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Interview
02/08/2020

Produzent Braunsberg: "Polanski hat sich mit Dreyfus identifiziert"

Hollywood-Produzent Andrew Braunsberg im Gespräch über seinen Freund Roman Polanski, #MeToo und den Film "J’accuse – Intrige".

von Gabriele Flossmann

Die Ankündigung des neuen Films "J'accuseIntrige" von Roman Polanski im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig sorgte für große Aufregung und eine mediale Empörungswelle im Vorfeld. Polanski selbst war dem Festival ferngeblieben. Seine Frau Emmanuelle Seigner – sie spielt im Film auch mit – nahm stellvertretend für ihren Mann den Preis der Jury entgegen.

Der Grund für Polanskis Fernbleiben und für die Proteste rund um seine Person: 1977 wurde er angeklagt, er habe Geschlechtsverkehr mit einer Minderjährigen gehabt. Da ihm bis heute die Auslieferung in die USA droht, reist Polanski nur noch selten. Im Verlauf der #MeToo-Bewegung, waren zwei Vergewaltigungs-Vorwürfe noch einmal aufgerollt worden, obwohl die beiden Frauen ihm – eigenen Aussagen nach – verziehen hätten.

In der Empörungsspirale, die schon die Nennung seines Namens auslöse – so Polanski – wären derartige Fakten aber untergegangen. Überhaupt schwingt in „J'accuseIntrige“ (derzeit in den Kinos) sehr viel Gegenwart mit, auch der Fall Polanski.

Farce

Der Film handelt von der Dreyfus-Affäre: Ein unschuldiger Offizier wird wegen Hochverrats verurteilt, um den wirklichen Verräter in der französischen Armee zu schützen. Alfred Dreyfus ist Jude. Am 4. Januar 1895 wird er wegen Landesverrats zu öffentlicher Degradierung, Entlassung aus der Armee und lebenslänglicher Haft auf der berüchtigten „Teufelsinsel“ verurteilt. Der Prozess ist eine Farce.

Nicht nur weil Alfred Dreyfus unschuldig ist, sondern vor allem, weil seine Ankläger und Richter dies wussten. Dreyfus wurde Opfer eines antisemitischen Furors, der in Frankreich ein Vierteljahrhundert nach der Demütigung durch Preußen im Krieg von 1870/71 wütete. 

Die entscheidenden Informationen für den Freispruch kamen von Major Picquart, dem Leiter des französischen Auslandsnachrichtendienstes – eine historische Gestalt wie fast alle Hauptfiguren von Polanskis Film. Emile Zolas RomanJ'accuse“ ("Ich klage an", Anm.) spielt bei Polanski nur eine Nebenrolle. Picquart, der anachronistische „Whistleblower“ jener Tage, Spion und Verräter für die einen, Offizier und Gentleman für die anderen, erringt einen Sieg, den das System am Ende belohnt: Er wird Kriegsminister.

Nebengeräusche

Ohne die störenden Nebengeräusche rund um das Venedig-Festival wäre „J’accuse – Intrige“ nicht mehr als ein gediegener historischer Politthriller, der interessante Einblicke in die Techniken und Möglichkeiten der historischen Forensik bietet. Nur machte es Polanski es rund um die Festival-Premiere seines Films selbst ihm Wohlgesonnenen nicht gerade leicht, wenn er sich selbst mit dem unschuldig verurteilten Dreyfus gleichsetzt.

Denn der Unterschied besteht immer noch darin, dass Dreyfus unschuldiges Opfer einer antisemitischen Verschwörung wurde, während Polanski seine Tat bereits vor 40 Jahren gestanden hatte. „Technisch gesehen ist er frei“, sagt am Ende der von Jean Dujardin gespielte Major Picquart in der Rolle des Chefermittlers. „Aber er wird immer als Schuldiger betrachtet werden.“ Diesen Satz könnte Polanski selbst Picquart in den Mund gelegt haben.

Hollywood-Produzent Andrew Braunsberg ist ein langjähriger Freund Polanskis – die beiden haben u. a. für "Tanz der Vampire" zusammen gearbeitet, Braunsberg hat auch die Rechte für das Musical in Wien vermittelt. Im Interview spricht er über #MeToo und "J’accuse – Intrige" (die Filmkritik dazu lesen Sie hier).

KURIER: Der Film "J’accuse - Intrige" hatte seine Weltpremiere bei den Filmfestspielen in Venedig. Die Premiere fand ohne den Regisseur statt. Haben Sie, als langjähriger Freund von Roman Polanski, mit ihm darüber gesprochen, warum er nicht nach Venedig kam?

