Kultur
07.08.2017

Regisseurin Chadha: "Gandhi war damals schon alt"

Vor 70 Jahren wurde Indien unabhängig und geteilt. Regisseurin Chadha über Briten, Pakistan und Muslime.

Ihren Namen kennt man nicht, doch jeder kennt ihre Filme: "Kick it like Beckham", zum Beispiel: Der Brit-Komödien-Hit von 2002 über Fußball spielende Mädchen verhalf Keira Knightley zum internationalen Durchbruch. Die Regisseurin dazu heißt Gurinder Chadha, Jahrgang 1960, und ist britische Filmemacherin mit indischen Wurzeln. Mit ihrem neuen, farbenprächtigen History-Film "Der Stern von Indien" (Kinostart: Donnerstag) hat Chadha einen sehr persönlichen Film vorgelegt, in dem sie von der Teilung von Indien und Pakistan erzählt.

Im Jahr 1947 soll der Brite Lord Mountbatten (Hugh Bonneville) und seine Frau Edwina (Gilian Anderson) die britische Kronkolonie in die Unabhängigkeit entlassen. Doch ein Bürgerkrieg zwischen Hindus und Muslimen droht, und der Führer der Muslimliga Muhammad Ali Jinnah (Denzil Smith) schlägt die Teilung des Landes und die Gründung eines muslimischen Pakistans vor.

Die Teilung führte zu einer der größten Fluchtbewegungen der Geschichte. Zehn Millionen Hindus und Sikhs wurden aus Pakistan vertrieben, etwa sieben Millionen Muslime aus Indien. Rund eine Million Menschen kamen dabei ums Leben.

KURIER:Frau Chadha, inwiefern ist "Der Stern von Indien" für Sie ein persönlicher Film?

Gurinder Chadha:Ich bin in London aufgewachsen, doch meine Familie kommt ursprünglich aus dem Vorgebirge des Himalaja im Punjab, der nach der Teilung 1947 in Pakistan lag. Obwohl ich also in London lebe – eine Stadt, die ich liebe – hatte ich doch immer das Gefühl, dass ich hier keine Wurzeln habe. Bis auf den heutigen Tag ist es schwierig für mich, zu dem Ursprungsort meiner Vorfahren zurück kehren, weil ich kein Visum für Pakistan besitze.

Gab es einen konkreten Anlass für Sie, die Orte Ihrer Großeltern aufzusuchen?

Ja, ich habe eine Episode für die BBC-Show "Who do you think you are?" ("Wer glaubst du, dass du bist?") gedreht. Es geht darin um die Suche nach den eigenen Vorfahren, und das habe ich zum Anlass genommen, in den Punjab zu reisen. Meine Großmutter und einige meiner Onkeln und Tanten lebten dort, als die Teilung stattfand. Als ich für die BBC-Show das Haus besuchte, war das ein trauriges Erlebnis. Meine Großmutter musste von dort nach Indien flüchten, während fünf Familien, die bis heute in diesem Haus lebten, nach Pakistan kamen. Diese Situation machte die Teilung von 1947 sehr real für mich.

Wie viel wussten Sie selbst über die historischen Hintergründe für die Teilung?

Ich bin in dem Glauben aufgewachsen, die Teilung sei "unsere" Schuld gewesen. In den englischen Schulen wird gelehrt, dass Lord Mountbatten nach Indien geschickt worden war, um das Land in die Freiheit zu übergeben. Aber weil dort alle miteinander so zerstritten waren, hatte er keine andere Wahl als das Land zu teilen. Nachdem ich mich näher mit der Situation beschäftigt habe, wurde mir klar, dass die Teilung im Interesse unterschiedlicher politischer Kräfte lag.

In Ihrem Film legen Sie nahe, dass Lord Mountbatten nicht ahnte, dass Churchill von vornherein konkrete Pläne für die Teilung hatte.

Ich glaube, Mountbatten wusste anfänglich tatsächlich nicht, was wirklich vorging. Aber genau aus diesem Grund hatte man ihn hingeschickt: Er war ja kein "gelernter" Politiker, sondern ein Adeliger, der Cousin des Königs. Man glaubte, die Inder würden es schätzen, wenn ein so nobler Mann die Sache in die Hand nimmt. Tatsächlich aber wurde er dazu benutzt, um die Teilung möglichst glatt über die Bühne zu bringen und dann die "Schuld" dafür auf sich zu nehmen. Hinter den Kulissen tobte der Kalte Krieg, die Menschen hatten Angst vor Stalin, und die Briten und die Amerikaner fürchteten, nach der Rückgabe könnte Indien kommunistisch werden.

Wie realistisch war die Option, dass Indien ein Land blieb?

Heute leben mehr Muslime in Indien als in Pakistan, und mehr Muslime blieben damals in Indien als nach Pakistan auswanderten. In dieser Hinsicht hatte Gandhi recht: Er meinte, wenn die Politiker die Teilung nicht akzeptieren würden, dann würde sie auch nicht stattfinden. Allerdings wusste man zu diesem Zeitpunkt nicht, dass Jinnah (Gründer von Pakistan, Anm.) bereits Gespräche mit Churchill führte. Ich glaube, Churchill hat Gandhi seinen Freiheitskampf nie verziehen, weil er der Anfang des Endes vom britischen Empire bedeutete. Außerdem mochte Churchill die Muslime: Sie hatten ihn in beiden Weltkriegen unterstützt und er fühlte sich ihnen gegenüber loyal. Aber natürlich war es auch in seinem strategischem Interesse, mit Pakistan ein Land mit militärischer Basis als Verbündeten zu haben. Jinnah ließ sich auf den Handel mit den Briten ein, aber wie ich in meinem Film zeige, bekommt er nur die Hälfte des Landes, das man ihm versprochen hatte. Am Ende wurde auch er über den Tisch gezogen, während die Briten genau das bekamen, was sie wollten.

Wie schätzen Sie Gandhis Einfluss auf die Teilung ein?

Gandhi war damals schon alt und verzweifelte an den Kämpfen innerhalb der Bevölkerung. Er war in zahlreiche Hungerstreiks getreten, aber er schaffte es nicht, die Politiker von seiner Position zu überzeugen. Am Tag der Teilung weigerte er sich zu sprechen. Das war mir für meinen Film auch wichtig: Zu zeigen, dass er zu diesem entscheidenden Moment geschwiegen hat. Wenn er ein klares Nein gesprochen hätte, wer weiß, was passiert wäre.

Trotz allem kommen die Briten bei Ihnen überraschend gut weg. Warum?

Ich glaube, es wäre ein Leichtes gewesen, einen britischen Bösewicht in meinem Film zu haben, aber für mich stellt sich die Sache komplexer dar. Manche meiner britischen Freunde fühlten sich schuldig, nachdem sie "Der Stern von Indien" gesehen hatten – aber das ist nicht meine Aufgabe. Mir ist wichtig zu erzählen, was wirklich geschah und warum. Ich wollte auch zeigen, wie Geopolitik funktioniert: Alle glaubten, das Richtige für die eigenen Leute zu tun, aber niemand dachte daran, was das für die normalen Menschen bedeuten würde. Es gab auch keinen Plan, als das totale Chaos ausbrach. Außerdem wird immer so getan, als wäre die Gewalt zufällig. Es gab marodierende Banden und Landraub und Gewalt – aber das war alles politisch motiviert. Und die Engländer waren immer noch verantwortlich für alles und haben sich nicht darum gekümmert. All diese Dinge wollte ich zeigen – und das war mir wichtiger als ein britischer Bösewicht.