Premiere ist am heutigen Samstag (20.7.)

© APA/BARBARA GINDL

Kultur
07/20/2019

Salzburger Festspiele: „Das Publikum nicht unterfordern“

Salzburgs Schauspielchefin Bettina Hering über den Jedermann (der heute Premiere hat), Feuerwehr-Aktionen, Erwartungshaltungen und ihre Premieren.

von Guido Tartarotti

Bettina Hering kam 1960 in Zürich zur Welt. Laut Wikipedia studierte sie Germanistik, Philosophie und „Psychologische Anthropologie“, was sie im Interview auf „Anthropologische Psychologie“ korrigiert.

Ab 1991 arbeitete sie als freischaffende Regisseurin und Dramaturgin, wobei besonders ihre Arbeit für das Festival „Literatur im Nebel“ in Heidenreichstein positiv auffiel. Ab 2012 leitete sie das Landestheater Niederösterreich, dessen Stil und Spielplan sie spektakulär – und mit großem Erfolg bei Kritik und Publikum – modernisierte.

Seit 2017 leitet Bettina Hering den Schauspielbereich bei den Salzburger Festspielen, ihr Vertrag läuft vorerst fünf Jahre.

KURIER: Mit welchen Erwartungen gehen Sie in die Saison?

Bettina Hering: Wie immer: Mit der allergrößten Motivation und der Hoffnung auf künstlerisch außergewöhnliche Produktionen mit einem interessierten, zugewandten Publikum.

Im Vorjahr fiel der Darsteller des Jedermann aus, heuer mussten Sie eine Regie krankheitsbedingt neu besetzen – muss man als Schauspielchefin auch Feuerwehrhauptfrau sein?

Theater wird von Menschen gemacht. Es ist also unserem Metier eingeschrieben, dass alles immer passieren kann. Und oft genug ist dies auch der Fall. Brände muss ich zum Glück nicht löschen, aber mit einem guten Nervenkostüm ausgestattet bereit sein, sehr schnell Lösungen zu finden und diese umzusetzen.

SALZBURGER FESTSPIELE 2019: FOTOPROBE "JEDERMANN"

SALZBURGER FESTSPIELE 2019: FOTOPROBE "JEDERMANN"

SALZBURGER FESTSPIELE 2019: FOTOPROBE "JEDERMANN"

SALZBURGER FESTSPIELE 2019: FOTOPROBE "JEDERMANN"

SALZBURGER FESTSPIELE 2019: FOTOPROBE "JEDERMANN"

SALZBURGER FESTSPIELE 2019: FOTOPROBE "JEDERMANN"

SALZBURGER FESTSPIELE 2019: FOTOPROBE "JEDERMANN"

SALZBURGER FESTSPIELE 2019: FOTOPROBE "JEDERMANN"

Philipp Hochmair wurde im Vorjahr von Kritik und Publikum als Jedermann-Einspringer hoch gelobt – wie groß war die Verführung, mit ihm weiter zu arbeiten? Kann er ein künftiger Jedermann sein?

Ich habe Philipp Hochmair sehr gedankt, dass er in dieser schwierigen Situation so kurzfristig eingesprungen ist. Ich weiß, was das bedeutet, und wir haben das alle gemeinsam mit dem Ensemble wunderbar geschafft. Das war ein Erlebnis und eine wirklich außergewöhnliche Aufgabe.

Fließen Erfahrungen von den Vorstellungen mit Hochmair in die – ja immer in Bewegung befindliche – Jedermann-Inszenierung ein?

Es fließen die Erfahrungen beinahe eines Jahrhunderts in die Jedermann Inszenierung ein! Und jede Schauspielerin, jeder Schauspieler spinnt an diesem Faden weiter. Das macht den Jedermann zu einer unvergleichlichen Institution.

Wie verhindert man als Schauspielchefin, dass das Sprechtheater in Salzburg nur an zweiter oder dritter Stelle hinter Oper und Konzerten gesehen wird?

Mit Qualität.

Denken Sie über die Erwartungen des Publikums nach?

Das Publikum ist in jeder Vorstellung ein Partner wie auch in meinen Überlegungen. Meine wichtigste Maxime ist, das Publikum nicht zu unterfordern. Max Reinhardt sagt: „Nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Zuschauerraum müssen die Besten sein, wenn das vollkommene Wunder entstehen soll, dessen das Theater an glücklichen Abenden fähig ist.“ Das beschreibt das Zusammenspiel, und wenn dies gepaart ist mit Offenheit und Emphase, dann gewinnt das immer über fixe Erwartungen.

Wann sagen Sie: Die Saison ist uns geglückt?

