© Theater an der Wien/Monika Rittershaus

Kritik
10/15/2020

"Porgy and Bess" im Theater an der Wien: Taschentuchalarm pur

George Gershwins „Porgy and Bess“ überzeugt mit kleinen Abstrichen im Theater an der Wien.

von Peter Jarolin

Allein, dass diese Produktion überhaupt stattfinden konnte und kann (man spielt bis 24. Oktober), grenzt an ein kleines Wunder. Denn mit Gershwins „Porgy and Bess“ ist das so eine Sache. Einerseits sind die Rechte für eine szenische Aufführung recht schwer zu bekommen. Andererseits gibt es da noch George Gershwins Bestimmung, dass ausschließlich farbige Künstlerinnen und Künstler diese 1935 uraufgeführte Oper interpretieren dürfen. Und drittens ist es in Zeiten einer Corona-Pandemie alles andere als leicht, genau so einen Cast ins Theater an der Wien zu bringen.

Großartige Notlösungen

Doch dem Haus ist es gelungen. Zwar konnte die südafrikanische Cape Town Opera – auf sie hat Intendant Roland Geyer gesetzt – rund um Regisseur Matthew Wild bei Weitem nicht alles Angedachte umsetzen. Aktuelle Reisebeschränkungen erzwangen hier doch die eine oder andere (großartige) Notlösung.

Und so sind sie letztlich erfolgreich an der Wien gelandet, die Bewohner der trostlosen Catfish Row, einer Elendsgegend, die Regisseur Wild zu einer Art Flüchtlingslager umfunktioniert. In einer pyramidisch aufgetürmten Container-Siedlung (Bühne und gemeinsam mit Lejla Ganic Kostüme: Katrin Lea Tag) hausen der lahmende Porgy, die flatterhafte und drogenabhängige Bess, die kleinen Dealer und Spieler, die Christen und die dem islamischen Glauben Angehörigen. Polizeigewalt gibt es bei Wild naturgemäß auch, er stellt sie jedoch dankenswerter Weise (Stichwort: „Black Lives Matter“) niemals plakativ aus.

Großartige Stimmen

Und so läuft diese kluge, auch sehr tourneetaugliche Inszenierung routiniert ab und gibt den Darstellern viel Raum zur Entfaltung. Die ziemlich alle der Protagonisten – trotz dem Werk immanenter Längen – zu nützen wissen. Eric Greene etwa, der in der Titelrolle des Porgy (man alterniert) seinen mächtigen Bariton klug zum Einsatz bringt. Der Amerikaner macht die Nöte, Ängste, Sehnsüchte und auch den unbändigen Mut dieses Porgy vokal wie darstellerisch sichtbar und die vielen Hits Gershwins mehr als hörbar.

Die aus Trinidad-Tobago stammende Jeanine De Bique ist mit ihrem schlanken Sopran und mit ihrer intensiven Gestaltung diesem Porgy eine absolut ebenbürtige Bess. Taschentuchalarm inklusive.

Exzellent der amerikanische Bariton Norman Garrett als gewalttätiger, nicht eindimensionaler Crown und naturgemäß der dramaturgisch oft im Zentrum stehende lässige Drogendealer Sportin’ Life des südafrikanischen Tenors Zwakele Tshabalala.

Nur schade, dass Brandie Sutton mit „Summertime“ eine der größten Nummern des Werkes völlig vergibt. Denn auch das übrige Ensemble (u. a.: Tichina Vaughn, Ryan Speedo Green oder Mary Elizabeth Williams ) weiß durchwegs zu überzeugen.

Dazu kommen als tadelloser Chor – wie gesagt: man musste improvisieren – das so genannte Porgy and Bess-Ensemble und das Wiener KammerOrchester – special extended unter der sehr coolen Leitung von Wayne Marshall.

Dieser nämlich betont die Pointen in Gershwins fabelhafter Musik, hat das sehr gute Kammerorchester noch um ein paar erfahrene Jazzmusiker aufgestockt und lässt es swingen, grooven oder sogar rocken – ohne Angst vor der großen, klassischen Operngeste. Und der Jubel am Ende zeigte eines: Grenzen gibt es nur im Kopf. Schön!

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