Kultur
05.07.2018

Philipp Hochmair: "Ich stelle mich voll zur Verfügung“

Der Schauspieler im Gespräch über seine Rolle im Film "Candelaria - ein kubanischer Sommer".

Philipp Hochmair trifft man auch in Filmen an, wo man ihn am wenigsten erwartet. In einer kolumbianischen Produktion beispielsweise, die in Kuba gedreht wurde und von dem Schicksal eines sehr alten Ehepaars in Havanna erzählt. Im Leben dieser Leute taucht plötzlich Philipp Hochmair als Hehler auf, raucht provokant Zigarre und verkauft gestohlene Wertsachen auf dem Schwarzmarkt.

Wie er da hinein geraten ist, in diesen kleinen Film namens „ Candelaria“ (Kinostart: Freitag), kann sich Hochmair selbst nicht genau erklären: „Es ist für mich ein großes Rätsel“, sagt der 43-jährige Schauspieler aufgeräumt im KURIER-Gespräch: „Aber danach ist die Freude darüber, dass es so gut geworden ist, umso größer.“

Hochmair gilt als Berserker der Schauspielkunst. Egal, ob auf der Bühne, im Kino oder Fernsehen – er sucht (fast) immer den Grenzgang. Als ehemaliges Ensemble-Mitglied des Burgtheaters spielt er etwa eine gerockte Version von „Jedermann Reloaded“ und tritt als böser Politiker namens Joachim Schnitzler in der TV-Serie „Vorstadtweiber“ auf. Im Arthouse-Kino stach er in Händel Klaus’ „Kater“ als schwuler Mann in der Beziehungskrise hervor, in dem Drama „Tiere“ als untreuer Ehepartner von Birgit Minichmayr.

 

In „Candelaria“ ist seine Rolle zwar klein, dafür aber ausgesprochen prägnant.

KURIER: In „Candelaria“ spielen Sie einen flamboyanten, zwielichtigen Typen, der Diebesgut verkauft und Pornos vertreibt. Muss man sich auf so eine Rolle speziell vorbereiten oder reicht da die Fantasie?
Philipp Hochmair:
Diese Frage ist berechtigt, und ich habe sie mir auch gestellt: Was wollen die von mir? Ich bin dann ein paar Tage in Havanna herum spaziert und habe mich gefragt, was ich hier mache. Auf einmal sehe ich auf der Straße einen Mann, der genau dem Typus meiner Rolle entspricht: Ein Italiener, der seit 15 Jahren in Havanna lebt; der eine komische Mischung aus Spanisch und Italienisch spricht, und seltsame Tattoos von Inter Mailand am Körper trägt. Der Italiener sagte: „Der billige Rum und das System von Castro! Wir sind hier alle verrückt!“ Und das war für mich der Schlüssel für die Rolle. Ich wusste gleich, das ist der Typ, um den es geht: Europäische Energie im Castro-System. Einer, der sich amüsiert, die Gesetze kennt und seine Vorteile herausschlägt.

Wie kommen Sie zu Ihrem astreinen Spanisch?
Ich kann sehr gut Französisch und auch etwas Spanisch, aber ich musste es mir schon ein bisschen erarbeiten. Ob ich jetzt aber den Mephisto für „Faust“ lerne oder zwanzig Sätze auf Spanisch, ist von der Mechanik her egal. Goethe spielen ist eine andere Sprache, Handke ist eine andere Sprache – ich als Legastheniker und leselimitierter Mensch muss das alles gleich hart erkämpfen.

Apropos Legastheniker: Stimmt es, dass Sie Ihre Rollen lernen, indem sie Ihnen jemand vorspricht?
Ja, ich will den Text nicht lesen müssen. Jemand sagt ihn mir vor, ich spreche ihn nach. So spielt man sich dahin.

Und wer macht das?
Irgendwer, der Lust und Zeit hat. Es finden sich immer Leute, die das gerne machen (lacht). Ich probe am Tisch. Ich brauche jemand, der mit mir im vertrauten Setting die Rolle durchspricht. Manche spartenfremden Leute sagen nachher, dass es ein sehr unerwartetes, erfrischendes Erlebnis war. „Don Carlos“ von Schiller mit mir im Sommer in Oberösterreich lernen. Man trifft sich jeden Tag im Kaffeehaus und spricht drei Stunden lang den „Don Carlos“ durch. Und am Ende des Sommers sitzt man da und musiziert das ganze Stück zu zweit. Das ist wie ein Trip.

