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Kultur
05/08/2021

Castorf: "Ich habe die Aufgabe, undankbar zu sein"

Der deutsche Starregisseur über Charles Gounods „Faust“, Melancholie, Politik, Mick Jagger, die Kunst des Widerspruchs und die Sehnsucht nach neuen Utopien

von Peter Jarolin

Radikal und genial, verstörend und betörend – mit diesen Worten hat der Autor dieser Zeilen die Fernsehpremiere von Charles Gounods Oper „Faust“ in der Inszenierung von Frank Castorf im Haus am Ring gewürdigt. Morgen, Sonntag, kann sich das Publikum via ORF III (20.15 Uhr) selbst ein Bild von dieser Produktion machen. Und noch im Mai auch live im Haus am Ring: Am 19. Mai eröffnet die Staatsoper mit der Produktion den Bühnenbetrieb.

Im KURIER-Interview mahnt Castorf, langjähriger Intendant (1992 bis 2017) der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, vor allem den Mut zum Widerspruch ein.

KURIER: Wie haben Sie die Premiere von „Faust“ in der fast leeren Staatsoper empfunden?

Frank Castorf: Ohne Publikum macht es mich nicht ganz froh. Theater lebt von der Spannung des Dialogs, des Riechens, des Ansehens, des Fühlens. Wenn ich da an Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ in Bayreuth denke – so viele Bravos und Buhs! Ich habe mich da gefühlt wie Mick Jagger. Das hat wahnsinnig viel Spaß gemacht.

Ihr „Faust“ spielt in Paris und spart nicht mit Kapitalismuskritik und nimmt sich sogar des Algerienkriegs an ...

Die Kulturhauptstadt des 19. Jahrhunderts war Paris, mit all der Melancholie des Großstadtmenschen. Und bereits Walter Benjamin hat gesagt: Der letzte Strich des Flaneurs ist das Warenhaus. Es geht um kaufen, kaufen, kaufen! Und Charles Baudelaire sagt: Die letzte Reise des Flaneurs ist der Tod. Insofern gehen wir auch über zum Algerienkrieg, einem der grausamsten Kolonialkriege überhaupt. Ich halte das für wunderbare Polemiken gegen die Scheinheiligkeit unserer Zeit. Dazu kommt noch Arthur Rimbaud. Und zum Kapitalismus: Berlin ist berüchtigt für seinen juvenilen Kapitalismus, dabei ist es eher ein müder großväterlicher Kapitalismus.

Mögen Sie Polemiken?

Ich wurde einmal gemahnt: Aber Frank, du bist doch nicht gegen den Weltfrieden? Doch, bei so einer Frage bin ich gegen den Weltfrieden! Das ist eine Polemik. Ich werde im Burgtheater im Herbst „Zedènk Adamec“ von Peter Handke auf die Bühne bringen. Der Jugoslawienkrieg war auch ein fürchterliches Ereignis des 20. Jahrhunderts. Handke hat sich darüber Gedanken gemacht. Wenn er sich aber als Autor nicht auch Gedanken machen darf, dann bin ich schon wieder gegen den Weltfrieden, wie auch gegen die Weltordnungskriege sowie gegen den Erz - und Turbokapitalismus.

In Österreich, aber vor allem in Deutschland gibt es gerade Diskussionen über die Aktion „allesdichtmachen“ ...

Wenn in Deutschland ein Sozialdemokrat, ich wiederhole ein Sozialdemokrat, nach Berufsverbot für einen „Tatort“-Kommissar (Jan Josef Liefers, Anm.) schreit, weil der eine eigene Meinung hat und diese geäußert hat, und so etwas durchgeht, dann hat sich Angela Merkels DDR endgültig durchgesetzt. Dann ist die Demokratie gescheitert. In Deutschland schreien alle nach Verboten. Auch die Philosophen. Ich finde, das ist ein sehr zynischer Ansatz.

Sie selbst wurden in der DDR quasi sozialisiert ...

Ja, aber ich habe einen Widerstandskomplex. Widersprechen ist das A und O. Ich war latenter Anti-Kommunist als es den Kommunismus gab. Und ich wurde erst Kommunist, als der Kommunismus tot war. Ich habe eine Hochachtung vor der menschlichen Widerstandskraft, auch im Zweiten Weltkrieg, also etwa vor Titos Partisanen.

Sie sind Künstler und können sich daher durch ihren Beruf auch viel erlauben ...

Wir alle leben auf der Sonnenseite, aber immer mit der Angst vor der Dunkelheit. Doch ich bin kein Sensor für Dankbarkeit. Ich bin Künstler, also muss ich nicht dankbar sein! Ich habe die Aufgabe als Künstler undankbar zu sein gegenüber den Erwartungshaltungen einer Gesellschaft. Ich sublimiere alles durch Kunst. Sonst wäre ich wohl zur RAF gegangen. Hätte man Ulrike Meinhof kapitalistisch besser korrumpiert, wäre sie vielleicht nicht zur Terroristin geworden.

Welche Utopien haben Sie?

Jene, die von einer gewissen Melancholie getragen sind. Die Welt und die Politik sind panisch und hektisch geworden. Parteien sind kaum unterscheidbar. Das Einzige was alle eint, ist der Wille zur Macht. Das ist erschütterend. Daher ist Kunst ein Freiraum, wo man Utopien, die längst gestorben sind, wieder beleben kann. Das ist ein Privileg.

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