Andrew Braunsberg: Er kann nicht mehr reisen, seit er 2009 in der Schweiz verhaftet wurde. Davor war er durch die ganze Welt gereist, obwohl der Haftbefehl der USA gegen ihn bereits existierte. Aber seit seiner Verhaftung und dem ganzen Albtraum, den er während seiner Arrestzeit durchleben musste, ist ihm die Reiselust ziemlich vergangen. Die Schweizer haben ihn erst nach einem Jahr wieder freigelassen, nachdem sie festgestellt haben, dass die amerikanischen Behörden monatelang nur Lügen über den "Fall Polanski" verbreitet hatten. Lügen, die noch dazu auf einem Papier festgehalten waren, das Hillary Clinton als Staatssekretärin unterzeichnet hatte. Die damalige Justizministerin der Schweiz, die danach Präsidentin des Landes wurde (Eveline Widmer-Schlumpf, Anm.), gab – nachdem sie sich von der Unwahrheit der Anschuldigungen gegen Roman Polanski überzeugt hatte – eine einstündige Pressekonferenz, in der sie sich im Namen der Schweiz entschuldigte, dass Roman überhaupt verhaftet wurde und sagte ihm ein lebenslanges Asyl zu.

Gibt es noch Länder, in die Roman Polanski reisen kann?

Roman kann sich nur mehr in drei Ländern aufhalten, ohne sich einer weiteren Auslieferungsgefahr an die USA auszusetzen: Die Schweiz, Frankreich, wo er lebt, und Polen. Umso ungeheuerlicher ist es, dass die internationale Presse die Tatsache, dass er nicht zum Venedig-Festival kommen konnte, dazu benützte, die alten Geschichten noch einmal mit schrillen Schlagzeilen zu verkaufen und noch einmal die gleichen Unwahrheiten zu verbreiten, wie 2009: Geschichten über den Missbrauch eines minderjährigen Mädchens, die seit der #MeToo-Bewegung noch bösartiger verdreht werden.

Waren diese Vorverurteilungen Auslöser dafür, dass Polanski den Film über den unschuldig verurteilten Alfred Dreyfus machen wollte?

Der Wunsch, diesen Film zu machen, war noch vor seiner vorübergehenden Verhaftung in der Schweiz entstanden. Ursprünglich wollte Roman daraus einen englischen Film machen, aber er konnte das Budget von etwa 17 Millionen Euro nicht zusammenbekommen. Die Affäre Dreyfus ist ein Stück jüdischer Geschichte, mit dem wir schon in unserer frühen Jugend konfrontiert wurden. Auch Theodor Herzl, der Vater des modernen Israel, hat sich dafür interessiert und war sogar beim Prozess dabei. Er war geschockt von der offensichtlichen Ungerechtigkeit des Verfahrens. Und Roman hat sich schon lange vor seiner eigenen Affäre mit Dreyfus identifiziert.

Wie kam die französische Version des Films zustande?

Ich möchte fast sagen, dass es für Roman geradezu ein Glück war, dass der Film erst jetzt zustande gekommen ist. Denn die Thematik wird immer aktueller – und damit meine ich nicht den Bezug zum "Fall Polanski". Aber er hat sich entschieden, den Film mit einem wesentlich kleineren Budget in Frankreich zu drehen. Die Affäre Dreyfus ist der aktuellste 125 Jahre alte Skandal, der sich denken lässt. Er brachte den latenten Antisemitismus der französischen Gesellschaft zum Vorschein, der unter der Oberfläche schwelte. Er war Ausdruck einer Fremdenfeindlichkeit, wie beim Geheimdienstchef, der bei Polanski die Frage stellt, ob Frankreich überhaupt noch den Franzosen gehöre. Er endete nach Zolas Manifest "J’accuse…" im ersten großen Sieg einer bürgerlich-demokratischen Öffentlichkeit über den Korpsgeist von Institutionen wie Armee und Kirche. Er führte direkt zur Trennung von Staat und Kirche in Frankreich. Er spaltete aber auch die Gesellschaft in einem Maße, wie wir es gerade wieder erleben.

Polanski stellt in seinem Film nicht Alfred Dreyfus in den Mittelpunkt, sondern den Leiter der Sicherheitsabteilung, der immer mehr den Verdacht hat, dass Dreyfus Opfer eines antisemitischen Komplotts geworden sei. War das auch für die frühere englische Version geplant?

Nein, das hat sich erst durch ein neues Buch ergeben - eine Art historische Enthüllungsgeschichte, geschrieben von dem Engländer Robert Harris, dem Spezialisten für historische Fiktion von "Vaterland" bis "Pompeji". Dreyfus selbst wäre ja für einen filmischen Plot eher langweilig. Er selbst war keine schillernde Persönlichkeit und kam noch dazu aus einem reichen Haus. Und die Idee, dass ein reicher, junger Jude Mitglied des – was damals allgemein bekannt war - höchst antisemitisch eingestellten französischen Militärs werden wollte, ist irgendwie verrückt und würde vom Publikum auch nicht wirklich goutiert werden. Und es ist der Brillanz von Robert Harris zu verdanken, dass Roman den französischen Sicherheitschef Picquart in den Mittelpunkt stellte. Einen Mann, der selbst bekennt, dass er Juden nicht besonders mag, aber dass für ihn Gerechtigkeit vor alles geht. Er war ein verbissener Katholik, der eine Offiziers-Karriere anstrebte, aber ein Mann von großer Integrität mit Ehrgefühl. Und das sollte ja die Haltung von allen Menschen sein. Es kommt leider vor, dass jemand eine bestimmte Gruppe von Menschen nicht mag, aber das sollte auf keinen Fall dazu führen, dass man die "Anderen" – wer immer sie sein mögen – Unrecht widerfahren lässt.