Wenn wir überraschende, spannungsvolle Theaterabende erlebt haben, die Literatur in Leseabenden aufblüht und alle anderen Formate uns erstaunt zurücklassen. Wenn das Publikum diskutiert und applaudiert – und alle gesund bleiben!

Ist der Festspielgedanke in Zeiten von Internet, Facebook usw. noch zeitgemäß?

Ja! Das analoge Aufeinandertreffen, gemeinsame Genießen oder Ärgern, der Austausch von Erlebtem an einem im besten Falle lauen Sommerabend – dafür gibt es keinen Ersatz.

Wir leben in Zeiten, in denen die Menschlichkeit gefährdet scheint. Was kann Kunst in diesem Zusammenhang leisten?

Das Leben und den Menschen in seiner Zerbrechlichkeit, Grausamkeit, Schönheit und Vitalität zeigen. Keine billigen Lösungen präsentieren, Empathie auslösen.

Sie sind die erste Frau in der Funktion als Schauspielchefin. Öffnet sich die gläserne Decke in der Kunst langsam?

Langsam, ja, das ist die richtige Bezeichnung. Doch Frauen in allen künstlerischen Positionen werden mit ihrem Können dafür sorgen, dass diese Decke verschwindet. Um diesen Prozess zu beschleunigen müssen wir sehr aufmerksam bleiben: Der Backlash lauert überall!

Wie wird künftig die Zusammenarbeit mit Martin Kusej und dem Burgtheater sein?

Konstruktiv, fruchtbar und freudvoll.

Sie haben auch Anthropologische Psychologie studiert. Wie wichtig ist Kunst für die Entwicklung des Menschen?

Das stimmt. Im zweiten Nebenfach neben Germanistik und Philosophie. Kunst ist Menschenbildung. Sie vermittelt uns in jedem Alter, dass es neben unserem Alltag eine andere Dimension gibt, die den Geist befeuert, von der Freiheit kündigt, die Seele erfüllt und animiert.

Sie haben heuer vier sehr unterschiedliche Produktionen im Schauspielangebot, unterschiedliche Stile, unterschiedliche Stoffe… ist das eine bewusste Entscheidung?

Es ist mir wichtig in Salzburg zu zeigen, wie unterschiedlich die Handschriften in der darstellenden Kunst sind und wie hier und heute neue Dramatik und Stücke aus dem dramatischen Kanon interpretiert und künstlerisch verhandelt werden, zum Beispiel anhand der Uraufführung von Thersia Walsers „Die Empörten“.

Der außergewöhnliche Künstler Kornél Mundruczó überprüft mit „Liliom“ eine ungarische und – durch die Übersetzung von Alfred Polgar – auch österreichische Legende.

Der große Thomas Ostermeier widmet sich dem hochpolitischen Stoff „Jugend ohne Gott“ von Ödön von Horváth in seiner unbestechlichen Art und mit seinem tollen Ensemble.

Und mit Evgeny Titov wird ein jüngerer Regisseur auf der Perner-Insel nach der krankheitsbedingten Absage von Mateja Koležnik seine Sicht auf Maxim Gorkis hochbrisante Gesellschaftsanalyse zeigen und bekommt so die Möglichkeit, sich einem internationalen Publikum vorzustellen.

Die Stücke haben eines gemeinsam: Sie scheinen direkt zu uns Menschen von heute zu sprechen. Sehen Sie das auch so?

Das Thema des diesjährigen Sommers ist das Echo der Mythen. Im Schauspiel fokussieren wir uns auf das, was wir, der Mensch nach der Aufklärung, im Gegensatz zu dem antiken Menschen, der ganz von der Macht des Schicksals respektive der antiken Götter abhängig war, mit seiner Verantwortung macht und wie er zu seinen Göttern steht – falls er noch welche hat.

Österreich erlebt derzeit viele ungewohnte Dinge in der Politik: Eine Regierung wird per Misstrauensantrag abgesetzt, eine Expertenregierung ist im Amt, im Parlament gibt es „freies Spiel der Kräfte“. Inwieweit spiegelt sich das in der Kultur, in den Festspiel-Produktionen?

Wir planen zeitlich weit voraus. Das heißt, dass ich Stücke und Stoffe nicht aufgrund der Tagespolitik auf den Spielplan setze, aber sehr wohl in einem politischen Kontext. Die Künstler und Künstlerinnen nehmen alles auf, was momentan in Österreich passiert. Und das fließt in sehr unterschiedlichen interpretatorischen Formen ein, alleine dadurch, dass das Bewusstsein dafür geschärft ist.

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