Kultur | Medien
10.08.2018

Hochmair als "Jedermann": „Wie ein Ruf in eine andere Welt“

Im Interview spricht er über Leben nach dem Tod, Gefahren und Glück am Domplatz, die Kunst frei zu sein und die Droge Bühne.

Den „Jedermann“ gab Philipp Hochmair erstmals 2013 bei den Salzburger Festspielen als Einmannstück für eine Koproduktion mit dem Hamburger Thalia Theater. Daraus generierte er seine eigene Performance. „Jedermann – reloaded“ zeigt das Stück vom Leben und Sterben des reichen Mannes als Rockkonzert und wurde im deutschen Sprachraum zum Erfolg. Diesen Sommer springt er für den erkrankten Jedermann-Darsteller Tobias Moretti in Salzburg ein.

War es ein Schock oder eher eine Bestätigung für Ihr Schaffen, als Sie Bettina Hering, die Schauspieldirektorin der Salzburger Festspiele, gefragt hat, den „Jedermann“ so kurzfristig zu übernehmen?

Philipp Hochmair: Ich habe absurderweise in der Sekunde zugesagt. Ich wusste gar nicht, was auf mich zukommt. Das erste, woran ich dachte, war, wo bekomme ich rasch eine lange Hose und geschlossene Schuhe. Denn ich saß gerade in Flipflops und Shorts bei einer Affenhitze mit meiner Band, (die Elektrohand Gottes, Anm.) in Dresden in einem Studio und arbeitete am Feinschliff der Platte für mein Projekt „Jedermann – reloaded“. Räumlich war ich zwar weit weg von Salzburg, aber inhaltlich war ich dem Stück ganz nahe. Das war ein Glück.

Was haben Sie empfunden, als Sie den Domplatz als „Jedermann“ betreten haben?

Als die Glocken geläutet haben und ich gemerkt habe, dass es losgeht, war ich sehr ergriffen. Die Arena war voll, ich musste raus, wie ins Kolosseum. Das war ein Ruf in eine ganz andere Welt.

Haben Sie den Ort überhaupt wahrnehmen können?

Auf der Bühne muss man alles wahrnehmen können. Ich kannte die Wege nicht, ein Viertel des Textes, der nicht in meiner Fassung war, und meine Bühnenwege wurden mir über Kopfhörer eingesagt. Die Hauptsache war für mich, dass ich niemandem und auch mich nicht verletze. Das ist sehr gefährlich. Man darf nicht in einen Rausch verfallen und sich treiben lassen. Der erste Satz, den man mir gesagt hat, war: „Öffne dein Herz, aber pass auf dich auf“.

Haben Sie daran gedacht, dass Sie einmal diese Rolle am Domplatz übernehmen werden, als Sie Ihre Solo-Performance in Salzburg gaben?

Nie. Das war eine Koproduktion mit dem Thalia Theater in Hamburg. Als diese abgespielt war, gründete ich meine Band, um es als Rock-Konzert aufzuführen. Der Höhepunkt für mich war diese Saison am Burgtheater. Das Haus war ausverkauft. Im Herbst gibt es wieder Termine. Mein Projekt wurde zur Erfolgsstory.

Wer ist dieser „Jedermann“ für Sie?

Den „Jedermann“ als psychologische Figur gibt es nicht. Es geht um das Memento mori, um die Erinnerung, dass du einmal stirbst. Wie prägt einen das, wenn man fünf Jahre mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert ist? Es ist ein Geschenk, das immer wieder neu erleben zu dürfen.

Wie leben Sie mit dem „Jedermann“?

Freier. Man erkennt, dass man jede Sekunde tot sein könnte.

Ist der Druck, dass Sie den „Jedermann“ diesen Sommer von einem Giganten wie Tobias Moretti übernehmen, größer, als bei Ihrem Monolog in Salzburg?

Nein, ich durfte einspringen, und es hat geklappt.

In Salzburg hat der „Jedermann“-Darsteller einen Sonder-Status. Spüren Sie das schon?

Nein, aber ich freue mich, dass es jetzt eine Verbindung zwischen den „Vorstadtweibern“ und dem „Jedermann“ gibt. Das wird zu einem Flow.

Sie haben die „Jedermann“-Aufführungen auf dem Domplatz einmal nicht so spannend genannt. Wie denken Sie jetzt darüber?

Das sah ich damals so, weil ich mich für modernes Theater interessiere. Ich sehne mich nach Abstraktionen.

Sehnen Sie sich manchmal nach dem Theater, nach der Burg?

Ich habe mit dem klassischen Theaterbetrieb abgeschlossen, weil ich Film machen möchte, auch international. Aber Theaterspielpläne lassen sich mit Drehplänen meist nicht vereinen. Man muss Prioritäten setzen. Die Bühne liebe ich, ist aber im Moment nicht realisierbar.

Gibt es trotzdem Gespräche mit dem künftigen Burgtheater-Chef Martin Kušej?

Es gibt Ideen, es gibt Gespräche.

Sie haben mit den größten Regisseuren wie Peter Zadek gearbeitet, Faust, Hamlet gespielt und jetzt den Jedermann. Fühlen Sie sich am Zenit?

Es gibt keinen Zenit. Es ist eine große Freude, eine Belohnung, dass das so funktioniert. Denn meine Termine fügen sich so ideal in letzter Zeit. Natürlich gibt es auch Durststrecken, wo nichts passiert. Aber da gilt es, Ruhe zu bewahren und Vertrauen zu haben, dass etwas kommen wird.

Wann erlebten Sie die letzte Durststrecke?

Als ich erfahren habe, dass ich in nächster Zeit in „Vorstadtweiber“ stillgelegt werde, war das ein Schock, denn ich liebe diese Serie.

Haben Sie manchmal Existenzängste?

Ich lebe auf sehr leichtem Fuß, ich besitze nichts. Vielleicht habe ich von „Jedermann“ gelernt, dass Besitz zum Verhängnis werden kann. Ich wollte immer so frei leben, dass mich kein Intendant zu etwas zwingen kann, das mir keine Freude macht. Ich möchte immer zu hundert Prozent zu meiner Arbeit stehen können. Nur dann wird sie gut. Um sich auf etwas spezialisieren zu können, braucht man absolute Freiheit. Diese habe ich mir erkämpft.

Haben Sie auf dem Salzburger Domplatz ein besonderes Lampenfieber?

Die Hauptfrage ist für mich, wie ich mit meinen Energien umgehe. Daraus entsteht eine Art Angst, aber auch die Hoffnung, dass alles gut geht.

Empfinden Sie manchmal Angst vor Erschöpfung?

Ich passe auf mich auf. Ich stellte meine Ernährung um und gönne mir Auszeiten. Ich hatte oft 25 Vorstellungen im Monat. Da wird man süchtig nach diesem Spielzustand. Aber andererseits ist meine Arbeit auch Urlaub. So etwas Beglückendes, wie ich es gestern auf dem Domplatz erlebt habe, kann man mit keiner Droge, mit keinem Wein erreichen. Es ist anstrengend, aber beglückend.