung aus Spielfilm und Mockumentary und geht der Frage nach, wo die Kunstfigur aufhört und wo die Privatperson beginnt.

KURIER: Was war Ihr erster Gedanke, als Sie gehört haben, dass aus Ihren Büchern ein Film entstehen soll?

Stefanie Sargnagel: Mein erster Gedanke war: Ja, macht’s halt. Zahlt’s mir Geld und nehmt’s meine Sachen. Ich hatte auch noch nicht so viele Anfragen für Verfilmungen. Bei „Dicht“ ist es anders, da haben sich schon mehrere Leute gemeldet. Ich bin generell sehr freigiebig, gebe meine Texte gern ins Theater und denke mir: Macht’s euer eigenes Ding draus. So war’s mit dem Film auch. Die Ursprungsidee war ja ein Spielfilm, wo ich gar nicht mitspielen hätte sollen oder nur in einer kleinen Rolle. Jetzt mit mir und meinem Gesicht ist das natürlich schon was anderes.

Und wie geht’s Ihnen jetzt als Schauspielstar?

Naja, es ist schon gewöhnungsbedürftig. Es ist was anderes, ob ich mich mit meinen Texten exponiere, wo ich ja sehr viel Kontrolle habe, als wenn plötzlich mein Gesicht in den Händen von anderen Leuten ist und die damit machen, was sie wollen. Man ist auf andere Art exponiert und das ist schon auch ein Wagnis. Aber ich bin immer offen für neue Erfahrungen und die Arbeit hat Spaß gemacht.

Der Film spielt mit dem Verhältnis zwischen Kunstfigur und Privatperson. Durch die vielen Metaebenen dürfte die Verwirrung bei manchen noch größer werden.

Ja, es war auch verwirrend für mich. Ich wusste teilweise auch nicht mehr, wer ich bin. (grinst) Zum Beispiel wurde meine Kleidung nachgenäht, damit ich sie am Set tragen kann, oder meine Schuhe wurden nachgekauft. Ich bin dann von meiner echten Identität in diese Identität geschlüpft, aber mit demselben Gewand und wusste dann teilweise auch nicht mehr, was echt ist und was nicht. Welche Zigaretten habe ich selbst gedreht und welche wurden mir von der Ausstattung gedreht? (lacht)

Haben Sie manchmal das Bedürfnis, die Verwirrung, die Sie mitunter durch Ihre Texte oder Postings verursachen, aufzulösen?

Man will nicht jeden Witz erklären, weil da geht ein bisschen die magic verloren. Ich lasse mich manchmal dazu hinreißen, weil es mir schon ein Bedürfnis ist, zu erklären: Moment, das ist nicht so gemeint. Aber Witz arbeitet halt viel mit Doppeldeutigkeit, verschiedenen Ebenen und Brüchen und da gibt’s immer Leute, die’s nicht verstehen. Auch sehr woke Leute, von denen man das nicht denkt, lesen das manchmal so, als wäre es eine eindeutige Aussage. Damit muss man irgendwie leben.

Im Film geht es u. a. um das Kulturestablishment und wie es Sie vereinnahmt. Wie sehr muss man sich da wehren?

Man muss schon immer auf der Hut sein. Gewisse Sachen sind ja deshalb cool, weil sie aus sich selbst heraus entstehen. Ich habe mich nie groß angebiedert, sondern einfach mein Zeug gemacht, deswegen hat es so einen gewissen anarchischen Geist. Wenn man dann nur noch Aufträge ausführt, geht dieser Geist irgendwann zwangsläufig verloren. Man freut sich natürlich über Aufträge und sagt viel zu. Ist ja auch Geld und es sind ja auch interessante Sachen. Aber irgendwann schreibt man plötzlich nur noch fürs Theater und macht nicht das, was man vielleicht machen würde, wenn man alles machen könnte, was man wollte.

Was würden Sie denn gerne machen?

Ich hab‘ das Bedürfnis, wieder mehr mit meiner Burschenschaft zu machen, oder Dinge, die nicht unbedingt an gewisse Institutionen gebunden sind und die ein bisschen freier sind. Mir werden auch Freiheiten von Institutionen gelassen, aber es gibt dort dann doch ein gewisses Publikum und es ist natürlich schon lustiger, den öffentlichen Raum ein bisschen zu stören.

Das Kulturestablishment kennen Sie ja schon länger, vor allem den Literaturbetrieb. Wie empfinden Sie denn die Filmszene im Vergleich?

Beim Film sind viele Leute, die viel arbeiten und sehr an ihre Grenzen gehen. Da gab’s auch immer den Aufnahmeleiter, der beim Dreh anweisen musste: Nein, ihr müsst’s schon einmal am Tag essen. Und die Filmszene ist auch sehr in sich geschlossen. Das ist aber, glaube ich, einfach das Resultat daraus, dass es so viel Arbeit ist. 60-Stunden-Wochen sind für die meisten in der Branche Durchschnitt. Da hat man nicht die Zeit, im Park herumzusitzen und durch die Gegend zu spazieren. 

Und in der Literaturszene?

Abgesehen von mir, die viel unterwegs ist, sind die meisten Schriftsteller und Schriftstellerinnen, die ich kenne, schon eher häuslich und einzelgängerisch. Es sind selten Partyleute. Ich hab sehr lange auch überhaupt keine Autoren und Autorinnen deshalb gekannt. Ich dachte mir: Wo sind die alle? Was machen die? Die haben auch selten abgebrochene Biografien, sondern meistens drei Sachen studiert – und auch fertig.

