© Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Kritik
04/30/2021

Castorfs "Faust" an der Staatsoper: Was für ein teuflisch guter Zauber

Charles Gounods „Faust“ als grandiose, aber hoffentlich auch als letzte reine Fernsehpremiere (9. Mai, 20.15 Uhr, ORF III) in der Regie von Frank Castorf und in Top-Besetzung.

von Peter Jarolin

Radikal und genial, verstörend und betörend – auf diesen Nenner lässt sich die fast neue Produktion von Charles Gounods „Faust“ im Haus am Ring bringen. Fast neu, weil Regisseur Frank Castorf diesen „Faust“ bereits 2016 an der Oper Stuttgart herausgebracht hat. Wiens Operndirektor Bogdan Roščić hat sie im Rahmen der Erneuerung des Repertoires dankenswerter Weise geholt, und Castorf hat seine grandiose Interpretation des Faust-Mythos vor Ort neu einstudiert. Was man hier zu sehen und zu denken bekommt – wenige Medienvertreter waren zugelassen – ist schlicht sensationell.

Bildgewaltig

Denn Castorf wäre nicht Castorf, wenn er eine Geschichte einfach ganz konventionell oder gar bieder erzählen würde. Nein, der deutsche Regiegigant hält szenisch spielerisch leicht mehrere Bälle in der Luft, jongliert virtuos mit Goethe, Gounod, Ideologien und Zeitebenen. Wie immer bildgewaltig mit (vorgefertigten) Videos und stets präsenten Live-Kameras (Tobias Dusche/Daniel Keller), die bildgewaltige Close-ups und visuelle Effekte ermöglichen.

Bühnenbildner Aleksandar Denić hat dafür eine kleine Drehbühnenstadt ersonnen, die Paris in vielen Facetten und auf noch mehr Ebenen widerspiegelt. Ein Telefonzelle, ein Cola-Automat, ein abgetakeltes Billig-Café in den Banlieues und die Metrostation Stalingrad (die gibt es in Paris wirklich) sind die „realen“ Theater-Schauplätze. Auf den Leinwänden aber passiert anderes.

Algerienkrieg

Da nämlich zeigt Castorf von historischen TV-Werbungen für eine „heile“ Familienidylle über Sexsymbole wie Brigitte Bardot, das einst mit Hitlers Nazi-Deutschland kollaborierende Vichy-Regime, bis zu Präsident Charles de Gaulle, den von Autos befahrenen Prachtboulevards oder dem Algerienkrieg. Dazu hat Castorf Texte von Bert Brecht und Arthur Rimbaud auf die Leinwände gebracht, und es wird auch rezitiert, sogar Emile Zolas „Nana“ hat ihren Platz.

Voodoo

Das klingt alles überfrachtet? Ganz und gar nicht. Denn Castorf ist szenisch so nah an Goethe und an Gounod und an den beiden innewohnenden Ideen, wie selten ein Regisseur dieses Werkes. Mephisto als tätowierter Voodoo-Priester, der seine Nadeln erst nur in Puppen sticht, später aber das Messer in den Rücken von Valentin sticht, da Faust zu unfähig ist, diesen mit einem Maschinengewehr zu erschießen.

Dieser Faust wiederum ist anfangs nur ein alter Clochard, der nach seiner Wandlung zum Jüngling aber flott zum Verführer in Anzug und T-Shirt mutiert. Die Hauptfigur Margarethe ist eine eher billige Prostituierte mit Hang zum Höheren und Neigung zu alkoholischen Getränken. Daher auch ihre Visionen von Glück und Schönheit. Doch in der Telefonzelle, die sie frequentiert, heißt es wohl: Kein Anschluss unter dieser Nummer. Und in der berühmten Gebetsszene – nach einer Fehlgeburt – sind Schlangen ihre Begleiter am Altar.

Valentin ist bei Castorf ein massiv traumatisierter Algerienkriegheimkehrer, der auf die weißen Kachlen der Metrostation schreibt: „Algerien ist französisch!“ Er stirbt dennoch nicht als Held. Dass Kate Lindsey (gut) in der Hosenrolle des Siebel eine Frau sein darf, ist ein toller Kunstgriff, der auch allerlei sexuelle Assoziationen erlaubt.

Ja, Tradionalisten werden mit dieser Glitzerwelt (Kostüme: Adriana Braga Peretzki) vielleicht ihre Probleme haben. Aber so nah am Text und an der Musik – was für eine Personenführung! – war Castorf in seinen Arbeiten selten.

Offenbarung

Musikalisch aber ist dieser „Faust“ eine Offenbarung. Da wäre einmal Juan Diego Flórez in der Titelpartie, der sich eben ein neues Repertoire ersingt. Optisch ideal, vokal mit allen Höhen gesegnet, jedoch auch mit Dramatik ausgestattet. Nicole Car ist eine intensive und hochdramatische Margarethe, die stimmlich keine Wünsche offenlässt lässt. Ein pures Ereignis: Der junge polnische Bassist Adam Palka als ein in jeder Hinsicht charismatischer Mephisto. Ein phänomenaler Singschauspieler, dem sicher die Zukunft gehört. Bitte auch immer wieder in Wien!

Stützen

Étienne Dupuis ist ein extrem starker und szenisch aufgewerteter Valentin; Monika Bohinec gibt eine mehr als glaubhafte Marthe. Und der Chor der Staatsoper (Einstudierung: Thomas Lang) darf ohnehin zu den Stützen des Hauses gezählt werden.

Wie auch das sehr philharmonisch besetzte Orchester, das unter dem brillanten Dirigat von Bertrand de Billy seelenvoll und mit viel Freude aufspielt. De Billys „Faust“ ist melodisch unglaublich ausbalanciert, nuanciert, beinhaltet aber auch die der Oper immanente Dramatik. Fazit: So geht Musiktheater. Bitte ab 19. Mai auch vor Publikum!

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.