Song-Contest-Vorentscheid: Wir haben die 12 Songs durchgehört, damit Sie es nicht müssen

Bei der Show wird heute Österreichs Song-Contest-Finalteilnehmer gekürt. Die Teilnehmer in der Einzelbewertung.
Georg Leyrer
Song-Contest-Vorentscheid: Wir haben die 12 Songs durchgehört, damit Sie es nicht müssen

Wer singt für Österreich im Finale des Song Contests? Heute wird in „Vienna Calling“ (20.15, ORF 1) die Nachfolge von JJ gekürt. Das Publikum kann mitstimmen. 

Die antretenden Songs drehen sich um Tabakwaren, deutsche Philosophie, das Wien der Jahrhundertwende und weißes Pulver. Wir haben sie durchgehört, damit Sie nicht müssen.

Kayla Krystin, „I brenn“

Sängerin Kayla Krystin schlüpft für „I brenn“ zwar, glauben wir, nicht wirklich in die Rolle des Klaviers der Makemakes (wer sich erinnert, ist auch nicht mehr jung), es gibt aber dennoch viel Feuer. Sie könnte den Song Contest zumindest dialektmäßig doch noch nach Tirol holen. Handgemachte Musik, rauer Powergesang und bewältigbare Interpretationsherausforderungen beim Text – könnte funktionieren.

Nikotin, „Unsterblich“

Das achte Wort ist „Gruft“, und aus dieser holt Sänger Nikotin hier den seligen Falco: Nasaler Gesang und eine gewisse Überspanntheit der Thematik lassen Erinnerungen an den legendären Werbeträger für Haargel hochkommen. „Unsterblich“ ist der Gegensong zu dessen „Out of the Dark“, man will eher leben als sterben. Die Textzeile „Herzlich willkommen in den Wiener Katakomben“ ist aber dann doch etwas gemein zur Stadthalle, die immerhin zwei Jahre jünger ist als der ESC. 

Anna-Sophie,  „Superhuman“

Der Song „Superhuman“ fügt sich fugenfrei in das musikalische Angebot des Song Contests: Anna-Sophie reimt „Baby“ auf „Maybe“, man hat das Gefühl, in jeder Sekunde bereits zu wissen, wie der Song weitergehen wird, es wird vorgefertigtes Mitklatschen hilfreich eingespielt. Ob sich der Text auf Nietzsches „Übermensch“ bezieht, bleibt aber offen.

Cosmó, „Tanzschein“

Dieser Song von Cosmó taugt zum Soundtrack für Staatssekretär Schellhorn: In eine Disco, in der sich Tiere (?) aufhalten, darf man hier nämlich nur unter Vorlage des titelgebenden Tanzausweises. Ein Fall für den Entbürokratisierungsstaatssekretär! Recht eingängiger Discosong auf Deutsch mit Fixierung auf Löwen und Affen aus dem Genre „Einmal kurz gelächelt und mitgewippt“, das beim ESC ja durchaus erfolgreich sein kann.

Philip Piller, „Das Leben  ist Kunst“

Volle Solidarität der Kulturredaktion für den Song „Das Leben ist Kunst“ von Philip Piller, der die wichtigen Themen verhandelt, nämlich Wiener Aktionismus („Ist Blut denn nicht die Farbe, die die Leinwand bemalt?“) und die deutsche Philosophiegeschichte. Denn Piller singt gleich zu Beginn „Immanuel Kant“, und der Autor der „Kritik der reinen Vernunft“ hat beim Song Contest Skandalpotenzial: 2025 musste Malta den im Englischen anzüglichen Songtitel „Kant“ ändern. Mal sehen, ob das hier ebenso durchgeht wie die Textvariation eines heimischen Megahits: Hier heißt es nicht mehr „Live is life“, sondern „Life is art“ .

David Kurt, „Pockets Full  Of Snow“

Sänger David Kurt teilt, wohl ein Zufall, mit James Blunt die Selbstlaute bei Vor- und Nachnamen – und auch dessen Pressgesang. Bei der anspruchsvollen Ballade „Pockets Full Of Snow“ geht es wohl wirklich um Schnee und kein anderes weißes Pulver, in Wirklichkeit aber um eine verlorene Liebe (der Titel „Wasted Love“ war wohl schon besetzt). Der Song ist schön, pathetisch und Old-School-Song-Contest-Material. Kurz glaubt man, er ist schon aus, aber er geht noch weiter, und es gibt ein homöopathisches Gitarrensolo. Allein damit schon mutig, vom Anspruch her.

Julia Steen, „Julia“

„Julia, was hast du nur gemacht“, singt Julia Steen. Eine berechtigte Frage. Die Antwort: Sie hat einen sehr eingängigen Song geschrieben, mit „Oh oh oh“ (etc. pp.) zum Mitsingen, musikalischem Anspruch und einer durchaus herausstechenden Altstimme. Folk-Rhythmen, ein Gitarrensolo und die Aufforderung, etwas nicht näher Bestimmtes in die Nacht zu schreien – passt!

Frevd, „Riddle“

Der klare Favorit für den Song Contest – falls dieser doch noch zum Heavy-Metal-Festival in Wacken übersiedelt wird. Die harten Gitarren bei „Riddle“ sind aber natürlich alles andere als ein Hinderungsgrund für den ESC (wer erinnert sich noch an Lordi?). Und Frevd liefern darüber hinaus noch eine schöne Vorlage für allerlei Orthografiewitze mit „v“. Es geht im Song um Psychoanalvse, man legt sich auf die Covch, und so weiter. Zvölv Pvnkte!

Sidrit Vokshi, „Wenn ich rauche“

Dass, siehe oben, auch Kontrahent Nikotin im Rennen ist, etabliert fast schon einen Themenkomplex: Sidrit Vokshi besingt in „Wenn ich rauche“ mit, sorry, rauchiger Stimme Streifzüge durch einsame Bars und den bedeutungslosen Sex eines in Liebesdingen unglücklichen Mannes. Sehr eingängig, aber eher aus der Abteilung deutsche Männer-Popmusik als Genre-typisch für den ESC.

Bamlak Werner, „We Are Not Just One Thing“

Die Geschichte des Song Contests ist nicht eben arm an Selbstbefreiungshymnen, und mit „We Are Not Just One Thing“ gibt es die nächste: Bamlak Werner beackert das Themengebiet „Du kannst alles sein, was du willst“. Dazu gibt es das gesamte musikalische Erbauungsspektrum von der Disney-Song-haften Breitentauglichkeit bis zur jodelnahen Koloratur, wenn es wirklich darauf ankommt. Der Song nimmt sich den Titel also auch musikalisch selbst zu Herzen: Mehr ist hier mehr. Dass es auch insgesamt mehr Message als Melodie gibt, muss kein Kritikpunkt sein, der deutschsprachige Kurzeinschub ist ein nettes Detail.

Reverend Stomp, „Mescalero Ranger“

Ja, die Stadthalle liegt eher so im Westen Wiens, dass dieser aber gar so wild sei wie im Song „Mescalero Ranger“, ist dann doch überraschend: Reverend Stomp bieten mit ihrem Beitrag die Gelegenheit nachzugooglen, was „Swamp-Blues“ ist. Könnte vom Soundtrack zu Tarantinos „From Dusk Till Dawn“ stammen. Darauf einen Tequila!

Lena Schaur, „Painted Reality“

Hier blieb der Notizblock Ihres Rezensenten beim ersten Durchhören leer. Natürlich völlig zu Unrecht: „Painted Reality“ von Lena Schaur ist professionelle Song-Contest-Ware für ein Land, das gewinnen will. Vorsicht, lieber ORF!

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