Häuslich sind Sie ja jetzt auch geworden, wie man auf Social Media verfolgen konnte.

Ja, im Lockdown, weil ich halt musste. Aber ich hab' auch Gefallen daran gefunden.

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Hatten Sie Sorge, wenn der Lockdown länger gedauert hätte, dass Sie noch richtig spießig werden?

Sorge nicht, ich hätte mich sehr wohl gefühlt, in dieser Spießigkeit. Aber ich habe mich schon gefragt, ob ich zu zufrieden in meinem eigenen Süppchen koche. Wenn man in der Kulturszene arbeitet, besteht generell die Gefahr, dass man zu wenig mit anderen Menschen zu tun hat und ein bisschen in einer Sonderrealität lebt. Im Lockdown war das dann noch stärker, dass man wenig Gespräche von anderen Leuten mitbekommen hat und wenig von dem, was die Leute so beschäftigt.

Ist das also unabhängig vom Lockdown schwieriger für Sie geworden?

Ja, auf jeden Fall ist das etwas, was verloren geht, weil man nur mehr mit Leuten aus dem Kulturbetrieb zu tun hat. In anderen Jobs ist man schon noch näher am Leben oder an der Gesellschaft. Ich fühle mich jetzt viel mehr in einer Blase. Die Themen, die im Alltag an mich herankommen, sind ganz andere dadurch. Ich mache gerade Führerschein und merke immer, wie ich da richtig geflasht bin, und mir denke: Wow, oh Gott, andere Menschen mit anderen Berufen, erzählt’s mir was von eurem Leben, ihr Exoten!

Da Sie immer bekannter werden, können Sie vermutlich nicht alles machen, was man im Film sieht, wie unerkannt auf ein FPÖ-Fest gehen?

Ja, wird immer schwieriger, wobei ich das auch gemacht habe, als ich bekannter war, weil die Leute sehr fokussiert auf diesen roten Hut waren und sich dann doch Gesichter nicht so gut merken. Eine gewisse Bekanntheit habe ich schon, aber im großen Mainstream, im Gemeindebau oder in meinem Spar erkennt mich sehr selten wer. Ich werde eher im 7. Bezirk angesprochen und weniger im 10.

Es gab schon länger keinen Shitstorm mehr …

Das liegt, glaube ich, daran, dass die FPÖ so zerworfen ist. Ich denke, es geht auch vielen linken Journalistinnen so, dass die Shitstorms gerade nicht so arg sind, weil die ja meistens von der FPÖ choreografiert werden. Die stacheln das gezielt in ihren Telegram- und Facebook-Gruppen an. Dann hat man plötzlich 100.000 Nachrichten. Es schlägt sich spürbar auf den Alltag nieder, wenn die so zerrüttet sind, dass es weniger Trollattacken gibt.

Finden Sie das fad oder sind Sie froh?

Ja, auf der einen Seite bin ich froh drüber, aber es stimmt, auf der anderen Seite denkt man so ein bisschen: Ist man jetzt vielleicht schon irrelevant? Warum ärgern sie sich nicht die ganze Zeit über einen? Muss man wieder mehr reinpfeffern? (lacht)

In Ihrem Debütroman „Dicht“, der im Herbst 2020 erschienen ist, beschreiben Sie Ihre Teenager-Zeit und vergleichen die Schule mit einem Polizeistaat. Wären Sie manchmal trotzdem gerne wieder so jung?

Es gibt schon viele Vorteile am Ältersein: Dass man mehr auf sich schaut und auch nicht mehr die Energie hat, sich so viel Risiko auszusetzen, wie ich’s vielleicht in der Jugend gemacht habe. Was ich sehr nostalgisch verkläre, ist dieses Gruppenleben. Das finde ich schade, wenn die Menschen älter werden, dass sie alle immer mehr in ihren eigenen Alltagen gefangen sind. Ich vermisse das, dass man die ganze Zeit in einer Zehnerbande unterwegs ist. Im Lockdown hat sich das eh öfters ergeben.

Wie das?

Man sollte ja nicht so viele Leute treffen, aber ich bin schon in den Park gegangen, das fand ich nicht so problematisch. Und da ist ständig wer vorbei spaziert, der auch nichts zu tun hatte, sich dann dazu gesetzt hat und plötzlich waren wir wie Teenies: 6, 7 Leute die zur Tanke gegangen sind, Dosenbier kaufen, und ich dachte: Genau so will ich eigentlich leben, immer. Dieses Gruppenleben kann man sich natürlich auch im Älterwerden ein bisschen organisieren, aber das ist meistens kompliziert.

Was steht als Nächstes bei Ihnen an? Gibt es Pläne?

Nicht wirklich. Die Verlage sind natürlich ein bisschen dahinter. Wenn ein Buch gut läuft wollen sie, dass bald wieder ein Vertrag unterschrieben wird. Da bin ich aber sehr zögerlich, weil ich eigentlich erzählt habe, was ich erzählen wollte, und keine große Idee habe. Aber ich würde gerne wieder mehr am Matriarchat arbeiten. Und ich will ja endlich Rapperin werden. (grinst)

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