Seiler & Speer live in der Stadthalle

© KURIER/Gilbert Novy

Nachtkritik
12/10/2016

Seiler und Speer: Wer nicht hören will, muss spielen

Christopher Seiler, Bernhard Speer und ihre Band ließen in der vollen Wiener Stadthalle Vorurteile und auch Morddrohungen weit hinter sich.

von Guido Tartarotti

Ein ungewohntes Bild bei Konzerten in Österreich: Ein Polizei-Großaufgebot vor und in der Wiener Stadthalle. Der Grund dafür: Nach einem Facebook-Video von Christopher Seiler, in dem er sich in der für ihn typischen direkten Sprache kritisch mit den Forderungen eines Norbert-Hofer-Wählers auseinandergesetzt hatte, und das von Boulevard-Zeitungen genüsslich skandalisiert worden war, gab es Morddrohungen gegen Seiler. Diese wurden ernst genug genommen, um das Konzert unter Polizeischutz zu stellen.

"Linkslinke Gutmenschen-Nazis"

Christopher Seiler sprach die Drohungen gegen seine Person im Konzert in der gut gefüllten Wiener Stadthalle mehrmals an und gab die Schuld Zeitungen, die "an Schas schreiben". Er habe offen seine Meinung gesagt, es sei dabei nicht darum gegangen, jemanden zu beleidigen. Seiler: "Wir san eigentlich zwa linkslinke Gutmenschen-Nazis, wann's nach der Österreich-Zeitung geht." Seiler bedankte sich für die Solidarität des Publikums - und wirkte ehrlich zu Tränen gerührt über den ohrenbetäubenden Applaus.

Linkslinker Gutmensch ist eine Zuschreibung, die auch Hans Söllner schon oft gehört hat: Der zornige bayerische Liedermacher, Menschenrechts-Aktivist und Veganer, der seit Jahren gegen Geldgier, Umweltzerstörung und Fremdenhass ansingt und für die Legalisierung von Cannabis eintritt (und der in Süddeutschland und Westösterreich regelmäßig vor Tausenden Zuschauern singt), bestritt solo das Vorprogramm. Und obwohl er gegen viel Unruhe im Saal ankämpfen musste, bekamen seine bayrischen Reggae-Widerstandslieder viel Applaus. Später holten ihn Seiler und Speer noch einmal auf die Bühne und arbeiteten sich mit ihm durch eine schön groovende Austropop-Version seines "Boarischen Krautmo".

So jung nimmer

Seiler und Speer eröffneten ihr mehr als zwei Stunden langes Konzert mit einer dramatischen Ouvertüre und gaben dann mit "Soits lebn" das Motto des Abends vor: "Stesst's mit de Glasln an/weu so jung kumm ma nimmer zamm". Sofort wurde klar: Das vor zwei Jahren noch kaum bekannte Duo fährt hier die ganz große Produktion. Neun Mitmusiker sorgten für Druck, und dazu gab es große Lichteffekte, Konfetti-Kanonen und am Ende sogar Flammenwerfer (aus dem Schuppen von Rammstein geklaut?). Kein Wunder: Der Abend wurde für eine DVD-Produktion mitgeschnitten.

In der Musikbranche und unter Menschen, welche die Nase auch und vor allem zum Hochtragen benützen, ist es Konsens, Seiler und Speer gering zu schätzen. Sie seien ein kurzfristiges Phänomen, Skihütten-Beschaller, Prolo-Rocker, niveaulos, unbegabt, der Soundtrack zum Rauslassen diverser Säue, die lieber drinnen blieben.

Diese Urteile sind, das sei offen gesagt, nach diesem Konzert unhaltbar. In der Wiener Stadthalle sah man eine perfekt eingespielte Band und zwei grundsympathische Entertainer, deren Freude am eigenen Erfolg ansteckend wirkte und deren offen gezeigte Emotionen sichtlich ehrlich waren. Ihre Blödeleien, ihre liebevoll-herben Freundschaftsbekundungen ("Heit wü i an Zungenkuss von dir") und ihr überschwänglich geäußerter Dank gegenüber den Fans hatten keine Sekunde etwas Aufgesetztes oder auswendig Gelerntes. Und zur oft geäußerten Kritik, die beiden seien mit dem Singen überfordert: Man hat in der Stadthalle schon öfter Stars gesehen, die wesentlich schiefere Töne produzierten. Manche füllen sogar Olympiastadien.

Am Schluss des Konzerts waren sie sogar so ehrlich, zuzugeben, dass ihnen der eigene Superhit "Ham kummst" längst auf die Nerven geht (jeder Manager rauft sich bei sowas die Haarwurzeln wund). Bernhard Speer: "Wir kennan's nimmer hör'n, aber wir kennan's spü'n."

Überhaupt: "Ham kummst". Das Konzert bewies, dass sie viel, viel mehr drauf haben, als diesen Gassenhauer. Etwa eine heftige, aber herzhafte Version von Georg Danzers "Ruaf mi ned an". Oder den düsteren, kritischen Talking Blues von "Es is koid". Die nachdenkliche neue Single "I kenn di vo wo". Ans Gemüt rückende Stücke wie "Der letzte Schnee" oder "Stopp doch die Zeit". Mitsing-Hadern wie "A Kaffee und a Tschick"... Vielleicht ist "Ham kummst" sogar die am wenigsten interessante Nummer im Repertoire. Die Aufmerksamkeit des Publikums ließ jedenfalls nie nach.

Respekt

Fazit: Seiler und Speer sind allein schon wegen ihrer Erfolgsgeschichte eine wunderbare Erzählung: Zwei Buben aus Bad Vöslau räumten gegen jede Wahrscheinlichkeit zuerst mit einer youtube-Comedy-Serie ("Horvathslos") und dann als Musiker ab, obwohl niemand aus der Unterhaltungsindustrie ihnen eine Chance einräumte. In kürzester Zeit mussten sie lernen, sich auch auf ganz großen Bühnen zurecht zu finden - und das lernten sie wirklich gut.

Und ist das nicht schön? Auf einmal gibt es wieder mehrere Acts aus Österreich, die die Stadthalle nicht nur füllen, sondern auch begeistern können: Parov Stellar, Wanda, Bilderbuch, Seiler und Speer.

Natürlich sind die Lieder von Seiler und Speer nicht gerade ein Naturschutzgebiet für musikalische und textliche Subtilität. Na und? Wer sagt denn, dass es im Leben immer ums Subtilsein gehen muss?

Respekt, Burschen.