Paul Wallner und Anna Müller sind HVOB.

© Andreas Jakwerth

Kultur
04/29/2019

HVOB: Loslassen, Hoffnung begraben

„Rocco“, die neue Platte des erfolgreichen Duos aus Wien, ist ein Trennungsalbum. Die Beats menscheln.

von Marco Weise

Ausgangspunkt Wien – zu Hause in der weiten Welt: HVOB sind ständig unterwegs. Vier Kontinente in fünf Tagen, mehr als 100 Konzerte in einem Jahr sind keine Seltenheit. Mittlerweile haben Anna Müller und Paul Wallner zwei Mitarbeiter engagiert, die sich um lästige Arbeiten wie Tour-Abläufe, Buchhaltung und Visa-Anträge kümmern. „Alleine würden wir das nicht mehr schaffen“, sagt Paul Wallner im KURIER-Interview.

Kürzlich hat das Produzenten-Duo sein viertes Album „Rocco“ veröffentlicht. Ein Doppelalbum mit 81 Minuten Gesamtlänge.

KURIER: Dass ihr beide für ein Gespräch zur Verfügung steht, ist etwas Besonderes, denn ihr gebt selten Interviews. Warum eigentlich?
Anna Müller:
Das hat viele Gründe. Einerseits möchte ich meine Worte stets mit Bedacht wählen und denke gerne etwas länger über meine Antworten nach. Da hat am Anfang natürlich auch lange Zeit eine gewisse Unsicherheit mitgespielt: Ich hatte am Anfang stets Angst davor, etwas zu sagen, dass ich nicht mehr zurücknehmen kann. Und dann wollten wir auch immer, dass nicht wir, sondern unsere Musik im Vordergrund steht.

Paul Wallner: Ich lasse bei Interviews gerne Anna den Vortritt. Das ist gelebte Arbeitsteilung (lacht). Ich kümmere mich stattdessen um andere Angelegenheiten. Aber wenn es sich ausgeht, versuchen wir immer zu zweit Interviews zu geben.

Anna: Es gibt in der Band einfach eine klare Aufteilung, wer für was verantwortlich ist. Anders würde das auch gar nicht funktionieren. Ich mache zum Beispiel alles, was Social Media, Presse, Promo und die interne wie externe Kommunikation mit dem Label betrifft. Der Paul ist das finanzielle Gehirn im Hintergrund, der Mathematiker, der vor Excel-Tabellen sitzt und mit Zahlen jongliert.

Ihr gebt kaum etwas aus der Hand. Würdet ihr euch als Kontrollfreaks bezeichnen?
Anna: Kontrolle ist bei uns immer schon ein großes Thema gewesen. Da eine Gelassenheit zu bekommen, ist nicht einfach. Mit zunehmenden Alter gelingt mir das aber immer besser.

Paul: Kontrolle ist uns wirklich in allen Belangen wichtig. Wir geben da wirklich ungern etwas aus der Hand. Wir möchten, dass alle Entscheidungen über unseren Tisch gehen. Wir haben für die neue Tour auch Wochen damit verbracht, das Licht für die Liveshows zu entwickeln. Während andere jemanden extra dafür beauftragen, haben wir uns mit unserem Techniker intensiv mit der Materie Licht auseinandergesetzt.

Anna: Wir wollten unsere Musik unbedingt visualisieren, weil man dadurch Emotionen verstärken kann. Für uns gehören Musik und Visuals zusammen – gemeinsam ergibt es ein großes Ganzes.

Paul: Wenn ich auf ein Konzert gehe und bei der Show passt das Licht nicht, macht mich das wahnsinnig. Daher ist und auch das Lichtkonzept bei unseren Shows wichtig.

Wie kommt man auf den Albumtitel „Rocco“?
Anna: Auf dem Album geht es viel ums Loslassen – von Menschen, Wünschen, Vorstellungen, guten und schlechten Angewohnheiten. Das Thema „Loslassen“ ist mit der Zeit gewachsen. Angefangen hat alles vor einem Jahr mit einer Begegnung in Ägypten. Nach unserem Konzert kam ein Mädchen zu mir und hat mir erzählt, dass ihr unsere Musik über die schmerzhafte Trennung von ihrem Freund hinweggeholfen hat. Und dieser Typ hieß Rocco. Dieser Name steht für mich seitdem fürs Loslassen.

