Kultur
04.12.2017

"Ring" im Theater an der Wien: Leere Kilometer beim Ringelspiel

Richard Wagners "Trilogie" im Theater an der Wien wirft mehr Fragen auf als Antworten zu geben.

Es ist vollbracht. Wien hat einen neuen "Ring". Oder besser gesagt das, was von Richard Wagners Tetralogie im Theater an der Wien übrig geblieben ist. Bekanntlich wollten Regisseurin Tatjana Gürbaca, Dirigent Constantin Trinks und Dramaturgin Bettina Auer Wagners Mammutwerk neu denken, auf drei Tage reduzieren, jeden Abend eine andere Person ins Zentrum rücken und in Rückblenden mit einer anders montierten Szenenabfolge die Geschichte erzählen.

Das ist teils geglückt, teils furchtbar schiefgegangen, denn der Mehrwert des Unterfangens bleibt gering. Stringent noch Teil eins, der die Ereignisse aus Hagens Sicht schildert. Weniger überzeugend Teil zwei, der Siegfried in den Mittelpunkt stellt. Enttäuschend Teil drei, der sich auf Brünnhilde fokussiert.

Munter haben Gürbaca, Trinks und Auer Szenen wie Zeiten gemischt und die musikalische Abfolge geändert. So endet "Hagen" etwa mit dem Finale des zweiten Aktes der "Götterdämmerung", was sich am dritten Abend bei "Brünnhilde" rächt.

Sand im Getriebe

Denn vor dem komplett gespielten finalen Aufzug aus "Götterdämmerung" steht nur Brünnhildes Anklage gegen Siegfried. Der Beschluss, den Helden zu töten, fällt weg. Diese Sequenz hat man eben schon in " Hagen" verbraten. Ein Beispiel von mehreren, wo Sand im Wagner-Getriebe ist. Andere Neu-Konstellationen gehen sich wiederum aus; die musikalischen Bruchstellen sind da noch ein kleineres Problem.

Originalitätszwang

Aber: Wer den " Ring des Nibelungen" nicht kennt, hat keine Chance zu verstehen, worum es geht. Für sich allein kann höchstens "Hagen" bestehen. Und wer den "Ring" wirklich gut kennt, wird aus dieser Readers-Digest-Collage der Marke "Wir wären gerne originell" auch nicht viel schlauer. Denn die unzähligen Verästelungen und sinnvollen Bezüge der Tetralogie bleiben leider auf der Strecke. Leere Kilometer also.

Auch szenisch ist Regisseurin Gürbaca unentschlossen. Übt sie sich auf der klug gedachten, wandelbaren Kubus-Drehbühne (Henrik Ahr) anfangs noch in Castorf-Zitaten mit allen programmierten Aufregern, so verlässt sie diesen (durchaus gangbaren) Weg sukzessive.

Läppische Lösung

Der finale Weltenbrand – der tote Siegfried liegt auf dem Seziertisch, das übrig gebliebene Personal versammelt sich im Kubus, der sich in die Bühnentiefe dreht – findet de facto gar nicht statt. Dass Klein-Hagen (ja, die traumatisierten Kinder!) am Ende der kleinen Brünnhilde die Hand reicht, ist fast schon läppisch, passt aber ins Bild der zunehmenden szenischen Reduktion. Ist Gürbaca letztlich der Atem ausgegangen?

Einigen Sängern passiert nämlich genau dies. Etwa dem bemitleidenswerten Daniel Brenna, der binnen 24 Stunden den Jung-Siegfried und großteils auch den "Götterdämmerung"-Siegfried tenoral stemmen muss. So etwas kann stimmlich nicht gut gehen. Ingela Brimberg hat es als Brünnhilde nur eine Spur leichter; die Sopranistin meistert die Herausforderung aber gut und mit dramatischem Aplomb.

Exzellent sind Bassbariton Samuel Youn als starker Hagen, Martin Winkler als Urgewalt eines Alberich und Marcel Beekman als köstlich-keifender Mime. Stefan Kocan ist ein tadelloser Hunding und Fafner. Ann-Beth Solvang, Daniel Johansson und Kristján Jóhannesson sind als Waltraute, Siegmund und Gunther eine Möglichkeit; Liene Kinca als Sieglinde und Gutrune eher nicht. Michael J. Scott gibt im 70er-Jahre-Outfit (Kostüme: Barbara Drosihn) einen soliden Loge und Mirella Hagen einen zwitschernden Waldvogel. Bieder die Rheintöchter; sehr gut der Arnold Schoenberg Chor. Dass Aris Argiris als Wotan hier zu einer Randfigur wird, ist kein Nachtteil.

Engagiert, wenngleich mit einigen Irritationen agiert das ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter der nicht immer ("Rheingold", "Walküre") inspirierten Leitung von Constantin Trinks. Am Ende steht vor allem die Erkenntnis: Nicht alles, was ein Ring ist, muss auch glänzen.