Kultur
08.05.2018

Sam Smith in der Wiener Stadthalle

Der für seine schmusigen Balladen preisgekrönte Sänger Sam Smith gastiere am Dienstagabend in der ausverkauften Wiener Stadthalle. Ein durchaus gefälliger Abend, wenn man auf Wohlfühl-Soul steht.

„Die Liebe ist ein seltsames Spiel“. Sie gibt zwar viel, aber kann auch alles nehmen, wusste schon die US-Schlagersängerin Connie Francis zu berichten. Von diesem "seltsamen Spiel" weiß auch der britische Schmusesänger einige Lieder zu singen. Irgendwie muss der persönliche Herzschmerz ja verarbeitet werden. Weinen soll helfen. Singen erst recht. Und so singt sich Sam Smith in der Wiener Stadthalle seinen Schmerz unbekümmert von der Seele. Das Gute daran: Knapp 11.000 Menschen hören und sehen ihm dabei zu. 

Nach einem Orgel-Intro und stürmischen, fordernden Chören sitzt der britische Superstar des Balladenfaches plötzlich auf der Bühne: alleine und verlassen. Nicht nur das Scheinwerferlicht lastet auf seinen Schultern, sondern auch der Herzschmerz sitzt tief in seiner Brust. "Burning“ macht den Anfang eines rund 100 Minuten dauernden Abends, bei dem man eigentlich immer nur eines bekommt: mehr vom Selben. Und zwar in sehnsuchtsvolle Melodien gehüllte Dreiminüter, bei denen Sam Smith seinen mal großen, mal kleinen Liebeskummer verarbeitet.  Auch "One Last Song", die zweite Nummer auf der Setlist, ist so ein Schmachtfetzen, den er für einen geliebten Menschen singt.

Entschuldigung

Sein Augenaufschlag ist dabei stets treuherzig und gutmütig. Nein, ein Sam Smith kann keine Herzen brechen. Und wenn doch, dann entschuldigt er sich artig dafür. Bei " HIM", einer Art Geständnis, bittet er seinen Vater und den lieben Gott um Verständnis für seine Homosexualität. "I'm not the boy that / You thought you wanted / Please don't get angry / Have faith in me". Eine Hymne auf die Freiheit der sexuellen Orientierung.

Das Besondere an Sam Smith ist seine Stimme, die in den höheren als auch den tieferen Lagen außergewöhnlich ist. Sie ist beeinflusst vom Soul und bietet immer wieder Querverweise zum Gospel an. Die Kirche ist bei Sam Smith also nicht weit weg. Auch seine Live-Auftritte haben etwas von einer Messe.

Die Show ist generell unaufgeregt: Es gibt kein Feuerwerk, keine große Bühnenshow, kein unnötiges Pipapo, das vom Wesentlichen, also von der Musik ablenken könnte. Die Songs von seinen zwei kommerziell enorm erfolgreichen Alben ("The Thrill of It All" und "In the Lonely Hour") sind an diesem Abend der Star. Eine durchaus sympathische Ausnahme in einer Popwelt, in der sich alles um die perfekte Inszenierung dreht.

Auch Spaß muss sein.

Seine zentral auf der Bühne, also immer im Mittelpunkt stehende Rhythmusabteilung agiert in Topform. Mal groovt sie lässig, mal darf der Gitarrist ein fast schon rockiges Solo einstreuen und funkt sich der Bassist stellenweise schneidig durch die Songs. Die souveränen Backgroundsängerinnen schieben ordentlich an und zwingen Sam Smith oftmals an seine Grenzen, aber nicht in die Knie. Bei all den Freiheiten, die die Begleitband auf der Bühne hat, bleibt aber alles immer schön in der formatradiotauglichen Schablone und im Midtempo-Bereich angesiedelt.  Die Ecken und Kanten werden diesem Wohlfühl-Soul leider meist genommen.

Seine Songs seien zwar immer irgendwie depressiv, aber er versuche heute Abend das Beste daraus zu machen, sagt Sam Smith zu Beginn des Konzerts. Denn traurig sein, das kann man auch ein andermal. Auch Spaß muss sein. Und so streut er zwischen den Herzschmerz-Balladen immer wieder druckvollere, schwungvollere Stücke ein. Nach dem Cover von Lauryn Hills „His Eye Is on the Sparrow“ geht es im Discoschritt weiter: „Omen“, eine von vielen Kollaborationen, die Sam Smith mit den britischen Dancefloor-Größen Disclosure abgeliefert hat, reißt das Publikum vom Sessel. Bei all diesen Hits singt das vorwiegend weibliche und junge Publikum lautstark und textsicher mit - zu „Stay with Me“ sowie anderen Kuschelpop-Songs wird geschunkelt und geklatscht. Pärchen machen verliebt Fotos, um sie danach auf die digitale Pinnwand zu posten. Als Erinnerung. Denn wer weiß, vielleicht ist die Liebe schon bald wieder verflogen. Fragen Sie Sam Smith, der kann einige Lieder davon singen.