 

In „Candelaria“ treten Sie im Schlafrock auf, mit Goldketten und Zigarre. Auf Ihrer Wikipedia-Seite sieht man Sie im Glitzer-Sakko – und das sieht ein bisschen aus wie eine Mischung aus Zirkusdirektor und Zuhälter. Gefällt Ihnen so ein Outfit?
Das ist mein Jedermann-Kostüm! (lacht) Aber die Ketten sind von mir, und Zigarre rauche ich sowieso. Das ist mein Rockstar-Outfit. Aber Zirkusdirektor und Zuhälter ist gut, das finde ich lustig.

Aber Sie bleiben auch privat oft gerne in Ihren Kostümen, oder?
Ja, ich vermische Kunst und Realität, das macht mir Spaß. Ich verwische gerne die Grenze zwischen Zuschauerraum und Bühne – das habe ich von meinem Lehrer Klaus Maria Brandauer gelernt. Im Zirkusdirektor-Kostüm herumlaufen und schauen, wie die Leute reagieren. Das interessiert mich. Dieses Glitzer-Jacket ist ein Kostümteil aus dem Thalia-Theater, das ich gekauft habe. Ich ziehe es an, wenn ich performe, und weil es auffällig und lustig ist, wenn man so halb nackt in einem Goldjacket steckt. Dazu gehören die Ketten und die Ringe. Das ist eine Art Kunstfigur, eine Art Privat-Falco. Und es ermächtigt mich, Spaß zu machen.

Wenn man Sie in Ihren Filmen – etwa „Kater“ oder „Tiere“ – sieht, hat man das Gefühl, es fällt Ihnen leicht, sich zu entäußern. Ist das so?
Ich habe nicht das Gefühl, das Gesicht zu verlieren, wenn ich mal nackt im Kino bin. Das ist mir egal. Ich erlebe mein Leben als Selbstexperiment und stelle mich voll zur Verfügung. Ich genieße es einfach, die Grenzen zur Alltagsrealität zu erweitern. Ich wurde in sehr geregelten Verhältnissen erzogen, und es macht mir Spaß, die Türen aufzumachen und woanders hinzuschauen. Die meisten Menschen richten ihr Haus einmal ein und lassen es dann so ein Leben lang. Ich hingegen genieße es total zu sagen: Mein Leben ist ein Bühnenbild, und ich kann es andauernd neu bestücken. Ich habe kein Interesse daran, ein immergleiches „Heim“ zu haben. Ich habe leere Wohnungen, die ich jedes Mal so arrangiere, wie ich es gerade brauche. Wenn ich einen Text lerne, räume ich alles weg, stelle den Kaffeehaustisch ins Zimmer, die Zigarre oder das Mittagessen, und dann wird musiziert. Am nächsten Tag lerne ich eine andere Rolle und räume alles wieder um. Ich genieße es einfach, die Räume flexibel zu halten.

Wie sieht das konkret aus?
Ich habe kein Konzept. Ich besitze einen kleinen Rollkoffer – den ich auch jetzt bei mir habe – und darin führe ich alles mit: Pass und Schlüssel für die anderen Wohnungen. Ich gehe aus dem Haus hinaus und glaube, ich komme morgen wieder – und dann bin ich ein halbes Jahr weg. Das habe ich vorher nicht geplant.

Und Sie empfinden das nicht als eine Art Heimatlosigkeit?
Heimat ist bei mir die Kunst. „Candelaria“ hat mir eine Heimat gegeben, „Vorstadtweiber“ hat mir eine Heimat gegeben, „Kater“... Das sind alles Domizile, wo sich etwas ereignet und eine Entwicklung stattfindet. Ich bin ein Monat lang Zuhälter in Kuba, ein halbes Jahr Joachim Schnitzler in den „Vorstadtweibern“, und dann ist vielleicht wieder Pause für eine Ayurveda-Kur in Indien. Mein Leben ist anstrengend, aber am Ende des Tages bin ich sehr glücklich – über die Fülle an Erlebnissen und die Freude an einem Dialog mit der Welt.