60 Jahre nach dem ESC-Sieg: Erinnerungen an Legende Udo Jürgens
Udo Jürgens.
Nein, nein, nein!“ Udo Jürgens weigerte sich vehement, am Grand Prix Eurovision de la Chanson teilzunehmen. Nie im Leben würde er nach Luxemburg fahren, um sich dort ein weiteres Mal mit einer mittelmäßigen Platzierung zu blamieren. Da musste sein Manager schon all seine Überredungskünste einsetzen, um Udo mit sanfter Gewalt zu zwingen, an dem Wettbewerb teilzunehmen. Schon weil es im deutschen Sprachraum keinen anderen Sänger gab, dem man zugetraut hätte, beim Song Contest auch nur einigermaßen abzuschneiden. Und so wurde Udo Jürgens gegen seinen Willen dazu gebracht, „Merci, Chérie“ zu singen und sich der Jury zu stellen. Niemand konnte annehmen, dass sich daraus eine der größten Musikerkarrieren des 20. Jahrhunderts entwickeln sollte.
5. März 1966
Genau genommen war’s der 5. März 1966. Heute, 60 Jahre später, wissen wir, dass in wenigen Wochen in der Wiener Stadthalle der 19-jährige Zahnmedizinstudent Cosmó für Österreich antreten wird. Fraglich bleibt, ob noch einmal eine Karriere wie die von Udo Jürgens möglich ist.
Udo Jürgens hat mir im Dezember 2001 in einem Interview im Radiokulturhaus des ORF die ganze Geschichte erzählt, wie es zu seinem „Merci, Chérie“-Sieg und zu dem Wunder kam, diese Karriere einschlagen zu können.
Der damals 31-jährige Entertainer war beim Grand Prix de la Chanson bereits zwei Mal angetreten: 1964 mit „Warum nur, warum?“ in Kopenhagen, wo er Platz 6 erreichte. Und 1965 mit „Sag ihr, ich lass sie grüßen“ in Neapel mit Platz 4.
Doch Udo Jürgens wollte nur eins: Siegen! Da ihm das nicht zu gelingen schien, schwor er sich: „Nie wieder Song Contest!“
Also musste er von seinem Manager Hans R. Beierlein zum Auftritt Nr. 3 überredet werden.
„Nervlich am Ende“
Und das, obwohl Udo sich in einem schlimmen Zustand befand: „Ich war nervlich am Ende“, erzählte er, „ich war nach Neapel in ein massives Alkoholproblem geschlittert, habe schrecklich viel geraucht, nicht geschlafen, ging jede Nacht auf Partys und in Discos, hatte mich bis an den Rand der Erschöpfung kaputt gemacht. Das war eine schwierige Phase meines Lebens, und es bestand die Gefahr, daran zugrunde zu gehen.“
Nicht genug damit, wurde bei seiner Ankunft in Luxemburg an jeder Ecke die deutsche Bild-Zeitung verkauft, mit der Schlagzeile: „Udo Jürgens mit ,Merci, Chérie’ chancenlos“. Davon hätte er glücklicherweise nichts mitbekommen, sagte er, „weil mein Manager sofort alle Exemplare aufgekauft hat. Hätte ich das gesehen, wäre es mit meinem Selbstvertrauen dahin gewesen.“ Dazu fiel Udo Jürgens der tragische Ausgang eines Musikwettbewerbs in Sanremo ein: „Ich war dort, als sich ein Kollege in seiner Garderobe erschoss, weil er es nicht ins Finale geschafft hat.“
Vorgegebener Plan
Udo Jürgens bekannte sich in unserem Gespräch dazu, „Merci, Chérie“, das Siegerlied von 1966, nach einem fest vorgegebenen Plan geschrieben zu haben: „Thommy Hörbiger (der Textdichter, Anm.) und ich waren uns einig, dass wir bei einem internationalen Bewerb wie dem Eurovisionsfestival mit einem rein deutschen Text keinen Erfolg erzielen konnten.“
Dankbar für jede Stunde
Außerdem wollte Jürgens dem Publikum ein Anliegen vortragen: „Die meisten Sänger weinen in ihren Liedern voll Bitterkeit einer verflossenen Liebe nach. Ich aber war immer schon der Meinung, man soll für jede Stunde, die man mit einem Menschen erlebt hat, dankbar sein, auch wenn man auseinander geht. Schließlich hatten wir noch die – man muss es sagen – geniale Idee, das ,Danke schön’ auf Französisch zu bringen. Merci, Chérie – diese Worte verstand man überall.“
Und die Rechnung ging auf. Udo Jürgens erreichte Platz 1 und bekam mit 31 Punkten fast doppelt so viele wie die zweitplatzierten Schweden. Als er am Ende der europaweiten Live-Übertragung traditionsgemäß gebeten wurde, das Siegerlied zu wiederholen, bewies Udo Humor. Er setzte sich ans Klavier und sagte in die Kamera: „Merci, Jury“. Dann erst stimmte er seinen Song noch einmal an.
Der Buchstabe „I“
Udo Jürgens erklärte mir auch, warum in „Merci, Chérie“ der Buchstabe „I“ so oft vorkommt: „Ich hatte ein großes Problem, hohe Töne mit einem anderen Buchstaben als mit ,I’ zu singen. Ich bin kein ausgebildeter Sänger und schaffte nur mit dem ,I’ die hohen Töne. Später war mir das egal, welcher Buchstabe es ist, aber damals war das noch wichtig, das zeigt sich auch in ,Siebzehn Jahr blondes Haar.’“
In der Nacht nach dem Grand-Prix-Sieg fasste Udo Jürgens den Entschluss, nicht größenwahnsinnig zu werden. „Ich ging mit meinem Manager spazieren, und der sagte: Das Wichtigste ist jetzt, kühlen Kopf zu bewahren, auch wenn Angebote aus aller Welt kommen. Jetzt muss ein tolles Lied nach dem anderen kommen – sonst verpufft der Erfolg so schnell, wie er gekommen ist.“
Wie recht er damit hatte, erkennt man daran, dass viele Grand-Prix-Sieger in der Versenkung verschwanden.
Die lange Karriere
Ganz im Gegensatz zu Udo Jürgens, der nach „Merci, Chérie“ eine fast ein halbes Jahrhundert andauernde Karriere schaffte, die bis zu seinem Tod am 21. Dezember 2014 anhalten sollte.
Nicht allzu lange vor seinem Grand-Prix-Sieg war er noch für 5 Schilling in Jazzclubs und Kärntner Tanzlokalen aufgetreten. Jetzt verkaufte er von „Merci, Chérie“ allein im ersten Jahr eine Million Platten. Weitere Hits folgten: „Mit 66 Jahren“, „Aber bitte mit Sahne“, „Griechischer Wein“, „Vielen Dank für die Blumen“, „Ein ehrenwertes Haus“, „Buenos dias Argentina“ . . . er schrieb und sang 1.000 Lieder und veröffentlichte 50 Alben. Als Komponist, Textdichter und Interpret verkaufte er mehr als 100 Millionen Platten und CD’s. Udo Jürgens zählt damit zu den erfolgreichsten Solokünstlern aller Zeiten.
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