Ein Song heißt „2nd World“. Ein möglicher Zufluchtsort?
Anna:
Es ist doch oft so, dass man, bevor man sich mit der Realität, also der ersten Welt, beschäftigt, eine zweite Welt aufbaut, in die man flüchtet. Aber nicht lange, denn bald merkt man, dass man die zweite Welt aufgeben muss, weil man sich damit nur selbst belügt, nichts Gutes tut. Danach stellt sich eine gewisse Erleichterung ein. Es geht auf dem neuen Album „Rocco“ auch viel um eine wiedergewonnene Freiheit, und darum, die Hoffnung zu begraben.

Die Hoffnung begraben. Warum das?
Anna:
Wenn man sich etwas zu sehr wünscht, rennt man an der Realität vorbei. Erst wenn man wirklich zu hoffen aufhört, gelingt es einem, loszulassen. Träumen hinterherzulaufen, macht unglücklich. Vielmehr gilt es: Dinge akzeptieren, sich selbst akzeptieren – und nicht immer alles verändern wollen.

Die Beats auf „Rocco“ fallen wesentlich verschachtelter aus als auf den bisherigen Alben. Gibt es Sounds, die sich durch alle bisherigen Platten ziehen?
Anna:
Nein, wir wollen unseren Sound ständig weiterentwickeln und uns auf keinen Fall wiederholen. Diese fortwährende Entwicklung hört man, denke ich, den bislang veröffentlichten Alben auch an. Aber uns ist es auch sehr wichtig, dass jeder Song nach dem gleichen Absender, nach uns klingt.Paul: An jede Platte gehen wir frisch heran, fangen quasi bei null an. Wir arbeiten nicht nach einem Baukastensystem – es wird immer alles neu gemacht. Klar gibt es viele Produzenten – vor allem im Bereich der Clubmusik –, die bis zu 90 Prozent immer mit denselben Sounds arbeiten. Für mich gibt es aber nicht DIE Bassdrum, die ich bei jedem zweiten Song einsetze. Jeder Track verlangt nach seiner eigenen Klangpalette.

Ihr seid viel unterwegs. Produziert ihr auch auf Reisen?
Anna:
Produziert wird hauptsächlich in Wien. Dafür nehmen wir uns bewusst Zeit. Ich kann nicht im Flugzeug sitzen und am Laptop Musik produzieren. Ich brauche dafür meine Ruhe, meinen Raum, wo ich mich voll und ganz aufs Musikmachen konzentrieren kann.Paul: Musik zu machen, ist für mich ein anstrengender Prozess, der viel Energie kostet. Das kann ich nicht nebenbei machen. Darauf muss ich mich bewusst einlassen und ich brauche auch immer rund eine Woche, bis ich in einen kreativen Flow komme.

Arbeitet ihr zu zweit oder jeder für sich?
Anna: Wir arbeiten beide zuerst einmal alleine an neuen Tracks. Danach spielen wir uns gegenseitig die Ideen, die zuhause entstanden sind, gegenseitig vor und geben uns Feedback, das wir danach in die Songskizzen einarbeiten. Daraus wachsen nach und nach die Songs, die entweder eher meine oder Pauls Handschrift tragen.

Wie nehmt ihr die heimische Musikszene wahr?
Paul: Vor ein paar Jahren galt noch: „Oh, eine Band aus Österreich, die höre ich mir gar nicht erst an.“ Jetzt ist es genau umgekehrt.

Anna: Ich finde es toll, wie Musik aus Österreich plötzlich anders wahrgenommen wird. Das freut mich sehr. Aber will unsere Musik nicht verorten. Ich lehne diese Schubladendenken ab.

Paul: Stimmt. Es gibt nur gute Musik oder schlechte Musik. Und ob die nun aus Brooklyn oder aus Meidling kommt, ist schlussendlich egal.

HVOB: Eigenes Festival in der Arena Wien:
Wenn es um die Verbindung von Heiterkeit und Melancholie, von Party und Entschleunigung geht, ist man bei HVOB  an der richtigen Adresse. Das Wiener Produzenten-Duo hat sich seit seinem 2012 veröffentlichten, titellosen Debütalbum zu einem weltweit angesagten Act im Bereich der elektronischen Musik entwickelt.

Die Musik von Anna Müller und Paul Wallner  alias HVOB  menschelt, ist verträumt und  tanzbar. Sie klingt herrlich unösterreichisch und könnte auch aus New York, Berlin oder London stammen. Das ist auch gewollt, denn mit Siegeln wie „Made in Austria“ kann das Duo  nichts anfangen. „Musik ist ja kein Bio-Ei“, sagte Anna Müller im Interview treffend.

HVOB  laden am 29. Juni wieder zum Check-Festival in die Arena Wien ein. Bei dem von der Band  organisierten Event für elektronische Musik  treten  – neben HVOB – noch  Forest Swords und Pional auf. Mehr Infos zur Band  und zum  Festival: hvob-music.com