Plácido Domingo (Archivbild).

© APA/AFP/ANGELA WEISS

KunstStoff
10/24/2019

Plácido Domingo in der Staatsoper: Mit zweierlei Maß

In den USA im Karriere-Out, singt der Star heute in Wien. Ein Beispiel für den unterschiedlichen Umgang mit Moraldebatten.

von Georg Leyrer

Es geht, bei Verdi wie bei Shakespeare, ganz zentral um eine Frau: Denn niemand kann Macbeth töten, so wird diesem prophezeit, der von einer Frau geboren wurde.

Einige andere Frauen stehen an diesem Freitag aber explizit nicht im Zentrum. Plácido Domingo, einer der größten Sänger des 20. Jahrhunderts, ist heute an der Wiener Staatsoper erstmals als Macbeth in Giuseppe Verdis gleichnamiger Oper zu erleben. Dass es gegen Domingo im Zuge der #MeToo-Debatte zuletzt Belästigungsvorwürfe mehrerer Sängerinnen gab, hat ihn zwar in den USA ins Karriere-Out geworfen.

In Europa aber werden derartige Fragen ganz anders bewertet – so, dass Domingo in Salzburg, Zürich und Wien genauso gerne gesehen ist wie eh und je.

Gerade die Klassikbranche zeigt dieses deutlich unterschiedliche Verhältnis, das Kultur und Moraldebatten hier wie dort führen: Während in Amerika die Balance zwischen den beiden extrem in Richtung Moral ausschlägt, zählt diesseits des Atlantik im Zweifelsfalle die Kultur mehr.

Auch wenn die Kultur selbst die Moral gerne auf den Lippen führt.

So, wie zuletzt etwa die Salzburger Festspiele: Dort standen die Eröffnungsrede durch Peter Sellars sowie gleich die erste Produktion, Mozarts „Idomeneo“, ganz im Zeichen des Klimawandels (und natürlich auch der Freiheit und der Demokratie und was einem sonst noch dazu einfällt). „Die Zerstörung unserer Umwelt ist die Zerstörung unserer eigenen Körper, unseres Lebens“, sagte Sellars etwa. Und er freute sich: „In diesem Jahr haben erstmals erneuerbare Energiequellen die Rentabilität der fossilen Brennstoffe übertroffen. Sogar der Kapitalismus scheint dies zu erkennen!“

Fossile Sponsorenstoffe

Der Kapitalismus hatte schnell eine Antwort parat.

Nur ein paar Wochen später, die Eröffnungsworte waren längst verhallt, haben die Salzburger Festspiele einen neuen Projektsponsor vertraglich festgeschrieben: Gazprom, der russische Riese fossiler Brennstoffe, wird sich an den Produktionskosten einer russischen Oper im Jubiläumsjahr 2020 beteiligen.

Mit ein bisschen Verzögerung ist diese rasante Drehung auf der finanziellen Ferse nun in den USA angekommen: Die New York Times wies diese Woche auf zahlreiche internationale Kulturinstitutionen hin, die ihre Sponsorendeals mit Gas- und Ölfirmen auf öffentlichen Klimadebatten-Druck gekappt haben. Und darauf, dass die Festspiele hier in die Gegenrichtung unterwegs sind.

Man könne, zitiert die Zeitung eine Reaktion der Festspiel-Präsidentin Helga Rabl-Stadler, nachhaltige Lösungen nicht gegen, sondern nur mit den großen Unternehmen dieses Bereichs finden.

„Es gibt niemanden mehr mit sauberen Händen“, sagte Sellars selbst zur New York Times. „Wir sind alle Teil des Klima-Notfalls, und wir müssen alle Teil der Lösung sein.“

Ein Sentiment, das sich inzwischen auch auf die anfangs so heiß geführte #MeToo-Debatte erstreckt.

Längst wird zumindest in Europas Klassikszene der Blick darauf, wer saubere oder vielleicht auch schmutzige Hände hat, auf unscharf gestellt. Prominente Dirigenten, die nach Vorwürfen Jobs verloren haben, haben schöne neue gefunden.

Und wenn sich Frauen öffentlich gegen wichtige Figuren äußern, wird nicht die etwaige Tat, sondern die Kritik am Star als Affront verstanden.

Kritik an den Vorwürfen

So auch bei Domingo, der mit seiner Stimme verzückte und inzwischen zum Elder Statesman der Klassikszene avanciert ist. Den Vorwürfen gegen ihn stellt sich breite Ablehnung entgegen: Die Sängerinnen, die sich wegen einstiger oder bestehender Machtverhältnisse nur anonym äußern wollen, werden als „feig“ angegriffen. Die Vorwürfe werden als nicht bewiesen oder als damaliger Normalbetrieb weggestuft. Jedenfalls in Europa.

Die Salzburger Festspiele und auch die Wiener Staatsoper transponieren die Moral- vorsorglich in eine Rechtsdebatte. Beide verwiesen bei Domingo auf die Gerichte und das Prinzip „im Zweifel für den Angeklagten“: So lange Domingo nicht gerichtlich belangt werde, sieht man keinen Grund, den Opernstar auszuladen.

Nur der Europäische Kulturpreis, der am Sonntag in der Staatsoper verliehen wurde, wollte sich durch etwaige Nebendebatten nicht die glanzvolle Gala verderben lassen – und verschob die Ehrung Domingos auf 2020, in der Hoffnung, dass die Vorwürfe bis dahin vielleicht genauso vergessen sein werden wie Sellars Klimamahnung in Salzburg.

Diese Selbstimmunisierung des europäischen Kulturbetriebs gegen als überschießend empfundene Moraldebatten wird von vielen still oder weniger still begrüßt.

Der Branche kann es recht sein: Der US-Markt ist zwar ein einflussreicher, aber beileibe nicht der größte. So lange in Europa und, zunehmend, Asien das Werkl ohne grobe Misstöne läuft, scheint die Klassikwelt in Ordnung.

Der Druck ist jedenfalls abgeflaut. Die Stimmen, die auf das steile Machtgefälle gerade im Bühnenbereich zwischen Direktoren, Regisseuren, Dirigenten auf der einen und Ausführenden auf der anderen Seite hinweisen, sind zuletzt merklich leiser geworden.

Dass sich etwas nachhaltig ändert in der Branche, scheint zunehmend so unwahrscheinlich, wie ein Wald, der sich bewegt.

Oder dass ein Mensch nicht von einer Frau geboren wird.

Also, auf zu einem sicher schönen Opernabend.

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