Karin Bergmann: „Seine Feinde müssen nicht meine Feinde sein“
Am 26. März, drei Tage vor dem Palmsonntag, gab das Kuratorium der Salzburger Festspiele bekannt, dass diese und Markus Hinterhäuser „aufgrund unüberbrückbarer Auffassungsunterschiede und Differenzen ab sofort getrennte Wege“ gehen: Beide Seiten verständigten sich darauf, dass der Intendant bis zum Vertragsende am 30. September „beurlaubt“ ist. „Über die Details der Vereinbarung wurde Stillschweigen vereinbart.“ Als Nächstes werde das Kuratorium die Position der künstlerischen Leitung interimistisch besetzen: „Hier laufen bereits Gespräche mit Kandidatinnen und Kandidaten.“ Dieser Satz sorgte für Spekulationen: War alles ein abgekartetes Spiel? Hatte Karin Bergmann, von Hinterhäuser zuvor als Schauspielchefin vorgesehen, hinterrücks gegen ihn gearbeitet? Der KURIER fragte nach.
KURIER: Was genau ist passiert?
Karin Bergmann: Die Vertragsauflösung war bereits kommuniziert. In der Karwoche, also mehrere Tage später, fragte mich ein Kuratoriumsmitglied, ob ich mir die interimistische Leitung vorstellen könne. Ich antwortete, dass ich darüber nachdenken müsse. Und später erhielt ich einen Anruf der Landeshauptfrau. Karoline Edtstadler ist niemand, die sich ankündigen lässt. Die greift einfach zum Handy.
Haben Sie die Pause genutzt, um mit Hinterhäuser zu sprechen?
Nein. Ich habe mir überlegt, ob ich so tollkühn sein darf. Im Sommer werde ich 73 und weiß, dass ich in dieser Liga nicht mehr arbeiten werde. Aber die Kunst war mein Leben lang mein Elixier. Und so fand ich die Idee reizvoll, diese Phase noch ein wenig auszukosten.
Nach Konflikt mit dem Kuratorium bis Vertragsende im Herbst beurlaubt: Markus Hinterhäuser
Hinterhäusers neuer Vertrag wäre erst ab dem Herbst gelaufen. Es hieß, dieser würde eine „Wohlverhaltensklausel“ beinhalten, was aber nicht stimmt: Das Wohlverhalten war 2024 die Geschäftsgrundlage für die Vertragsverlängerung.
Darüber weiß ich nichts. Zumal ja beide Seiten Stillschweigen vereinbart haben.
Sie wollten nichts über die problematische Vorgeschichte wissen?
Meine Haltung ist: Seine Feinde müssen nicht meine Feinde sein. Auch wenn ich unter seiner Intendanz die Leitung des Schauspiels übernommen hätte, wäre ich, wie es immer meine Art ist, auf alle Menschen zugegangen. Also: Ich hätte mir von ihm nicht sagen lassen, wer unser gemeinsamer Feind ist. Natürlich haben diverse Geschichten die Runde gemacht. Wenn die Betroffenen den Mut gehabt hätten, sich zu äußern, hätte man die Vorfälle untersuchen können. Und wir hätten jetzt nicht die Situation, die wir haben. Aber mich muss die Vorgeschichte gar nicht interessieren. Und ich habe auch keine Zeit dafür.
Denn am 8. April war die Bekanntgabe – und Sie stürzten sich sogleich in die Arbeit?
Ja. Auf dem Papier war alles für 2026 geplant. Aber das heißt gar nichts. Theater ist immer Krise, wie schon Heiner Müller festgestellt hat. Da kommen Menschen wochenlang zusammen und erarbeiten was. Und das ist immer mit Emotionen und Friktionen, auch mit technischen oder organisatorischen Problemen verbunden. Da ist schon was zu tun. Zumal die Anzahl der Produktionen, die parallel entstehen, beachtlich ist.
Und dann sagt auch noch Elīna Garanča die „Ariadne“ ab.
Petra Gaich, die für das Musiktheater zuständig ist, unterbreitete sogleich Vorschläge. Und dann berät man sich – zunächst nicht mit dem Regisseur, sondern mit dem Dirigenten. So fiel die Entscheidung für Christina Nilsson. Sie ist weit mehr als nur ein Ersatz. Axel Hiller, der das Konzert betreut, ist ebenfalls enorm kompetent. Ohne das großartige Team könnte ich die Intendanz gar nicht machen. Auch wenn ich nach meinen Peymann-Jahren im Burgtheater drei Jahre mit Klaus Bachler an der Volksoper war.
Sie kehrten an die Burg zurück, gingen in Pension, und 2014 übernahmen Sie interimistisch die Direktion. Wie ist es nun – im Vergleich?
Das Burgtheater war ökonomisch in einer Schieflage und stand monatelang im Fokus der Öffentlichkeit. Es gab ein demoralisiertes Ensemble, das mit den Vorwürfen der Misswirtschaft konfrontiert war. All das gibt es hier nicht.
Das Ensemble hatte für Sie votiert. Im Salzburger Festspielbezirk wurden Sie auch herzlich empfangen?
Es gab sicher auch Vorbehalte. Ich bringe natürlich nicht das Wissen von Markus Hinterhäuser mit, komme ja vom Sprechtheater. Aber ich interessiere mich seit den späten 1970er-Jahren für das Musiktheater, und ich hatte das Privileg, mit Hans Landesmann, dem ehemaligen Konzertchef der Festspiele, befreundet zu sein. Ich kenne daher auch Markus Hinterhäuser seit dessen Beginn mit dem „Zeitfluss“-Festival im Rahmen der Festspiele. Also: Ich bin keine Fachfrau, was Musiktheater betrifft, aber habe andere Qualitäten, die es auch braucht. Zum Beispiel im Umgang mit Menschen.