Sind für Roman Polanski Gerechtigkeit und Ehrgefühl wichtige Eigenschaften?

Ja, absolut. Ich kenne Roman seit ich 21 Jahre alt war und ich war in all den Jahren in ständigem Kontakt mit ihm. Wir sind wirklich gute Freunde und ich kann sagen – da ich ihn eben wirklich gut kenne – dass er einer der moralischsten Menschen ist, den ich je getroffen habe. All die Jahre, in denen wir zusammengearbeitet und gemeinsam Filme gemacht haben, hatten wir nie einen Vertrag. Es war für ihn selbstverständlich, dass er mündliche Zusagen einhielt. Und in meinem Leben als Filmproduzent sind mir nicht viele Leute mit dieser Qualität begegnet. Und auch in unserem Freundeskreis – zu dem auch Jack Nicholson und Warren Beatty gehörten – hat er immer auf die Moral geachtet. Darauf, dass die Mädchen, mit denen wir geflirtet haben, nicht zu jung waren. Und Sie können mir glauben, dass es rund um Nicholson und Beatty immer eine ganze Schar junger Mädchen gab. Das klingt nun fast paradox, aber es war so.

Und wie konnte er dann mit dem minderjährigen Mädchen tun, was ihm bis heute vorgehalten wird?

Ich kannte das Mädchen. Unsere ganze Freundesclique kannte es – und wir kannten auch die Mutter. Roman war damals damit beauftragt, die Bilder für die Weihnachtsnummer des Vogue-Magazins zu machen. Er wollte eben dafür dieses junge Mädchen fotografieren: eine sehr junge, sehr schöne Frau, die auch sehr sexy war. Und dann ist es leider passiert… Das Mädchen ging damals nicht zur Polizei, aber die Schwester hatte ein Telefongespräch von Samantha mitgehört, in dem diese ein bisschen mit ihrer "Eroberung" prahlte – denn Roman war damals, nach "Tanz der Vampire" und "Rosemary’s Baby" sehr berühmt. Die Schwester erzählte es der Mutter – und die ging zur Polizei.

Wie haben Sie von allem erfahren?

Roman und haben damals gerade einen gemeinsamen Film vorbereitet – für das Columbia-Filmstudio - und plötzlich bekam ich einen Anruf von einem Anwalt. Er sagte, dass Polanski im Gefängnis sei. Als ich fragte, "warum?", kam die knappe Antwort: "Vergewaltigung!" Ich sagte: "Das kann nicht sein! Unmöglich!" Jedenfalls konnte man die ganze Geschichte ohnehin kurz danach in allen Medien hören und lesen. Jedenfalls kam der Fall vor Gericht, alles wurde geklärt und für abgeschlossen erklärt. Der Richter hat sich aber nicht an die Entscheidungen gehalten. Aber ich will jetzt nicht die komplizierte Geschichte noch einmal aufrollen – wir wollen ja über den Film "J’accuse" sprechen.

Polanski stellt selbst in Interviews eine Verbindung zwischen dem Fall Dreyfus und der Ungerechtigkeit, die ihm widerfahren ist, her. Wie stehen Sie dazu?

Es gibt natürlich einige Parallelen: Roman ist Jude, seine Mutter wurde in Auschwitz ermordet und er hatte Höhen und vor allem auch Tiefen in seinem Leben, die sich kaum jemand vorstellen kann.  Seine schwangere Frau Sharon Tate wurde von der Charles Manson-"Familie" brutal zu Tode gemetzelt und er hat unendlich darunter gelitten. Das soll keine Entschuldigung für sein Vergehen sein, aber eine Erklärung, warum er sich ungerecht behandelt fühlte. Das Gericht in Los Angeles hat das ja sogar eingestanden. Hat er die Tat begangen? Ja, er hat. Hat er sie gestanden? Ja, er hat. Hat er sich schuldig bekannt? Ja, er hat. Hat er sich bei dem Mädchen entschuldigt? Ja, er hat. Und was war die Reaktion der damals Minderjährigen über all die Jahre? Seit mindestens zehn Jahren verteidigt sie ihn – auch öffentlich. Hört ihr jemand zu? Offenbar nicht. Dabei ist sie inzwischen eine Frau und Mutter, die weiß, was sie tut und sagt. Man kann ihre Statements sogar auf YouTube abrufen. Aber noch einmal: Die Menschen sollen seinen Film sehen – der erzählt viel über ihn, aber noch mehr über die Menschen gestern und heute.

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