Herbert Föttinger, nur mehr ein paar Tage Direktor der Josefstadt, hat Ihnen in der „Presse“ Niedertracht unterstellt. Trifft Sie das?
Wenn man das liest, erschrickt man schon. Weil man sich denkt: Wie kann jemand das über mich glauben? Und wieso steht das da so ohne Widerspruch? Aber dann denke ich mir: Föttinger leidet unter Abschiedsschmerzen. Das tut mir leid für ihn. Ähnlich sehe ich es, wenn ich höre, dass Markus Hinterhäuser behauptet, ich hätte die Übernahme von langer Hand vorbereitet. Aber es ist nicht meine Schuld, dass er die Position nicht mehr hat. Ich bin ihm auch nicht in den Rücken gefallen.
Wie ist das nun bei den beiden Konzerten mit Hinterhäuser?
Ich bin mit allen drei Beteiligten in Kontakt getreten und habe die Bitte geäußert, diese Konzerte zu spielen. Matthias Goerne und Igor Levit wollen das auch. Ich denke mir, dass sich Markus Hinterhäuser das abholen kann, was ihm für zehn tolle Jahre als Intendant zusteht, nämlich Ovationen. Leider verweigert er jede Antwort.
Nur Ihnen gegenüber?
Natürlich redet er mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, das ist völlig normal. Er hat ja sein halbes Leben bei den Festspielen verbracht. Ich hoffe, dass jemand auf ihn einwirken kann. Ich würde es mir wünschen. Das Publikum freut sich.
Sie halten an den Terminen fest?
Wir schicken die Menschen jedenfalls nicht ohne Konzert heim.
Drohen weitere Änderungen?
Davon gehe ich nicht aus. Die Arbeit in Salzburg ist den Künstlerinnen und Künstlern wirklich viel wert.
Gab es irgendjemanden, der nun die Festspiele boykottiert?
Ich rechne immer mit allem Möglichen. Aber bisher nicht.
Die Politik will, dass nur mehr Autos mit Salzburger Kennzeichen ins Zentrum fahren dürfen. Ihr betuchtes Publikum kann dann nicht mehr zum Festspielhaus vorfahren. Haben Sie ein Veto eingelegt?
Nein. Es gibt ausreichend Alternativen zum Individualverkehr. Und wir sorgen ab September ohnehin für verkehrstechnische Probleme. Wegen des Hohlraumbaus ist für ein halbes Jahr das Neutor gesperrt.
Das große Projekt „Festspielbezirk 2030“ wird also realisiert?
Die erste Bauphase ist finanziell abgesegnet. Da geht es in erster Linie um den neuen Werkstättentrakt.
Kulturminister Andreas Babler muss sparen. Droht eine Subventionskürzung – ähnlich zu den Bregenzer Festspielen?
Zum Glück nicht. Die Festspiele sind die Wirtschaftsmaschine im Land Salzburg. Sie kosten nicht nur, sie bringen auch viel.
2027 werden Sie programmatisch etwas mehr zu tun haben?
Das Musiktheater ist, von Markus Hinterhäuser konzipiert, fertig, da gibt es allerdings ein paar Dinge, die man nachjustieren muss. Vor allem bin ich in Gesprächen fürs Schauspiel. Noch ist nichts in trockenen Tüchern. Aber ich versuche jemanden zu gewinnen, der in den letzten Jahren hauptsächlich und erfolgreich Opern inszeniert hat.
Sie meinen Andrea Breth?
Sie hat zuletzt 2017 in Salzburg inszeniert. Dass sie wieder kommt, wäre mein Wunsch.
Mit dabei wäre Sven-Eric Bechtolf?
Er ist für mich nach wie vor einer der ersten Schauspieler. Aber zunächst muss er ab 3. Juli „Elisabeth II.“ von Thomas Bernhard bei den Salzkammergut Festwochen in Gmunden machen.
Diesen Job werden Sie wegen Salzburg aufgeben?
Nein. Ich hatte gesagt, dass ich das nur fünf Jahre mache. Heuer ist mein letztes Jahr in Gmunden.
Vielleicht sind Sie ja wirklich niederträchtig – und haben sich für die Intendanz ab 2028 beworben?
Nein, ich mache nur die interimistische Intendanz. Aber ich war schockiert, dass sich nur vier Frauen beworben haben – und 17 Männer. Unfassbar.
Naja, Sie haben sich ja auch nicht für die Schauspielleitung der Festspiele beworben …
Erwischt! Trotzdem sehe ich die Arbeit in Salzburg nicht als neues Kapitel, sondern als Epilog.
Markus Hinterhäuser, seit 2016 höchst erfolgreicher Intendant, düpierte Kristina Hammer, seit Anfang 2022 Präsidentin. Er bestellte Marina Davydova als Schauspielchefin ab dem Herbst 2023, ein Jahr später folgte die fadenscheinig begründete Entlassung. Hinterhäuser konzipierte das Theaterprogramm 2026 selbst (mit Karin Bergmann als Beraterin). Im Oktober 2025 ließ er den Job – auf Druck des Kuratoriums – ausschreiben. Der Konflikt eskalierte: „Gelbe Karte“ im Februar, Ende März wurde der Intendant bis zum Vertragsende im Herbst beurlaubt.
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